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Marktberichte

Aktuellzum Archiv:Auktions-Vorbericht

Ketterer Kunst wird 80 Jahre alt. Aufgebaut in Stuttgart von den Brüdern Roman Norbert und Wolfgang Ketterer, ist das Auktionshaus heute in München ansässig und hat sich zum umsatzstärksten Versteigerer im deutschen Kunstmarkt entwickelt. Ein Blick auf die Jubiläumsauktion, Marktfrische und Neuentdeckungen inkludiert

Verloren im mystischen Violett



Wassily Kandinsky,  Villa Seeburg am Staffelsee, 1911

Wassily Kandinsky, Villa Seeburg am Staffelsee, 1911

Es ist einer jener Glücksfälle, die sich jeder im Kunstmarkt wünscht. Das Werk eines großen Künstlers ist lediglich durch eine vorbereitende Studie und aus der Literatur bekannt. Dann taucht es unerwartet in Privatbesitz auf und wird nach hundert Jahren erstmals wieder der Öffentlichkeit präsentiert – so geschehen bei der „Villa Seeburg am Staffelsee“ von Wassily Kandinsky. In der entscheidenden Phase seiner künstlerischen Entwicklung, als er 1910 sein berühmtes Traktat „Über das Geistige in der Kunst“ verfasst, löst sich Kandinsky mit dieser Landschaft aus dem Jahr 1911 vom Gegenstand. Das kraftvolle Farbenspiel setzt beinahe alles Materielle frei. Ein Haus, ein Baum und ihre Spiegelungen im Staffelsee sind nur noch zu erahnen. Das Kolorit zwischen hellem Weißgelb und dunklen Grün- und Blautönen leuchtet kraftvoll auf und ist der eigentliche Träger von Inhalt und Stimmung. Dieses Manifest der künstlerischen Befreiung, ein früher Beleg auf Kandinskys Weg in die Ungegenständlichkeit, befand sich nachweislich zwischen 1913 und 1919 im Privatbesitz der Malerin Nell Walden, der Ehefrau des legendären Galeristen, Schriftstellers und Avantgardeförderers Herwarth Walden, gelangte später in die seinerzeit renommierte Kollektion des Arztes Oskar Kirchner, der in Gelsenkirchen laut Stadtchronik „eine der wertvollsten privaten Kunstsammlungen der modernen Malerei im weiten Umkreis besessen hatte“, und verblieb nach seinem Tod 1956 in Familienbesitz. Mit einer Schätzung von 2 bis 3 Millionen Euro ist Kandinskys „Villa Seeburg am Staffelsee“ nun einer der Höhepunkt in der Jubiläumsauktion von Ketterer in München.


Im 1982 erschienen Kandinsky-Werkverzeichnis war die Landschaft „Bei Oberau“ bislang mit dem Vermerk „Verbleib unbekannt“ verzeichnet. Grund dafür war eine kuriose Verwechselung. Denn die kleine, ebenfalls farbgewaltige Landschaft aus der Gegend um Murnau, die im charakteristischen Duktus des Künstlerpaars Gabriele Münter und Wassily Kandinsky 1908 während eines Sommeraufenthalts im Blauen Land entstand, wurde von Münter datiert und betitelt, gehörte als zurückgelassenes Werk Kandinskys zu ihrer Sammlung und gelangte 1957 mit anderen Werken als ihre Stiftung an das Lenbachhaus in München. Teile davon wurden verkauft. Alsbald kursierte das Bild im Kunsthandel als Werk Münters. Erst den Zweifeln der Ketterer-Experten und ihrer Recherche ist es zu verdanken, dass die expressive Naturbeobachtung korrekt wieder Kandinsky zugeordnet wird (Taxe 500.000 bis 700.000 EUR). Ein weiteres Kandinsky-Werk listet der Katalog. Mit dem Aquarell „Sachte“ aus dem Jahr 1929 liegt eine streng geometrische Komposition vor, in der Kandinsky nur noch auf Punkte, Linien und Flächen setzt und über den beiden aus dem Komplementärfarben Rot und Grün entwickelten Bildhälften spielerisch Kreuze, Kreise, Striche, Balken und Schwünge in eine Spannung zueinander setzt (Taxe 250.000 bis 350.000 EUR).

Der deutsche Expressionismus ist ein Fixpunkt im Auktionshaus Ketterer. Das hat mit seiner Geschichte zu tun. 1946 gründete Roman Norbert Ketterer, der bis dato mit Altöl gehandelt hatte, in der Aufbruchsstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg das „Stuttgarter Kunstkabinett“ und konzentrierte sich auf die im Dritten Reich als entartet diffamierten Expressionisten, die dann wieder gehandelt werden durften und begehrt waren. Ein Jahr später trat sein jüngerer Bruder Wolfgang Ketterer in das Unternehmen ein. Von 1947 bis 1962 fanden hier 37 Auktionen mit Kunstwerken der Klassischen Moderne statt. Aufgrund von Spannungen trennten sich die Wege der beiden Brüder bald wieder, und Wolfgang verließ 1953 das Stuttgarter Kunstkabinett, baute seine eigene Galerie in Stuttgart auf, zog 1965 nach München und eröffnete dort sein Auktionshaus. Bereits 1962 hatten die Erben Ernst Ludwig Kirchners Roman Norbert Ketterer zum Verwalter des Künstlernachlasses bestimmt, der daraufhin nach Campione d’Italia am Luganersee zog, dort eine Galerie eröffnete und aktiv durch gezielte Platzierung und wissenschaftliche Aufarbeitung den internationalen Markt für Kirchner-Werke entwickelte. Heute führen seine Tochter Ingeborg und sein Schwiegersohn Wolfgang Henze sein Erbe in der Galerie Henze & Ketterer in Wichtrach bei Bern fort.

Fixstern Kirchner

In München setzte Wolfgang Ketterer 1994 seinen Sohn Robert als Geschäftsführer der neugegründeten Firma Ketterer Kunst ein, der bis heute die Geschicke des Auktionshauses verantwortet und zum fünfzehnten Mal in Folge die höchsten Umsätze eines Auktionshauses in Deutschland einfuhr, selbstredend mit Werken Ernst Ludwig Kirchners, der zur aktuellen Auktion unter anderem das Freundschaftsbildnis „Hommage à Klee“ von 1935/36 zur Verfügung stellt. Das Portrait Paul Klees mit Violine, den Kirchner 1934 in der Schweiz kennengelernt hatte, und seiner Frau Lily samt weißer Katze ist in der für Kirchners Spätwerk typischen Schablonenmalerei gehalten und kommt nach 60 Jahren in deutschem Privatbesitz für 300.000 bis 400.000 Euro wieder auf den Kunstmarkt. Aus bester Brücke-Zeit stammt Kirchners Vedute „Landschaft mit Haus“, auf der er 1910 mit kraftvollem Pinselstrich und in kontrastreichen reinen Farben sowie in vereinfachten Formen das Torhaus an der Hauptallee des Großen Gartens in Dresden verewigte (Taxe 800.000 bis 1.200.000 EUR).

Da kann Brücke-Kollege Hermann Max Pechstein durchaus mithalten. Ebenfalls im Jahr 1910 während des legendären Moritzburger Sommers, in dem sich Pechstein, Heckel und Kirchner zum Malen trafen und dafür keine Berufsmodelle, sondern Menschen „ohne Atelierdressur“ suchten, schuf Pechstein sein Meisterwerk „Zwei liegende Mädchen“. In expressiv lodernden Rot-, Pink-, Grün- und Gelbtönen standen ihm dafür die berühmte Artistentochter Fränzi Fehrmann und ihre ältere Schwester Johanna Rosa Modell. Für 1,5 bis 2 Millionen Euro erhält der Käufer auf der Rückseite noch das vollwertige Stillleben „Holzfigur mit Tulpen“ von 1914 dazu. Erich Heckel ist auch mit von der Partie. Für die sechste Jahresmappe der Künstlergruppe „Brücke“, die ihm gewidmet war und 1911 in einer Auflage von 68 Stück erschien, fertigte Heckel damals ebenfalls von Fränzi ein Aktportrait und positionierte sie auf dem Holzschnitt formatfüllend in kantigen Formen vor einer welligen, rot-grünen Landschaft. Dazu gibt es noch seine Kreide- und Pinsellithografie „Szene im Wald“ und seine Kaltnadelradierung „Strasse am Hafen“ sowie Pechsteins Holzschnittumschlag „Kniender Akt mit Schale“ (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR).

Als weiterer Brücke-Künstler tritt Karl Schmidt-Rottluff mit der menschenleeren „Alpenlandschaft“ an, die er 1914 in einem besonneneren Kolorit aus Braun-, Grün- und Blautönen anlegte und der monumentalen Bergkulisse damit eine alpine Ruhe verlieh (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR). In fast identischer Farbstellung malte Otto Mueller rund fünf Jahre später seine „Badenden am Waldsee“ und idealisierte als Romantiker unter den Brücke-Künstlern wieder einmal die Verschmelzung von Mensch und Natur abseits der lauten Großstadt-Realität (Taxe 500.000 bis 700.000 EUR). Da fehlt nur noch Emil Nolde, der in seinem Figurenbild „Drei Frauen“ die rätselhaften Gestalten in mutigen Farben und unnatürlichen Formen bedrohlich, verführerisch und mystisch aufeinander treffen lässt. Hier stehen ebenfalls 500.000 bis 700.000 Euro auf dem Etikett. Das Meer in seiner elementaren Urgewalt ist eines der Schlüsselthemen in Noldes Schaffen. Auf einer Leinwand von 1930, die zu den sechs auf Sylt entstandenen Meeresbildern dieses Jahres gehört, stellt er den Betrachter direkt mitten in die See, so dass man meint, die weißen Gischtkämme des aufgewühlten grünblauen Wasser würden unter dem dunkelvioletten Abendhimmel über den Bilderrahmen schwappen (Taxe 800.000 bis 1.200.000 EUR).

Ein Feininger-Fest

Neben Kandinsky macht von den Blauer Reiter-Künstlern Alexej von Jawlensky, ein weiterer Stammgast bei Ketterer, auf sich aufmerksam. Farbstark und geradezu plakativ unterstreicht er um 1916 die Gesichtszüge eines Mädchenkopfs und entwickelt eine lebendige Bildsprache für das Temperament und die Gefühlswelt der jungen Frau. Das „Portrait“ stammt aus dem Besitz der Wiesbadener Malerin Lisa Kümmel, die ab den späten 1920er Jahren bis zu seinem Tod 1941 Jawlensky in den vielfältigen organisatorischen Belangen unterstützt hat (Taxe 400.000 bis 600.000 EUR). Weitaus stilisierter und damit beruhigter, auch in der Farbwahl, tritt Jawlenskys meditativer, fast schlafender abstrakter Kopf von 1931 unter dem Titel „Nordisch“ auf (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR). Seestücke und Küstenlandschaften gehörten zur bevorzugten Motivwelt Lyonel Feiningers. Dafür steht „Die Insel“ von 1923, ein Werk aus der frühen Bauhaus-Zeit in Weimar. Häufig verbachte Feininger die Urlaube mit seiner Familie an der Ostsee, was ihn damals zu dem Naturschauspiel eines aufgetürmten Wolkenberges anregte. In seinem prismatisch-kubistischen Stil stellte er einen kleinen Menschen an die Küste, der von der Stille und Erhabenheit der Wolkenformationen gebannt zum Himmel schaut (Taxe 700.000 bis 900.000 EUR). Ein unverkennbares Vorbild liegt bei Ketterer mit Feiningers Bleistiftskizze für das Gemälde aus dem Jahr 1922 vor (Taxe 6.000 EUR).

Mit der Replik der grotesk-lustigen Straßenszene „Red Streetsweeper“, deren ursprüngliche Fassung Feininger 1920 malte und nach ihrer Vernichtung bei einem Lagerhausbrand in Montana 1949 wiederholte, direkt aus dem Nachlass seines Sohnes Theodore Lux Feininger (Taxe 200.000 bis 300.000 EUR), mit der malerischen Transformation des Bauhaus-Holzschnitts „At the Sea-Side“ von 1940 (Taxe 140.000 bis 180.000 EUR), dem gleichaltrigen Schiffsporträts „Queen of the Hudson“ unter einem doppelten Regenbogen mit selber Feininger-Provenienz (Taxe 140.000 bis 180.000 EUR) und dem Seestück „Hulks“ von 1923 als malerischer Manifestation von Licht und Materie aus dem Besitz seines anderen Sohnes Andreas Feininger (Taxe 400.000 bis 600.000 EUR) sowie weiteren Werken in der Tagesauktion kann Ketterer diesmal eindrucksvoll das Schaffen Lyonel Feiningers würdigen. Nach dem Deutschamerikaner kommt ein Franzose zum Zug: Francis Picabia war ein ruheloser Wanderer in der Kunstszene und konnte sich rasch für neue Stile, Auffassungen und auch Moden begeistern. Aus seiner kurzen, zwischen 1928 und 1931 andauernden Phase der „Transparences“ mit ihrer traumartigen Erkundung des Unterbewusstseins stammt das Ölgemälde „Manucode“ von 1929. Benannt nach der exotischen, auf Neuguinea lebenden Vogelart der Kräuselparadieskrähe, überlagern sich hier die Vogelmotive, menschliche Gesichtszüge, eine Herzform und florale Wachstumselemente zu einer surrealistischen Schöpfung voller „versteckter Winkel“ (Taxe 1 bis 1,5 Millionen EUR).

Explosive Malerei

Mit abstrakten Kreationen geht es in der Nachkriegszeit weiter. Da wäre zuerst Emilio Vedovas energiegeladene, wilde „Tensione, N 4 V“ aus dem Jahr 1959, in der der ehemalige Partisan und zeitlebens politisch engagierte Künstler explosive Kräfte aufeinanderprallen lässt (Taxe 700.000 bis 900.000 EUR). Überlegter geht Ernst Wilhelm Nay bei seinem Scheibenbild „Motion“ von 1962 ans Werk, bei dem sich die Kreisformen aufzulösen beginnen (Taxe 500.000 bis 700.000 EUR). Cy Twombly kritzelte 1964 bei seiner unbetitelten Arbeit wieder einmal mit Bleistift, Wachskreide und Kugelschreiber einige Striche, Schraffuren und Kreislinien aufs Papier, gab noch einige kryptische Wortfragmente und Chiffren hinzu und will dafür nun 400.000 bis 600.000 Euro sehen. Morris Louis’ monumentale „Veil Paintings“ sind Ikonen der amerikanischen Farbfeldmalerei. Dafür goss er 1958 drei erdfarben fließende Schemen auf seiner dreieinhalb Meter breiten Leinwand „Dalet Chet“ aus (Taxe 400.000 bis 600.000 EUR).

Minimalismus pur dagegen bei seinem amerikanischen Kollegen Robert Mangold: Seine „Four squares within a square (Light Blue)“ von 1974 wollen nicht mehr sein, als der Titel sagt, und sind somit radikal reduzierte Malerei (Taxe 300.000 bis 400.000 EUR). Mit auf geometrischen Grundformen reduzierten Mittel arbeitete zudem der Bildhauer Richard Serra. 1969 stellte er für seine frühe „Prop-Sculpture“ zwei rechteckige Bleiplatten gegen einen runden Bleistab und brachte die Elemente somit in ein Gleichgewicht (Taxe 600.000 bis 800.000 EUR). Überraschend ähnlich wirkt Fritz Koenigs verrostete Eisenskulptur „Großes Bodenkreuz I“ von 1980 (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Bei Günther Uecker tritt das Moment der Bewegung hinzu, wenn er 1961 in der frühen ZERO-Zeit bei seiner „Taktilen Struktur Rotierend“ die grau gestrichen Nägel auf dem grauen Rupfen tanzen lässt (Taxe 150.000 bis 200.000 EUR).

Pop Art im reinsten Sinne ist Konrad Luegs bunte Kreisekomposition von 1966. Denn er griff auf den Alltagsgegenstand einer Tapete zurück und fand in deren repetierendem Dessin den Anlass für seine humorvoll überzogene Aneignung (Taxe 100.000 bis 150.000 EUR). Sein Studienkollege und später Weggefährte Sigmar Polke bediente sich bei Zeitungen und Zeitschriften, adaptierte und verfremdete das serielle Massenprodukt und brach damit die Grenzen von Kunst und Alltag, Fiktion und Realität auf, wie bei seinem frühen Rasterbild „BZ am Mittag“ aus dem Jahr 1965. Grundlage war das Titelblatt einer im alten Stil gedruckten Hochzeitszeitung von Verwandten des rheinischen Sammlerpaars Schniewind, mit dem Polke die gutbürgerliche Spießigkeit der Wirtschaftswunderjahre persiflierte (Taxe 1,2 bis 1,8 Millionen EUR). Der vor kurzem verstorbene Georg Baselitz beteiligt sich mit seinem Großformat „Enddesign“ von 2011 an der Auktion, geht bei seinem Werk aus der „Remix“-Serie gar bis Albrecht Dürer zurück, zitiert den Polyeder aus dessen bekanntem Kupferstich „Melencolia“ von 1514 und bezieht ihn auf seine eigenen frühen „Fraktur“-Bilder (Taxe 550.000 bis 750.000 EUR). Mit Gotthard Graubners „Lapilli“ von 1995 kommt einer seiner wandfüllenden Farbraumkörper zum Aufruf, in dessen sinnlichen, beinahe mystischen Variationen von Violett man sich verlieren möchte (Taxe 400.000 bis 600.000 EUR).

Der „Evening Sale“ von Ketterer beginnt am 12. Juni um 17 Uhr. Eine Besichtigung der Werke ist noch am 10. Juni von 10 bis 20 Uhr, am 11. Juni von 10 bis 17 Uhr möglich.

Kontakt:

Ketterer Kunst

Joseph-Wild-Straße 18

DE-81829 München

Telefon:+49 (089) 552 440

Telefax:+49 (089) 552 441 66

E-Mail: infomuenchen@kettererkunst.de

Startseite: www.kettererkunst.de



10.06.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

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Sigmar Polke, BZ am Mittag, 1965
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