 |  | Friedrich Nerly, Campagnalandschaft mit Aqua Claudia, 1836 | |
Den Auftakt bildet ein hell strahlender Marmorblock vor der Kulisse der Berge von Carrara. In der Bildmitte, leicht nach links versetzt angeordnet, ziehen Büffel den stattlichen Quader auf einem Fahrgestell. Die Inschrift auf dem Block verweist auf den dänischen Bildhauer Bertel Thorvaldsen, der 1823 den Auftrag für das Grabmonument von Papst Pius VII. erhalten hatte. Nicht nur die 1833 kreierte Bildidee war neu, sondern auch der gezielte Geschäftssinn des Malers Friedrich Nerly. Geschickt profitierte er von der Berühmtheit des seit langem in der Ewigen Stadt lebenden Bildhauers und erregte mit dem Werk Aufsehen. Die Erstfassung des Gemäldes gelangte in die Kollektion des russischen Zaren. Thorvaldsen indes bestellte für seine öffentlich zugängliche Privatsammlung eine Zweitfassung, die dem Maler stetige Präsenz bescherte. Diese Fassung führt derzeit in der Kunsthalle Bremen in eine umfangreiche Schau über den Romantiker ein. In vielerlei Hinsicht war Nerly ein Sonderfall.
Geboren 1807 in Erfurt, genoss er keine akademische Ausbildung, sondern schulte sich nach dem frühen Ableben des Vaters privat im Kreis von Verwandten und Bekannten sowie als Lehrling in einer lithografischen Werkstatt. Besonders der Kunsthistoriker Karl Friedrich von Rumohr unterrichtete und förderte ihn maßgeblich. Nerly begleitete seinen Mentor auf Reisen und gelangte 1828 nach Rom. Voller Begeisterung italianisierte er seinen Geburtsnamen „Nehrlich“ in Nerly. Ende 1835 ließ er sich in Venedig nieder, wo er 1840 eine Venezianerin ehelichte und 1878 verstarb. Nerly war jünger als die maßgeblichen Vertreter der Romantik, kam erst spät nach Rom, hatte ausgereifte Nerven, eine exzellente Gesundheit und lebenslang Erfolg. Obgleich ein Unikum, war er Teil einer romantischen Aussteigerbewegung aus Malern, die retour in eine imaginäre Vergangenheit des Mittelalters blickten und quasi eine rückwärtsgerichtete Avantgarde vertraten.
Sein Sohn Friedrich Paul Nerly gab einen Teil des väterlichen Nachlasses an dessen Heimatstadt Erfurt, wo er den Grundstock des heutigen Angermuseums bildete. Ein anderer Teil fand über Nachfahren den Weg in die Kunsthalle Bremen. Dazu gehörte auch die beschädigte, aufgerollte Leinwand „Campagnalandschaft mit Aqua Claudia“. Erst kürzlich aufwendig restauriert, erweist sie sich nun als ein Hauptwerk des Malers. Jetzt bildet das 1836 geschaffene und seit 1878 nicht mehr öffentlich gezeigte Werk den Mittelpunkt einer umfangreichen Schau unter dem Titel „Natur und Antike“ mit dem Schwerpunkt der römischen Schaffensjahre. Dazu hat die Kuratorin Dorothee Hansen rund 160 Arbeiten, darunter Gemälde, Ölstudien, Zeichnungen, Aquarelle und Fotografien, auch unter Einbeziehung von Zeitgenossen und aktuellen Künstlern in sieben Kapiteln vereint.
Nur wenige Ölgemälde Nerlys befinden sich in Museumsbesitz. So ist es erfreulich, dass die Ausstellung viele vereint. Zu Beginn steht man etwa vor den „Ruinen der Kaiserpaläste“, Nerlys erstes, 1929 in Rom entstandenes Ölgemälde. Bis vor kurzem galt es als verschollen. Erst jetzt konnte das in Privatbesitz befindliche Bild anhand von Figurenstudien aus dem Bremer Fundus eindeutig dem Maler zugeordnet werden. Hinter den weiten schattenwerfenden Ruinen schweift der Blick bis in die Albaner Berge. Auch auf Bildern vom Forum Romanum ist wie hier noch eine ländliche Idylle zu erkennen, denn die Ausgrabungen in Rom begannen erst langsam.
Während der Sommermonate zogen die Künstler hinaus aus Rom in kühlere Regionen der umliegenden Berge oder zur Küste. Diese Gegenden boten auch Friedrich Nerly einen reichen Motivschatz, der in den nachfolgenden Kapiteln ausgebreitet wird. Zahlreiche Zeichnungen und Ölstudien wurden dann im Winter zu fiktiv komponierten Ideallandschaften in Ölgemälden aufgebaut. Die Steilküste an der Insel Palmaria hielt zahlreiche Sujets bereit ebenso wie Tivoli und der Gebirgsort Olevano mit imposanten Wasserfällen und antiken Ruinen. Wohlhabende Touristen bildeten eine wichtige Käuferschicht für den Maler. So schuf Nerly für den Hamburger Kaufmann Martin Johann Jenisch eine Paradeansicht mit lebendigen Wasserfällen und romantischer Stimmung im Abendlicht samt Flöte spielenden Hirten. Er verstand es meisterhaft, das Sonnenlicht einzufangen und Topografien verschiedener Gegenden zu verschmelzen.
Erhabene und melancholische Gefühle weckte auch die Campagna als Erinnerungslandschaft, deren Überreste an römischen Aquädukten die Künstler anlockten. In seinem wohl bekanntesten und nun frisch restaurierten Gemälde erlaubte sich Friedrich Nerly einen Kunstgriff, indem er fern jedweder Realität die Bogenreihe der antiken Wasserleitung aus zwei Perspektiven zusammensetzte und so zwei unterschiedliche Ausblicke zwischen den Ruinen eine stimmungsvolle Landschaft eröffnen. Als erster gab er mit großer präziser Lebendigkeit alle Details wieder. Hier schlägt die Schau den Bogen bis in die Jetztzeit: Neben historischen Fotografien aus dem 19. Jahrhundert nimmt der ebenfalls in Erfurt geborene Fotograf Hans-Christian Schink ähnliche Blickwinkel ein und zeigt die heutige Situation, lediglich von Bäumen und Sportplätzen umgeben.
Der letzte Abschnitt geht auf die malerische Entfaltung des grandiosen Aquädukts Aqua Claudia als Sujet ein. Zunächst nicht Ziel einer klassischen Bildungsreise, trat sie nur im Hintergrund von Ansichten auf, wie etwa Gemälde oder Ölstudien von Carl Blechen, Jakob Philipp Hackert oder Johann Heinrich Wilhelm Tischbein zeigen. Ab den 1830er Jahren wurde das Sujet zunehmend populärer, und Nerly war der erste, der die Aqua Claudia als Hauptmotiv ins Bild hob. Darstellungen von Johann Wilhelm Schirmer, Eduard Wilhelm Pose oder Lithografien von Karl Lindemann-Frommel inszenieren das Monument mal ruhig, schwermütig, einsam oder unheimlich bedrohend, während es Carl Spitzweg eher augenzwinkernd darbot.
Wegen der Cholera verließ Friedrich Nerly im Herbst 1835 Rom und gelangte über Mailand nach Venedig, wo er sich dann niederließ. Welch unerschöpflicher Motivschatz sich hier auftat, vermittelt die angegliederte Kabinettschau „Nerly in Venedig. Von Gondeln und Palästen“. Mit pittoresken Ansichten bediente der Künstler nun erfolgreich die Nachfrage immer größerer Touristenströme. Neben 50 Papierarbeiten bereichern zwei seiner erfolgreichsten Motive die Begleitschau: „Die Markussäule in Venedig bei Mondschein“ und „Canal Grande mit Blick auf Santa Maria della Salute“. Bis zu 36 Mal soll er die auf Fernwirkung gebaute Kirche jeweils ausgeführt haben. Zu Nerlys Kunden gehörten nun zahlreiche Vertreter europäischer Herrscherhäuser wie Kaiser Ferdinand I. von Österreich, Zar Alexander II. von Russland, der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm IV. oder auch indische Fürsten. Nerly war auf dem Höhepunkt seines monetären Erfolges. Er verkaufte seine Gemälde nach England, Russland, Nordamerika. Sein Name war in aller Munde. Ob die in England grassierende Titulierung als „modern Canaletto“ zutrifft, davon können sich die Besucher jetzt in Bremen selbst überzeugen.
Die Ausstellung „Natur und Antike. Der Romantiker Friedrich Nerly in Rom“ ist noch bis zum 5. Juli zu besichtigen. Die Kunsthalle Bremen hat täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, dienstags bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 12 Euro, ermäßigt 6 Euro. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der im Museum 39,90 Euro kostet. |