 |  | Die Liste in Basel hatte wieder viel junge Kunst zu bieten | |
Seit 1996 ist die Kunstmesse Liste in Basel auf frische Positionen spezialisiert. Auch bei ihrer diesjährigen Ausgabe war sie die wichtigste der Satellitenmessen zu Art Basel und eine Fundgrube für neugierige und aufgeschlossene Sammler*innen, Kurator*innen und Kritiker*innen aus der ganzen Welt. 105 Galerien aus 36 Ländern verteilten sich auf 73 Soloschauen, 23 Gruppenpräsentationen und vier sogenannte Joint Booths. 41 Galerien stellten in diesem Jahr erstmals auf der Liste aus. Aus Berlin war die 2022 gegründete Galerie Super Super Markt angereist und konzentrierte sich auf die 1994 geborene Kölner Künstlerin Cécile Lempert, die an der Düsseldorfer Kunstakademie unter anderem bei Peter Piller studiert hat.
Lempert malt in unterschiedlichen Formaten. Ihre oft in gedeckten, erdigen Farben ausgeführten Bilder können dabei als radikales Bekenntnis zur figurativen Malerei verstanden werden. Gleichzeitig erweist sich die Künstlerin, die ihre Sujets sowohl aus der eigenen Biografie und Familienhistorie als auch aus ihrer Auseinandersetzung mit der Kunst- oder Filmgeschichte herleitet, als genaue Beobachterin emotionaler Befindlichkeiten und Gemütszustände ihrer überwiegend weiblichen Protagonistinnen. Am Stand der Galerie Super Super Markt hing unter anderem ein Selbstporträt, das Cécile Lempert liegend auf einem Sofa zeigt. Klassisch mit einer weißen Bluse, einem dunklen Rock und dunklen Strümpfen bekleidet, strahlt die Künstlerin auf diesem Bildnis einen hohen Grad von Zeitlosigkeit aus, der auch ihren anderen Werken innewohnt. Die Arbeiten waren für Preise zwischen 4.500 und 13.000 Euro zu haben.
Eine Auswahl besonderer Gemälde hatte die 2019 gegründete Galerie Parcel aus Tokio mit nach Basel gebracht. Der 1992 in Tokio geborene Masamitsu Shigeta lebt derzeit zwischen Heimatstadt, New York und Hongkong. Auf seinen vielen Reisen, auch nach Europa, entstehen Stadtimpressionen und Landschaftsbilder, auf denen er mit einer gewissen Sparsamkeit der malerischen Mittel dennoch sehr genau die architektonischen Details und typischen Elemente der Orte festhält. Das kann ein Weihnachtsmarkt in Süddeutschland ebenso sein wie ein entlegener Bahnhof irgendwo in den Alpen oder ein Laubbaum, der sich gegen die hoch aufragenden Wolkenkratzer in einer Metropole behaupten muss. Der Clou: Masamitsu Shigeta verwendet ausschließlich selbstgebaute Rahmen aus ausrangierten Möbelstücken, die er teils seinem eigenen familiären Umfeld entnimmt, teils aber auch von Freunden und Bekannten erhält. Die gegen Ende der Messe noch verfügbaren Gemälde kosteten zwischen 3.870 Euro und 6.030 Euro.
Die 2014 gegründete Copperfield Gallery aus London machte auf die hochästhetischen, aber auch mit einer untergründigen Explosivität aufgeladenen Fotoassemblagen des 1992 geborenen litauischen Künstlers Vytautas Kumža aufmerksam, der seit seinem Studium an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam lebt und arbeitet. Aufgewachsen in prekären Lebensverhältnissen, musste Kumža in seiner Kindheit und Jugend die Erfahrung machen, dass vorübergehende familiäre Harmonie jederzeit in Gewalt umschlagen kann. Auf Kumžas Kompositionen aus perfekt gerahmten Fotografien von Menschen, Objekten oder Früchten und darauf geschraubten Objekten, etwa Austernschalen, einem alten Küchenmesser, einer Glasscherbe oder kleinen Vorhängeschlössern, entfaltet sich eine am Surrealismus und der Psychoanalyse geschulte ästhetische Praxis, die ebenso überwältigt wie irritiert. Seine Objekte oszillieren zwischen den Polen Spiel und Ernst, Lust und Gewalt, Freiheit und Fremdbestimmtheit. Vytautas Kumžas Arbeiten befinden sich bereits in vielen internationalen Sammlungen, etwa im Stedelijk Museum in Amsterdam, der Nationalgalerie in Prag oder im Museum of Photography in Seoul.
Die 2023 von zwei jungen Künstlerinnen gegründete Galerie Turnus aus Warschau hatte eine Doppelschau arrangiert. Piotrek Kowalski, Jahrgang 1997, ein Absolvent der Warschauer Kunstakademie, baut Skulpturen und Stelen aus monochrom lackiertem Stahl, die zunächst aussehen, als wären sie aus handelsüblichen grünen, schwarzen und blauen Aktenordnern einfach zusammengesteckt. Was zunächst so billig und beiläufig wirkt, ist in Wirklichkeit jedoch sehr aufwändig hergestellt. Den lässigen Rekurs auf den vordigitalen Büroalltag verrätselt Kowalski zusätzlich noch durch kleine Ablageflächen innerhalb seiner Skulpturen, die er mit Kabelbindern, Plastikjetons, Registerkarten und anderen Dingen füllt.
Am Stand waren zudem Objektfotografien von Tomek Tofilski, Jahrgang 1996, zu sehen, der an der Filmhochschule Lodz studiert hat. Tofilski klebt seine Aufnahmen etwa von Heizkörpern, Heizkörperverkleidungen oder Warmwasserboilern auf Karton- oder Holzuntergründe und überzieht sie so großzügig mit Klarlack, dass die Oberflächen am Ende leicht wellig sind. Doch gerade diese gewollte Imperfektion macht die Arbeiten interessant. Objekte aus der Zeit des Sozialismus und der Nachwendezeit halten sich bei ihm ungefähr die Waage. „Wir finden, dass diese beiden Präsentationen sehr gut zusammengehen“, sagt Turnus-Galeristin Marcelina Gorczynska und ergänzt: „Wir erfahren eine gute Resonanz hier auf der Liste.“
Die Kölner Galerie Khoshbakht setzte sich für den 1991 in New Delhi geborenen Prateek Vijan ein. Der jetzt in Berlin lebende Inder hat 2023 seinen Masterabschluss an der HFBK Hamburg gemacht. Im Anschluss daran wurde er mit Kunstpreisen geradezu überhäuft. Unter anderem erhielt er den Hiscox Kunstpreis für Absolvent*innen der HFBK, das Reisestipendium des Vereins Neue Kunst in Hamburg und zuletzt den Ars Viva-Preis 2026. Am Stand in Basel präsentierte die Galerie Khoshbakht in einem abgedunkelten Raum und vor schwarzen Wänden unter anderem Wandobjekte in Form ausrangierter Kühlschranktüren aus Edelstahl, die Prateek Vijan mit Transferdrucken von eigenen Fotografien und Handgravuren versehen hat. Sie sind Teil eines größeren, mit aktivistischen Anteilen unterfütterten Rechercheprojekts, in dem sich Vijan kritisch mit dem Thema Raubkunst während der britischen Kolonialzeit auseinandersetzt. Auf den transferierten Motiven sind Details des Sicherheits- und Überwachungsapparats im Londoner Victoria & Albert Museum, bis heute einem der zentralen Verwahrorte der geraubten Artefakte, zu erkennen. Vijans zwischen Rauheit und Sensibilität oszillierende Metalloberflächen befinden sich bereits in so hochkarätigen Sammlungen wie der der Hamburger Kunsthalle und der Bundeskunstsammlung.
Fast jede der teilnehmenden Galerien auf der Liste Art Fair Basel hofft natürlich, nach ein paar Jahren den Sprung auf die Art Basel zu schaffen. Nach einigen erfolgreichen Teilnahmen auf der Liste gelang beispielsweise heuer der Wiener Galerie Sophie Tappeiner die Aufnahme in die Sektion „Statement“ der Art Basel. Daher ist und bleibt die Liste als vielbeachtete kleinere Schwester der Art Basel das wichtigste Sprungbrett für eine erfolgreiche Galeriearbeit und für so manche Künstlerkarriere.
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