 |  | Valie Export, Die Doppelgängerin, 2010 | |
Gartenschauen waren häufig ein Ausgangspunkt zur Präsentation von Kunstwerken. So war es etwa 1955 in Kassel, als im Fahrwasser der Bundesgartenschau die Documenta geboren wurde, aber auch im Jahr 2008 in Bingen. Als in der knapp 30.000 Einwohner zählenden Stadt an der Nahe-Mündung damals eine Landesgartenschau stattfand, war dies zugleich der Startpunkt für die erste Skulpturen-Triennale. Kontinuierlich im Abstand von drei Jahren wiederholt sich nun das Ereignis unter den Vorzeichen eines zeitkritischen Themas. Rund 140 zeitgenössische Kunstschaffende haben sich bislang daran beteiligt. Für die wiederum von der Gerda und Kuno Pieroth Stiftung getragene siebte Ausgabe hat das Kuratorenteam Sara Bernshausen und Lutz Driever 19 Künstler*innen plus ein Studierendenprojekt der Kunsthochschule Mainz ausgewählt. Unter der Devise „Verbindung und Zusammenhalt“ waren die Teilnehmer diesmal angehalten, auf die teils martialischen Verwerfungen der Zeit zu reagieren und das Publikum zum Nachdenken darüber anzuregen, was Kraft und Stabilität verleiht und wie mehr Gemeinschaftsgeist entwickelt werden kann.
Entlang des Rheinufers, vor dem Hintergrund der zauberhaften Flusslandschaft mit ihren Weinbergen, Burgen, Denkmälern und liebevoll eingebetteten Orten, sowie in zwei Kirchen der Stadt verteilen sich die materiell, politisch oder partizipatorisch teils sehr ungleichen Positionen überwiegend deutscher Künstler*innen. Neu in diesem Jahr ist die Durchführung eines Förderprogramms für noch nicht etablierte Künstler*innen aus dem lokalen Umfeld der Rhein-Main-Region. Neben einem Honorar erhielten die drei ausgewählten Teilnehmer*innen logistische, fachliche sowie finanzielle Unterstützung bei der Umsetzung ihrer Ideen. Hier fällt auf, dass ihre Arbeiten besonders bei Kindern enorme Anziehungskraft entfalten. Der 1991 im mittelhessischen Ort Schotten geborene Max Brück ließ sich bei seiner Stahlplastik „Stand by me“ von Steckmodulen einer Spielzeugeisenbahn aus Holz inspirieren. Die verbogenen Teilstücke lassen sich nicht zusammenstecken. Auch wenn sich heute vieles nicht mehr verbinden lässt, dienen die gebogenen Teile den Kindern als willkommene Gelegenheit zum Rutschen und Klettern.
Die 1985 in Offenbach geborene Emilia Neumann zerschnitt gesammelte Alltagsgegenstände, darunter Vasen, Gummimatten oder Satellitenschüsseln, setzte sie zu einem Konglomerat zusammen und nahm davon Abdrücke in Beton. Ihre pastellfarbige, eher an ein schmelzendes Softeis erinnernde Melange „UG.P I“ bringt die Verbindung von Ungleichem, Werden und Vergehen, Überleben und Resilienz zur Sprache. Die 1996 in Chemnitz geborene, intermedial arbeitende Städel-Schülerin BA Sela lässt sich in ihrer Kunst ebenfalls von Vorhandenem inspirieren. In die Länge gezogene Sternformen hat sie mit teils grellbunten Fliesenplättchen aus Sanitärräumen verkleidet. „Kern-Konstrukt 8“ lautet der Titel der über einem rautenförmigen Grundriss auf dem Rasen angeordneten Körper, deren Zacken auf andere deuten. Sie erweisen sich als geordnet und normiert, in der Farbe aber zugleich abweichend und werden von der Künstlerin als „kontrollierte Instabilität“ bezeichnet, mit der sie den momentanen Zustand der Welt reflektiert.
Diesen drei jungen Künstler*innen stehen arrivierte Positionen oft international bekannter Vertreter der Gegenwartskunst gegenüber. Michael Sailstorfer lenkt mit einer vermeintlichen Rakete die Blicke auf sein Werk „Brenner R04“. Den ehemaligen Abwurftank eines Militärflugzeuges hat er mit hitzebeständiger, mattschwarzer Farbe beschichtet und zum riesigen Holzofen umfunktioniert. Das danebenliegende Brennholz kann in einer Öffnung verfeuert werden, so dass aus der Spitze Rauchschwaden aufsteigen. Auf diese Weise spielt Sailstorfer ironisch auf den kaltherzigen Gebrauch militärischer Relikte an. Darüber hinaus machen zwei weitere Großplastiken besonders auf sich aufmerksam. Die vor wenigen Wochen verstorbene österreichische Medien- und Performancekünstlerin Valie Export wartet über der Kaimauer mit „Der Doppelgängerin“ von 2010 auf. Die beiden fast fünf Meter hohen, ineinander gestellten Scheren aus Bronze assoziieren feminin und grazil, aber auch zugleich bedrohlich Aggression und Verdopplungen. Der Schnitt sei für sie ein ganz wichtiges Element, so Export: „Einerseits trennt er, andererseits bringt er auch zusammen. Er bringt die Teile immer wieder in eine Verdoppelung.“
Nahebei hat Hannah Hallermann ein Paar über zwei Meter hohe Ohrwärmer aus Edelstahl aufstellen lassen. Den „SK Adjuster“ möchte sie als Scheuklappen verstanden wissen, die das Spannungsfeld zwischen Konzentration auf und Ausblenden von Realitäten aufzeigen sollen. Nicht ganz ohne Hintergedanken entdeckt man von ihrer Skulptur aus das patriotische „Niederwalddenkmal“ auf der anderen Seite des Rheins, das zwischen 1877 und 1883 aufgestellt wurde und mit der zwölfeinhalb Meter hohen Statue der Germania den Sieg der Deutschen über die Franzosen feiert. Viele Deutsche, viele Europäer empfinden gerade heute ein neues Nationalbewusstsein, wollen zurück zu festen Grenzen, zu einer traditionellen und unumwunden rechten Weltsicht. Andere treibt dieser Rechtsruck dagegen in die Apathie und Isolation. Lena Marie Emrich dagegen lädt zum Klatsch auf mäanderförmig zusammengefügten Sitzmodulen aus verzinkten Stahl ein. Die filigrane Installation „Talk of the Town“ platziert die Sitzenden dicht an dicht benachbart, um Vertrautheit zu schaffen. Am historischen Elektrizitätswerk treten aus einer Fenstergruppe wie Schwaden tiefrote Bündel pulverbeschichteter Drähte. „Once upon a time... Bingen“, so der Titel der Installation von Martine Seibert-Raken, hinterfragt Grenzen zwischen gestern und heute, Künstlichkeit und Natur, urbanem und sozialem Raum.
Inmitten des Parcours irritiert der zu einer orthodoxen Kapelle umfunktionierte Bauwagen von Sasha Kurmaz aus Kiew. Unter dem Titel „Tempel der Verklärung des Herrn“ verweist er auf die perfide Methode der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, öffentliche Räume im Land zu Kapellen und Kirchen umzuwidmen, in weiten Teilen die russische Invasion der Ukraine zu unterstützen und damit Teil eines hybriden Propagandakriegs zu werden. In der Basilika St. Martin wirken die „Tornos“ des gebürtigen Würzburgers Karsten Konrad dagegen ungeniert entspannt. Die gedrehten Gewindestangen mit eingefügten Fundstücken, etwa Schüsseln, Keramikvasen, Mayonnaise-Eimer, Cola-Dosen, kleine Fässer, Deckel, Flaschen oder Blechbehälter, erinnern an die Volkskünste oder barocke Prozessionsstangen. Sie erscheinen wie eine bunte Versammlung friedlicher Leute über verschiedene Kulturen hinweg. Ganz gleich ob anspruchsvoll oder niederschwellig, beißend süffisant oder penetrant politisch regen die Werke zum Nachdenken über menschliche Beziehungen und gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer Umgebung an, deren Besuch immer lohnt.
Die siebte Skulpturen-Triennale Bingen läuft bis zum 4. Oktober. Ort ist das Rheinufer in Bingen, die Basilika St. Martin und die Kapuzinerkirche St. Laurentius. Der Eintritt ist frei. Der Katalog zur Skulpturen-Triennale Bingen ist für 10 Euro nur vor Ort zu erwerben.
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