Geister im Fotomuseum Winterthur  |  | Agate Tuna, Ohne Titel, 2025/26 | |
Das Fotomuseum Winterthur präsentiert aktuell die Ausstellung „Schattenwesen“ und beleuchtet dabei die Entwicklung der Geisterfotografie von ihrer Blütezeit im 19. Jahrhundert bis hin zu den algorithmischen Phantomen der Gegenwart. Die Kurator*innen Rea Grünenfelder und Marco De Mutiis gehen der Frage nach, wie Wesen in Bildern heraufbeschwört werden und wie das persönliche, soziale und politische Unterbewusstsein der Betrachter*innen dabei eine Rolle spielt. In den Mittelpunkt stellen sie Geister, okkulte Kreaturen, unerwartete Systemstörungen und nicht menschliche Wesen, die in analogen und digitalen Bildwelten auftauchen. Damit machen Grünenfelder und De Mutiis deutlich, dass Bilder Räume für Imagination und Ungewissheit sind und alternative Sehweisen ermöglichen. Die Geisterfotografie, die ihren Ursprung in der Mitte des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten und Großbritannien hatte, fasziniert auch heute noch. Diese anhaltende Suche nach dem Unsichtbaren wird unter anderem anhand der Werke von Cihad Caner, Nina Davies, Tomokichi Fukurai, Sung Chi-Li, William H. Mumler und Helen F. Stuart, Trevor Paglen, Janne Schimmel, Steph Maj Swanson, Agate Tuna und Sheung Yiu sowie an Beiträgen von Studierenden des Master of Arts in Interaction Design an der Fachhochschule der italienischen Schweiz unterbreitet.
In seiner Arbeit „Show me a Ghost“ aus dem Jahr 2017 verbindet Mario Santamaría historische Geisterfotografie mit seiner Suche nach Geistern mithilfe von Bilderkennungssystemen. Indem er eigene Datensätze von Geistern in diese Systeme einspeist, macht er die Mechanismen maschinellen Sehens sichtbar und verdeutlicht gleichzeitig deren Grenzen, darunter die Unfähigkeit, Geister zu erkennen. Shannon Taggart hingegen dokumentiert in ihrer Fotoserie „Séance“ über Jahre hinweg zeitgenössische spiritistische Gemeinschaften in den USA und Europa. Für Taggart ist die Auseinandersetzung mit dem Spiritismus, dem Glauben an die Kommunikation zwischen Toten und Lebenden, von intrinsischer Motivation geprägt. Sie kehrt immer wieder nach Lily Dale, der weltweit größten spiritistischen Gemeinschaft, zurück und untersucht dabei das Verhältnis zwischen Spiritismus und Fotografie. In Taggarts Fokus stehen zeitgenössische rituelle Praktiken und die Rolle sich wandelnder Bildtechnologien. Ihre Fotografie entzieht sich jeglicher Beweislogik und schafft stattdessen Bedingungen für Wahrnehmung, Ambiguität und Beteiligung.
Zusätzlich zur Ausstellung veröffentlicht das Fotomuseum Winterthur regelmäßig Beiträge auf der Website permanentbeta.network und untersucht algorithmische und vernetzte Bildkulturen und deren gesellschaftliche und politische Auswirkungen. Die Website bietet kuratorische, künstlerische und wissenschaftliche Beiträge in Form von audiovisuellen und performativen Erkundungen, darunter Podcasts, Essays und digitale Formate.
Die Ausstellung „Schattenwesen – Von der Geisterfotografie zu den Phantomen des Algorithmus“ läuft bis zum 11. Oktober. Das Fotomuseum Winterthur hat täglich außer montags von 11 Uhr bis 17 Uhr, mittwochs zusätzlich bis 20 Uhr und am Wochenende bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 14 Franken, ermäßigt 12 Franken. Der Ausstellungskatalog aus dem Distanz Verlag kostet 42 Franken.
Fotomuseum Winterthur
Grüzenstrasse 44 + 45
CH-8400 Winterthur
Telefon: +41 (0)52 – 234 10 60 |