Nouveau Réalisme in Mannheim  |  | in der Ausstellung „Radikal. Real. Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er Jahre“ | |
Mit rund 150 Werken von Künstler*innen wie Daniel Spoerri, Yves Klein, Christo, Jean Tinguely und Arman gibt die Kunsthalle Mannheim in der Schau „Radikal. Real.“ aktuell einen umfassenden Überblick über die Kunst des Nouveau Réalisme, einer Bewegung, die ab den 1960er Jahren die Wirklichkeit selbst zum Material der Kunst machte. Hierbei spannt die Kuratorin Luisa Heese einen Bogen von der Entstehung der Konsumgesellschaft über die Positionen der Nouveaux Réalistes, vertreten durch Werke von Jasper Johns, Alina Szapocznikow, Chryssa oder Feliza Bursztyn, bis hin zur kritischen Auseinandersetzung zwischen dem Nouveau Réalisme und der Pop Art. Indem sie Gemälde, Skulpturen, Installationen sowie Arbeiten auf Papier in den Dialog mit Archivdokumenten, Fotografien und Videoaufnahmen von Performances und Aktionen stellt, schafft Heese ein Verständnis dafür, wie international und vielschichtig die Bewegung in den 1960er Jahren war. Sie möchte auf die Netzwerke, Überschneidungen und Verbindungen dieser heterogenen Kunstbewegung verweisen, die ihren Knotenpunkt in Paris hatte, jedoch auch anderswo in Europa sowie in Lateinamerika und den USA eine Anhängerschaft verzeichnete.
Neun Abteilungen zeigen die Vielfältigkeit und das weit gefächerte Interessensgebiet der Kunstschaffenden an ihrer Lebensrealität auf. So thematisiert Heese in der Abteilung „Die zerrissene Stadt“ die moderne Großstadt als Ort wachsender Beschleunigung, Konsums und Werbung. Das Paris der 1960er Jahre wurde nicht zu Unrecht als „Hauptstadt der Plakate“ bezeichnet, so durchstreiften Raymond Hains und Jacques de la Villeglé die französische Hauptstadt, um Plakatausschnitte abzureißen und mittels Collagen zu ihren „Affiches lacérées“ zusammenzusetzen. Auch François Dufrêne griff mit seinen „dessous d’affiches“ auf die Rückseite von Plakaten zurück und verwendete sie als Träger schriftlicher Interventionen. Doch auch der Schrottplatz als Sinnbild für Vergänglichkeit, für technischen Fortschritt und für die Schattenseite des Wohlstandes war von Interesse für die Künstler*innen des Nouveau Réalisme, was Heese im Abschnitt „Poetik der Maschinen“ darlegt. So ließ der Künstler César Metallteile und Autokarosserien pressen und präsentierte diese als verdichtetes Monument des mechanischen Zeitalters.
Zugleich forderten Künstler*innen der Bewegung die Verarbeitung der Traumata der jüngeren Geschichte. In der Abteilung „Reliquien der Gegenwart“ verweisen etwa die in den frühen 1960er Jahren entstandenen Objektkästen aus der Serie „Your Portrait“ des Japaners Tetsumi Kudo auf die Nuklearkatastrophen von Hiroshima und Nagasaki und rücken die durch radioaktive Strahlung verursachten Deformationen, Mutationen und Verstümmelungen der Menschen ins Blickfeld. Im Bereich „Spuren der Berührung, Fragment des Körpers“ stellt Heese unter anderem die „Schwarze schwangere Nana“ von Niki de Saint Phalle aus, die das neue selbstbewusste Frauenbild verkörpert.
Die Ausstellung „Radikal. Real. Nouveau Réalisme und die Kunst der 1960er Jahre“ ist bis zum 11. Oktober zu sehen. Die Kunsthalle Mannheim hat von dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie jeden ersten Mittwoch im Monat von 10 bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 16 Euro und ermäßigt 14 Euro. Der Katalog aus dem Wienand Verlag kostet im Museum 38 Euro. Mit der Ausstellung ist ein vielfältiges Vermittlungsangebot verknüpft, das sich aus Workshops, Führungen sowie Yoga zusammensetzt. So können Besucher*innen Kunst selbst erleben und gestalten. Dafür steht im Atrium etwa ein lachsfarbener Fernsehsprechtischapparat, der sogenannte FeTAp, bereit. Mittels ausliegender Telefonlisten können sie eingesprochene Originalzitate der Künstler*innen hören. Außerdem gibt es eine Werkstation mit Holzstempeln und Zeitungen für die Gestaltung von Collagebildern aus Schrift und Sprache.
Kunsthalle Mannheim
Friedrichsplatz 4
D-68165 Mannheim
Telefon: +49 (0)621 – 293 64 23 |