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Bildfindungen jenseits glatt präparierter Felder. Das erfindungsreiche Werk der Wiener Künstlerin Christine Gironcoli wird in der Kunsthalle Lingen erstmals in einer institutionellen Einzelausstellung gezeigt

Wenn aus Spuren Bilder werden



in der Ausstellung „Christine Gironcoli – Zufall und Idee“

in der Ausstellung „Christine Gironcoli – Zufall und Idee“

Carmen Herrera, Phyllida Barlow, Ida Applebroog, Luchita Hurtado und jetzt vielleicht Christine Gironcoli? Es ist gar nicht so selten, dass gerade Künstlerinnen erst im relativ hohen Alter vom Ausstellungs- und Galeriebetrieb entdeckt und gewürdigt werden. Die Gründe dafür sind vielfältig: Mutterschaft und Care-Arbeit, patriarchale Strukturen des Kunstmarktes sowie fein verästelte Seilschaften zwischen Künstlern, Museumsleuten, Kritikern, Galeristen und Sammlern, die primär männlich dominiert sind. Doch es gibt Anlass zu der Annahme, dass sich da allmählich etwas ändert. Die kubanisch-amerikanische Malerin Carmen Herrera, 2022 im hohen Alter von 106 Jahren verstorben, und die britische Grenzgängerin zwischen Skulptur, Malerei und Installation Phyllida Barlow, die 2023 aus dem Leben schied, wurden trotz jahrzehntelanger Ignoranz der internationalen Kunstwelt dann doch im fortgeschrittenen Alter zum festen Kanon der jüngeren Kunstgeschichte gezählt. Die Österreicherin Christine Gironcoli schickt sich womöglich gerade an, es ihnen gleichzutun.


„Zufall und Idee“, so lautet der von ihr selbst gewählte Titel ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung, die bis Anfang September in der Kunsthalle Lingen zu sehen ist. Meike Behm, Direktorin des Hauses und Kuratorin der Schau, hat rund 30 Arbeiten aus allen Schaffensphasen der Künstlerin ausgewählt, um den Besucher*innen einen umfassenden Einblick in die Spezifika dieses ebenso souveränen wie zeitlos gültigen Werks zu gewähren. Ein umfangreicher Katalog, der im Frühherbst erscheinen wird, flankiert die Schau publizistisch.

Geboren 1941 in Wien, begann Christine Melichar, so ihr Geburtsname, zunächst eine Musikausbildung am Wiener Konservatorium. 1956 schrieb sie sich zusätzlich noch für ein Studium der Malerei an der damaligen Akademie für angewandte Kunst in Wien ein. Zu ihren Kommilitonen zählten heute so bekannte Künstler wie Günter Brus, Christian Ludwig Attersee und ihr späterer Mann Bruno Gironcoli (1936-2010). Seine Karriere führte ihn bald nach Paris. 1961 wurde die gemeinsame Tochter geboren. Hochschwanger hatte Christine Gironcoli kurz zuvor noch ihr Diplom als Malerin gemacht. Die Ausbildung zur Pianistin konnte sie dann allerdings wegen der Geburt nicht mehr abschließen. Ihre eigene künstlerische Karriere musste daraufhin lange Zeit pausieren. Zwischen 1967 und 1995 war Christine Gironcoli stattdessen als anerkannte Gemälderestauratorin in Wien tätig. Erst seit 1995 fand sie die Zeit, sich wieder auf ihre eigene künstlerische Karriere zu konzentrieren. Seitdem entstand ein umfangreiches Werk, das bisher jedoch noch nicht die breite Aufmerksamkeit erfahren hat, die es eigentlich verdient. Dass es sich hier um eine ebenso ausgereifte wie dezidiert autonome Position handelt, vermittelt sich den Betrachter*innen bereits beim Betreten der Lingener Ausstellungshalle.

Wer sich zunächst einmal orientierend umblickt, wird bemerken, dass die Oberflächen der Leinwandarbeiten fast allesamt von erdig-schlammigen, nahezu monochromen Tönen dominiert werden. Die auffällig reduzierte Farbpalette ist durch Umbra, Ocker, Siena, Sepia und andere sanfte Brauntöne gekennzeichnet, in die sich ab und zu jedoch auch intensive Farbtupfer verirren. Die rätselhafte Aura, die Gironcolis Werke ausstrahlen, vermittelt eine mystisch-melancholische Stimmung. Das Enigmatische wird zusätzlich noch dadurch verstärkt, dass viele Werke weder über einen Titel noch über Angaben zum genauen Entstehungsjahr verfügen. Tradierte, die Betrachter*innen leitende Orientierungsmarken fehlen also weitgehend.

Den Besucher*innen der Schau stellt sich zunächst einmal die Frage, um welche Bilduntergründe es sich hier eigentlich handelt. Die Antwort darauf führt tief in die Techniken der Gemälderestaurierung, wie sie seit Jahrhunderten praktiziert wird. Als Malgrund verwendet Christine Gironcoli kein „glatt präpariertes Feld“, wie der amerikanische Kunsthistoriker Meyer Schapiro die makellos unversehrte Industrieleinwand charakterisierte, sondern sogenannte Doublierleinwände, die gelegentlich auch als Stützleinwände bezeichnet werden. Dabei handelt es sich um Überbleibsel ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit als Restauratorin für Malerei. Eine Doublierung ist eine restauratorische Maßnahme bei Gemälden. Dabei wird ein brüchiges oder beschädigtes Originalgewebe mit der Rückseite auf eine neue Stützleinwand geklebt.

Materialgeschichten

Die bisherige Stützleinwand wird also ausgetauscht und landet normalerweise im Abfall. Christine Gironcoli hat jedoch schon früh die magische Anziehungskraft dieses sowohl mit Geschichte als auch mit Geschichten aufgeladenen Materials erkannt. Flecken, Abdrücke, Reste von Leim, Farbe, Staub, Falten, Knicke, Nähte, manchmal auch Stockflecken oder sogar Schimmel haben sich im Laufe vieler Jahre in die Oberflächen eingeschrieben. Genau diese Rudimente bilden für die Künstlerin Ausgangspunkte für eigene motivische Interventionen und Weiterentwicklungen, so etwa auf der Arbeit „Ohne Titel (Ufer)“ von 2023. Auf der Doublierleinwand hatten sich Klebereste erhalten, die vertikal nach oben strebten, fast so wie Ufer- oder Sumpfpflanzen. Christine Gironcoli hat das Gefundene mit Ölfarbe minimal bearbeitet und so eine dicht bewachsene Szenerie geschaffen, die an ein zugewuchertes, tropisches Marschland erinnert, wie es etwa in den Everglades in Florida oder im Mississippi-Mündungsdelta zu finden ist. In seinem 1986 entstandenen Spielfilm „Down by Law“ lässt der New Yorker Regisseur Jim Jarmusch seine drei Protagonisten in genauso einer Kulisse mit einem Paddelboot herumirren.

Christine Gironcoli wiederum verwandelt die Arbeit zu einer Assemblage, indem sie ein gefundenes hölzernes Webschiffchen im unteren Bereich der Leinwand anbringt. Auf anderen Werken appliziert sie etwa hölzerne Wäscheklammern, Schnüre, ein Spiegelfragment, rostige Nägel, eine handgeschmiedete Schere, Haarklammern, Muscheln, zerbrochene Holzleisten, Reste anderer Leinwände, Textilien unterschiedlichster Art oder Pappen auf die Oberfläche. Andere wiederkehrende Elemente sind Ruß, angekokelte Stoffe oder auch einmal ein Stück Holz in Form einer am Donauufer gefundenen angespülten Baumwurzel. Auf ein querformatiges titelloses Werk aus dem Jahr 2024 hat Christine Gironcoli mittig eine weiß lasierte Holzschaufel appliziert, die dem Formenrepertoire ihres verstorbenen Mannes Bruno Gironcoli zu entstammen scheint.

Das Hochformat „Enfance“ von 2015, ein besonders markantes Werk in der Ausstellung, lädt Christine Gironcoli stark autobiografisch auf, indem sie in der Bildmitte zwei extrem abgenutzte Stoffpuppen mit Drähten befestigt, wie sie normalerweise zum Aufhängen von Wandtellern verwendet werden. Die von ihrer Großmutter hergestellten Puppen stammen aus der Kindheit der Künstlerin in der Nachkriegszeit und weisen in ihrer lädierten Einfachheit alle Attribute der damaligen Mangelgesellschaft auf. Gleichzeitig stößt sie damit zumindest rein formal auch eine Tür auf, die an Stoffobjekte etwa von Hans Bellmer oder Louise Bourgeois denken lässt, oder an die „Dummies“ betitelten simplen Stoffpuppen, die der amerikanische Medienkünstler Tony Oursler mittels verstörender Videoprojektionen zum Leben erweckt.

Gewissermaßen kondensiert sich in diesem Bild die Quintessenz ihres Schaffens. Wichtig zu erwähnen ist, dass Christine Gironcoli aus ihrer restauratorischen Praxis eine schwere Handpresse behalten hat, mit deren Hilfe sich Stoffoberflächen fast nahtlos miteinander verbinden lassen. In diesem Fall hat die Künstlerin allem Anschein nach die auf einen aus Brasilien stammenden Kaffeesack gedruckte Buchstabenfolge „BRAS“ ausgeschnitten und in den linken oberen Bildraum integriert. Ebenso augenfällig ist eine das Bild nahezu mittig in zwei Hälften teilende Linie aus farbigen Punkten in monochromer Ölfarbe und ganz unten zwei übereinander gelegte Malpaletten mit angetrockneten Farbresten. Insofern legt Gironcoli hier auch einen Teil ihres Instrumentariums als Restauratorin, wie auch als Malerin offen. In dieser vielschichtigen Arbeit treffen also nicht nur dialektisch Ordnung und Chaos, Präzision und Intuition, Abgestreiftes und Gegenwärtiges aufeinander, sondern es manifestieren sich auch nahezu alle Lebensphasen der Künstlerin.

Politische Verflechtungen

Obwohl Christine Gironcolis künstlerischer Ansatz nicht primär politisch ist, so finden sich dennoch in einzelnen Werken gesellschaftskritische Kommentare, etwa in der Arbeit „Hunger wird gemacht“ von 2008. Die Künstlerin verwendet hier wiederum ein Fundstück in Form eines bedruckten Jutebeutels, das sie auf eine Doublierleinwand kaschiert und mit Tupfern aus grüner Ölfarbe malerisch einfasst. Der vollständige Slogan lautet „Hunger ist kein Schicksal – Hunger wird gemacht“. Es handelt sich dabei um einen im Österreich der 1980er Jahre verbreiteten Leitsatz der damaligen Entwicklungspolitik unter sozialdemokratischen Vorzeichen. Indem Gironcoli ihn aufnimmt, positioniert sie sich in Werken wie diesem dann durchaus im Kontext antikolonialer Diskurse.

Eine weitere Besonderheit ist das speziell für die Lingener Ausstellung entstandene, atelierfrische Gemälde „Gandhara“. Ausnahmsweise verwendet die Künstlerin hier eine frische, nicht mit Spuren der Vergangenheit aufgeladene Leinwand. Der auf eine antike Region im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan anspielende Titel stellt Bezüge zur Praxis der Zerstörung von Buddha-Statuen und damit zur unwiederbringlichen Auslöschung vorislamischer Kulturdenkmäler durch den Islamischen Staat beziehungsweise die Taliban her. Das Bild selbst zeigt eine karge und wüstenartige Gebirgslandschaft, die, abgesehen von zwei durch vertikale Linien angedeuteten leeren Nischen, keine Hinweise auf menschliche Besiedlung verrät. In der linken Leinwandhälfte befindet sich jedoch ein vertikaler Schnitt, aus dem Reste alter Leinwand hervorlugen, die fragmentarisch an die Statuen erinnern. Christine Gironcoli kreiert so einen Moment der Hoffnung, indem sie das brutal Zerstörte symbolisch wieder an die Oberfläche treten lässt.

In seiner 2015 erschienenen umfangreichen Abhandlung „Zeit“ stellt der Literaturwissenschaftler und Philosoph Rüdiger Safranski fest: „Speichermedien hat es auch früher gegeben – die Partitur, das Buch, den Brief, das Bild –, aber da sie eher selten waren, wirkten sie auratisch, bisweilen sogar sakral, jedenfalls nicht alltäglich. Die moderne Technik aber ermöglicht alltäglich Reproduktionen, mit der Folge, dass die Aura des Einmaligen verschwindet. Wir leben ganz selbstverständlich mit der Hand auf der Replay-Taste, und es schleicht sich das Gefühl ein, als ließe sich das unwiderruflich verfließende Leben auch sonst einfach wiederholen.“

Christine Gironcoli tritt hier mit ihrer künstlerischen Praxis den Gegenbeweis an. Sie bringt die Aura zurück. Ihr vom sensiblen Umgang mit vorgefundenen Bildträgern, aber auch dreidimensionalen Fundstücken aus dem Alltag, der eigenen Biografie oder aus der Natur gekennzeichnetes Werk verweigert sich in seiner unverwechselbaren Einzigartigkeit jeglichem Versuch der Vereinnahmung durch reproduktive Verfahren. Aus Variationen und Weiterentwicklungen vorgefundener Strukturen und Farben entstehen bei Christine Gironcoli souveräne Bildfindungen jenseits von Raum und Zeit, die zum Nachdenken über Vergangenheit und Gegenwart ebenso anregen wie zur Reflexion über tradierte Geschlechterrollen im Kunstbetrieb und deren längst überfällige Überwindung.

Die Ausstellung „Christine Gironcoli – Zufall und Idee“ ist bis zum 6. September zu sehen. Die Kunsthalle Lingen hat täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, am Wochenende erst ab 11 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 3 Euro, ermäßigt 1,50 Euro. Der Katalog erscheint demnächst.

Kontakt:

Kunsthalle Lingen

Kaiserstraße 10a

DE-49809 Lingen

Telefon:+49 (0591) 599 95

Telefax:+49 (0591) 599 05

E-Mail: info@kunsthallelingen.de

Startseite: www.kunsthallelingen.de



13.07.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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Christine Gironcoli, Ohne Titel, 2024
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Christine Gironcoli, Ohne Titel, 2013/23
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Christine Gironcoli, Ohne Titel, 2024

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Christine Gironcoli, Ohne Titel, 2013/23

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Christine Gironcoli, Ohne Titel

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Christine Gironcoli

Christine Gironcoli

Christine Gironcoli in ihrem Wiener Atelier

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Christine Gironcoli, Ohne Titel

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Christine Gironcoli, Gandhara, 2026

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Christine Gironcoli, Enfance, 2015

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in der Ausstellung „Christine Gironcoli – Zufall und Idee“

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