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Die Yayoi Kusama-Schau gilt schon jetzt die bestbesuchte Ausstellung des Kölner Museums Ludwig. Vor allem ihre „Infinity Rooms“ überwältigen das Publikum. Doch die Ausstellung setzt noch andere Schwerpunkte

Mehr als Punkte und Spiegel



Yayoi Kusama, Infinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe, 2026

Yayoi Kusama, Infinity Mirrored Room – The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe, 2026

Es ist ein ungewöhnlicher Anblick für ein Museum an einem sommerlichen Dienstagnachmittag: unzählige Leute reihen sich in eine lange Schlange, die sich durch die gesamte Eingangshalle windet. Unter das Stimmengewirr mischen sich neben Deutsch auch Englisch und Französisch. Die Besucher*innen halten ihre Eintrittskarten bereit, viele von ihnen haben sie bereits Wochen im Voraus besorgt. Das war auch nötig, denn die Retrospektive zum Schaffen Yayoi Kusamas im Kölner Museum Ludwig ist bis zum Ende ihrer Laufzeit Anfang August vollständig ausverkauft. Der Andrang überrascht jedoch kaum. Die 97jährige Japanerin zählt zu den bekanntesten Gegenwartskünstler*innen der Welt. Ihre Spiegelräume und die charakteristischen „Polka Dots“ sind längst zu Ikonen der Popkultur und der sozialen Medien geworden.


Bereits in der Fondation Beyeler in Basel war die Ausstellung restlos ausgebucht, und bei ihrem nächsten Stopp im Stedelijk Museum in Amsterdam wird es kaum anders sein. Das Museum Ludwig steuert mit der Präsentation auf eine Rekordschau zu und wird den Besucherandrang der legendären Edward Hopper-Ausstellung von 2004/05 brechen. Damals kamen rund 380.000 Gäste nach Köln. Doch worauf gründet sich dieser enorme Erfolg? Ist es vor allem die Faszination für die spektakulären, fotogenen Installationen? Oder liegt die Anziehungskraft in einem Werk, das weit mehr zu erzählen hat, als seine ikonischen Punkte und Spiegelräume vermuten lassen?

Den Auftakt bildet in Köln die Installation „Narcissus Garden“, mit der Yayoi Kusama 1966 auf der Biennale in Venedig für Aufsehen sorgte. Ohne Einladung präsentierte die damals 37jährige 1.500 verspiegelte Stahlkugeln vor den Giardini und bot sie den Besucher*innen für jeweils zwei US-Dollar zum Kauf an. In einen goldenen Kimono gekleidet, machte sie die Kunst zur Ware. Diese provokante Geste brachte ihr neben dem Platzverweis durch die Biennale-Organisation auch europaweite Bekanntheit ein. Es lag für Kurator Stephan Diederich daher nahe, die Schau mit „Narcissus Garden“ zu eröffnen. Im musealen Raum verliert die Arbeit jedoch einen wesentlichen Teil ihres ursprünglichen Charakters und ihrer Sprengkraft. Wo die Kugeln einst den öffentlichen Raum eroberten und die Besucher*innen zum Mitmachen und Kaufen aufforderten, liegen sie nun sorgfältig arrangiert nebeneinander im Museumsfoyer. Die kühne Intervention wird so zum Ausstellungsobjekt. Ein großformatiges Foto von der Biennale zeigt Kusama liegend zwischen den verspiegelten Kugeln. Es ist eines von zahlreichen historischen Fotografien, die sich wie ein roter Faden durch die chronologisch aufgebaute Ausstellung ziehen. Sie dokumentieren nicht nur die Entstehung der Werke, sondern rücken auch die Künstlerin selbst immer wieder ins Zentrum.

Die Kölner Ausstellung beginnt mit Kusamas Kindheit in Japan. Gerade dieser erste Abschnitt, der von den Besucher*innen, die vor allem wegen der kaleidoskopartigen „Infinity Rooms“ gekommen sind, leicht übersehen werden könnte, zählt jedoch zu den Stärken der Schau. Eine derart umfassende Präsentation von Kusamas frühem Schaffen ist in Europa selten zu sehen. In Zeichnungen, Aquarellen und Gemälden offenbart sich die Japanerin als Künstlerin mit einer bemerkenswerten formalen Vielfalt. Botanische Formen, organische Strukturen und dichte Netzmuster wechseln sich mit düsteren, beinahe morbiden Bildwelten ab, in denen Körper, Pflanzen und Landschaften zu hybriden Organismen verschmelzen. Bereits in den frühesten Arbeiten tauchen jene sich wiederholende Punkte auf, die später zu Kusamas unverwechselbarem Markenzeichen werden. So gibt etwa eine Kinderzeichnung aus dem Jahr 1939 ein Portrait einer Frau mit geschlossenen Augen wieder, die am ganzen Körper mit schwarzen Kreisen überzogen ist.

Die Wandtexte führen diese Motive konsequent auf Kusamas Halluzinationen zurück. Seit ihrer Kindheit, so erklärt die Ausstellung, habe sie die Welt von Punkten überwuchert wahrgenommen und ihre Kunst genutzt, um diese Erfahrungen zu verarbeiten. Tatsächlich beschreibt Yayoi Kusama selbst ihre künstlerische Arbeit immer wieder als Strategie, mit ihrer psychischen Erkrankung umzugehen. Dem Prinzip der biografischen Lesart von Kusamas Kunst folgt die Ausstellung konsequent. Anstatt das Frühwerk auch kunsthistorisch zu verorten, beispielsweise zwischen japanischer Nihonga-Malerei und europäischem Surrealismus, wird es vor allem als Ausdruck einer individuellen Krankheitsgeschichte gelesen. Dadurch drohen die Eigenständigkeit und Innovationskraft dieser frühen Arbeiten in den Hintergrund zu treten.

Mit ihrem Umzug nach New York Ende der 1950er Jahre verlagert sich der Fokus der Schau nun auf die USA. Dass Kusama diesen Schritt wagte, lag nicht zuletzt an der Unterstützung der amerikanischen Malerin Georgia O’Keeffe, mit der sie seit Mitte der 1950er Jahre korrespondierte. Mehrere Briefe der beiden dokumentieren ihren Austausch und machen deutlich, wie O’Keeffe ihre japanische Kollegin darin bestärkte, sich in New York niederzulassen. Dort traf Kusama auf eine bewegte Stadt, in der auch die Kunstwelt im Umbruch stand: Der Abstrakte Expressionismus ebbte langsam ab, während sich Minimal Art, Pop Art und Happenings etablierten. Mit ihren monumentalen „Infinity Nets“-Gemälden entwickelte Kusama bereits Ende der 1950er Jahre eine radikal reduzierte Bildsprache mit den beinahe monochromen Oberflächen aus tausenden fein gesetzten Pinselstrichen. Künstlerfreund Donald Judd, der damals auch als Kritiker tätig war, erkannte das Potenzial ihrer Arbeiten früh und widmete ihrem Debüt in der Brata Gallery 1959 eine begeisterte Rezension in der Zeitschrift Artnews. Dennoch stand Kusama in einer von Männern dominierten Kunstwelt lange im Schatten ihrer Kollegen.

Wenig später verlagerte die Künstlerin ihre obsessive Formensprache in den Raum. Mit Stoff überzogene Möbel, deren unzählige phallische Auswüchse zu den sogenannten „Accumulations“ wurden, verbinden Humor, Absurdität und körperliche Beklemmung. Besonders eindrucksvoll gelingt ihr dies in der Installation „Aggregation: One Thousand Boat Show“ aus dem Jahr 1963. Das mit hunderten Stoffsäckchen überzogene Ruderboot wirkt zugleich grotesk und verstörend, während es sich in einer Art offener Vitrine befindet, in der auch die Wände mit Fotos des Bootes überzogen sind. Ergänzt wird es durch eine zusätzliche Fotografie der ursprünglichen Installation, auf der Yayoi Kusama selbst nackt neben dem Boot posiert.

Gerade in diesem Ausstellungsbereich zeigt sich erneut die kuratorische Schwerpunktsetzung. Die „Accumulations“ werden vor allem über Kusamas Asexualität und ihre traumatischen Kindheitserfahrungen erklärt. Zweifelsohne spielen diese für die Werke eine wichtige Rolle. Doch gleichzeitig geraten mit diesem Narrativ jene kunsthistorischen Kontexte aus dem Blick, die Kusama zu einer der bedeutendsten Künstlerinnen ihrer Generation machten. Mit diesen „Accumulations“ überführte sie das Prinzip serieller Wiederholung erstmals von der Leinwand in den Raum und entwickelte damit eine eigenständige Position zwischen Pop Art, Minimal Art und den entstehenden Environments der frühen 1960er Jahre.

Trotz dieser Leerstellen zählt die Retrospektive zu den bemerkenswerten Ausstellungen des Jahres. Hierbei lässt Stephan Diederich ein Schaffen aufleben, das sich über acht Jahrzehnte erstreckt. Gerade da Yayoi Kusama nicht auf ihre populären Spiegelräume, wie den eigens für die Ausstellung konzipierten „Infinity Mirrored Room“, in dem sich leuchtend gelbe „Polka Dots“ und krakenartige Formen in einem scheinbar unendlichen Spielgeraum vervielfachen, reduziert wird, ist die Schau sehenswert. Die gilt insbesondere für das unbekannte Frühwerk. Umso bedauerlicher ist es, dass hierbei die kunsthistorische Bedeutung stellenweise hinter der Erzählung von Halluzinationen, Trauma und Künstlergenie in den Hintergrund tritt. Denn Kusamas Bedeutung liegt nicht allein darin, ihre Wahrnehmung in Kunst übersetzt zu haben, sondern die Kunstgeschichte in einem außergewöhnlichen Dialog zwischen Minimalismus, Pop Art, Performance- und Installationskunst geprägt zu haben.

Wer das noch erleben will, hat am 1. und 2. August Gelegenheit dazu. Denn für die beiden „Kusama-Nächte“, in denen das Museum Ludwig bis 2 Uhr nachts geöffnet hat, werden die Eintrittskarten erst am jeweiligen Abend ab 20 Uhr an der Museumskasse verkauft. Die Ausstellung „Yayoi Kusama“ läuft noch bis zum 2. August. Der Ausstellungskatalog ist für 38 Euro an der Museumskasse erhältlich.

Kontakt:

Museum Ludwig Köln

Heinrich Böll Platz

DE-50667 Köln

Telefax:+49 (0221) 221 241 14

Telefon:+49 (0221) 221 261 65

Startseite: www.museenkoeln.de



20.07.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Barbara Bauer

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14.03.2026, Yayoi Kusama

Bei:


Museum Ludwig Köln

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Malerei

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Stilrichtung:


Nachkriegskunst

Stilrichtung:


Zeitgenössische Kunst

Bericht:


Poesie der Farbe Grau







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