 |  | Alfred Mahlau, Lübeck, Haupt der Hanse, 1926 | |
1926 wurde in Lübeck ausgiebig gefeiert. Denn seit 700 Jahren genoss die Hansestadt den Status der Reichsfreiheit. Nur dem Kaiser und nicht regionalen Fürsten untertan, bildete diese Autonomie Grundlage für den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt. In weiser Voraussicht sollte daran noch einmal reichlich erinnert werden; denn wenig später, im Jahr 1937, endete dieser Zustand mit der Eingliederung in die Provinz Schleswig-Holstein. Höhepunkt des umfangreichen Festprogramms war ein volkstümlicher Festzug mit über 1.000 Teilnehmern. Am 6. Juni 1926 schlängelte er sich ab zwölf Uhr durch die bunt geschmückten Straßen Lübecks, obgleich derartige, dem höfischen Festwesen entsprungene Umzüge schon damals aus der Zeit gefallen waren. Einem Theaterstück ähnlich griffen einzelne Motivgruppen Episoden aus der wechselvollen Historie der Stadt, aus Sagen und Erzählungen auf. Dies geschah aber nicht in historischen Kostümen, sondern in der Form einer modernen Bildsprache, für deren künstlerische Gestaltung der Grafiker Alfred Mahlau engagiert wurde. In der Form einer 16 Meter langen Rolle brachte er seine Abfolge von Ideen zu Papier, die weitgehend vom Festausschuss realisiert wurden.
Anlässlich der aktuellen 800jährigen Wiederkehr der Verleihung der Reichsfreiheit ist im soeben sanierten Museum Behnhaus das Werk in zwei Tranchen seit 1926 erstmals wieder zu sehen. Mit diesem Höhepunkt vermittelt die Ausstellung „Alfred Mahlau. Der Festzug 1926“, wie der Künstler im Rahmen der Feiern und nachfolgender Aufträge der Stadt ein modernes Gesicht verlieh. Der 1894 in Berlin geborene Alfred Mahlau zog im Jahr 1905 mit seiner Familie nach Lübeck, studierte dann an der Kunstgewerbeschule in Frankfurt am Main und anschließend an der Königlichen Kunstschule in Berlin, wo er nach dem Kriegseinsatz seine Ausbildung 1919 mit dem Examen als Zeichenlehrer beendete. Fortan wirkte er freiberuflich in verschiedenen künstlerischen Disziplinen. Speziell tat er sich auf den Feldern der Werbegrafik, des Textil-, Produkt- und Industriedesigns, der Bühnenbildnerei und Innenarchitektur hervor. Besonders gefördert wurde er vom damaligen Lübecker Museumsdirektor Carl Georg Heise. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte er einem Ruf als Lehrbeauftragter und später als Professor an die Hochschule für bildende Künste Hamburg, den er bis 1959 wahrnahm. Im Jahr 1967 starb er in Hamburg.
Erstes größeres Aufsehen erlangte der erst 27jährige Künstler im Jahr 1921 mit einem Plakatentwurf für die Nordische Woche. An einem Pfahl engmaschig vertäut, reihen sich Schiffe mit hoch aufstrebenden spitzen Masten. Die moderne klare sowie gotisch inspirierte Formgebung sollte die Aufbruchsstimmung in der Beziehung zu den nordischen Ländern verkörpern. Eine derartig zeitgemäße, an Bühnenbildern angelehnte Gestaltung versprach sich auch der Festausschuss von Mahlaus Entwürfen für den Festzug. Dafür gab Mahlau sein kurzzeitiges Engagement als Kostüm- und Bühnenbildner am Breslauer Stadttheater auf und gestaltete 36 baukastenartig aneinandergereihte Entwurfsblätter für die vielfigurige Gesamtkomposition, in der er Sujets, Ablauf und farbliche Gestaltung der Kostüme und Wagen festlegte. Die Szenen wurden dann zu einer Rolle zusammengefügt. Statt in traditioneller realistischer oder illusionistischer Bühnenbildmanier skizzierte Alfred Mahlau seine Ideen à jour stakkatoartig in knapper Abbreviatur, deren reduziert stilisierte, zackige und schnell gesetzte Strichbündel er mit sparsamem und wässrig getupftem Kolorit unterlegte.
Los geht es mit der Übergabe des „Reichsfreiheitsbriefs“ im Jahr 1226 durch Kaiser Friedrich II. Nach einer Schar blumenstreuender Kinder sowie einem Wagen mit Lübecks Stadtsiegel folgt eine Gruppe zeitgemäß gewandeter Männer, die auf hohen Stangen die in moderner Typografie gehaltenen Worte „700 Jahre Reichsfreiheit“ hochleben lassen. Unter einem Baldachin reitend, erscheint in der Folge Kaiser Karl IV., wie er im Jahr 1375 in die Stadt eingezogen sein soll, begleitet von Ehrenpforten tragenden Jungfrauen. Wie sehr der Stolz überhandnahm, zeigt die Vorstellung Lübecks als „Haupt der Hanse“ in der Form eines grandiosen Schiffs, das kleinere Schiffe anderer Hansestädte an der Leine führt, ein 1926 völlig realitätsfernes Bild.
Ein vom Künstler immer wieder aufgegriffenes Thema war der Totentanz, dem er auch 1957 in den Glasfenstern der Kirche St. Marien zum Ausdruck verhalf. Windende Figuren mit sich auflösenden Gewänder sollen die Pest von 1350 darstellen; diese Szene wurde beim Festumzug nicht aufgeführt. Mahlau griff zudem den Aufstieg und Fall des Bürgermeisters Wullenwever und natürlich auch Lübecks Kirchen und weitere markante Bauten auf. Eher süffisant karikierte er Sagengestalten, darunter den sein Unwesen treibenden Till Eulenspiegel mit Federhut, Spiegel und Eule sowie den Lübecker Buchdrucker Johann Balhorn d.Ä., der aufgrund der von ihm 1528 editierten „verbesserten Fibel für die Jugend“ den Begriff „verballhornen“ prägte. Mit der ersten Eisenbahnanbindung von 1851, dem ersten Dampfschiff und der Eröffnung des Elbe-Trave-Kanals wird der Bogen in die Neuzeit geschlagen. 30 Fahnenträger mit Bannern befreundeter Städte bilden den Abschluss.
Dem Hauptexponat sind Fotografien und Filme zur Seite gestellt, die das reale Geschehen in Schwarzweiß darbieten. Schon damals kamen ergänzend von Mahlau gestaltete Andenken wie Medaillen, Wandteller oder Tassen hinzu, die das goldfarbene Sieben-Türme-Signet der Stadt Lübeck tragen. Mahlaus gradliniges Design steht dabei im deutlichen Kontrast zum verschnörkelten Rand. Ein vielgekauftes Andenken war ein als Lithografie gedrucktes und als Leporello gefaltetes „Festzugheft“, für das der Künstler den Festzug in reduzierter Form ein zweites Mal schuf. Neben Einbandgestaltungen und Postkarten sticht unter den Begleitaccessoires das großformatige Plakat zum Festumzug hervor. Bei dessen Gestaltung gelang es Mahlau, das weite Panorama der Lübecker Silhouette vertikal in ein Hochformat zu bringen. Modern, sachlich und gotisch himmelstrebend hat er die sieben markanten Kirchtürme der Stadt eng zusammengerückt.
Der publikumswirksame Jubiläumsauftritt war für Alfred Mahlau Initialzündung für viele weitere Projekte, die in der Schau am Beispiel ausgewählter Objekte wie Bucheinbände angedeutet werden. Heute ist der Künstler für einprägsame gebrauchsgrafische Arbeiten bekannt. Dazu zählen in erster Linie die Logos für die Schwartauer Werke oder den Marzipanproduzenten Niederegger. Die nunmehrige Ausstellung versteht sich denn auch als Auftakt eines längerfristigen Forschungsprojektes, das das gesamte Lebenswerk, darunter auch zahlreiche Aufträge zur Zeit des Dritten Reiches, erforschen und dokumentieren soll.
Die Ausstellung „Alfred Mahlau. Der Festzug 1926“ ist bis zum 22. November zu sehen. Das Museum Behnhaus Drägerhaus hat täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9 Euro und ist für Kinder und Jugendliche bis zu 18 Jahren, Schüler*innen, Student*innen und Auszubildende frei. Zur Ausstellung ist ein Begleitheft erschienen, das im Museumsshop 14,90 Euro kostet. |