 |  | Amedeo Modigliani, Nu assis au collier, 1917/18 | |
Seit Jahrhunderten gehört der weibliche Akt zu den faszinierendsten und zugleich beständigsten Themengebieten der Kunstgeschichte. Von der klassischen Antike bis in die Gegenwart wurde der weibliche Körper immer wieder Ausgangspunkt für Fragen nach Schönheit, Identität und dem Verhältnis zwischen Künstler, Modell und Betrachter*in. Eine besondere Bedeutung erhielt das Genre zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch einen jungen Italiener, der sich in seinem kurzen, aber einflussreichen Schaffen intensiv mit der Darstellung des weiblichen Körpers auseinandersetzte: Amedeo Modigliani. Seine Akte sorgten beim zeitgenössischen Publikum für Aufsehen, da sie sich von den traditionellen Vorstellungen idealisierter Schönheit entfernten und durch ihre unverstellte Sinnlichkeit eine neue Form der Intimität schufen. „Nu assis au collier“ gehört zu den subtilen und zugleich suggestiven Beispielen von Modiglianis Arbeiten. In einer nachdenklichen, beinahe träumerischen Haltung sitzt die junge Frau mit geschlossenen Augen auf der Kante eines Bettes, eine Hand bedeckt ihren Intimbereich, die andere berührt die rote Perlenkette an ihrem Hals. Das 1917/18 während der dunklen Jahre des Ersten Weltkriegs entstandene Gemälde wurde nun zum Höhepunkt der Juni-Auktion von Sotheby’s in London. Als Favorit der Lewis Collection erzielte es mit 41,5 Millionen Pfund zwar nicht die mindestens erwarteten 45 Millionen Pfund, platzierte sich dennoch an erster Stelle und ging mit dem Aufgeld für 48,2 Millionen Pfund an einen Sammler aus Asien.
Amedeo Modigliani trumpfte am Abend des 24. Juni nochmals auf: Sein seltenes Portrait eines Mannes, der „Homme à la pipe (Le Notaire de Nice)“ von 1918/19, legte von 12 Millionen Pfund auf 19,8 Millionen Pfund zu und wanderte ebenfalls nach Asien ab. Mit der Versteigerung von 25 Werken aus der Lewis Collection brachte Sotheby’s einen Teil der britischen Privatsammlung europäischer Moderne auf den Kunstmarkt. Der 89jährige Unternehmer und Finanzinvestor Joe Lewis und seine Tochter Vivienne hatten die Kollektion über Jahre mit einem klaren Fokus auf figurative Kunst des späten 19. und 20. Jahrhunderts aufgebaut und darin die Innovationskraft führender Künstler ihrer Zeit vereint. Bereits im Vorfeld wurde die Auktion als die wertvollste Privatsammlung angekündigt, die je in London stattfinden sollte. Diese Erwartungen erfüllten sich: Von den angebotenen 25 Losen fanden 24 eine*n Käufer*in und brachten 296,3 Millionen Pfund brutto ein. Laut Sotheby’s sei dies ein neuer Rekord für eine Auktion einer einzelnen Sammlung auf dem europäischen Kontinent.
Schon der Auftakt mit Werken der französischen Moderne ließ sich gut an. Gustave Caillebotte eröffnete die Versteigerung mit dem Portrait seines Freundes Paul Hugot als Standfigur von 1878, das er zwei Jahre später auf der fünften Impressionisten-Ausstellung präsentierte. Der elegant gekleidete Hugot verdoppelte seinen Wert rasch auf 8,5 Millionen Pfund. Einen weiteren Höhepunkt markierte Edgar Degas’ „Petite danseuse de quatorze ans.“ Mit einem marktkonformen Zuschlag von 21,4 Millionen Pfund bewegte sich die posthum gegossene Bronzeskulptur mit Tüllröcken und Haarband im mittleren Bereich ihres Schätzrahmens. Erfolglos war dagegen Degas’ Theaterstudie „La Loge“: Das Pastell von 1880 blieb als einziges Los der Auktion bei 3 bis 4 Millionen Pfund unverkauft. Mit seinem Gemälde „À Armenonville“ warf Henri de Toulouse-Lautrec 1899 wieder einmal seinen Blick in das Ankleidezimmer eines einschlägigen Restaurants im Bois de Boulogne und erspähte einen älteren Herrn, der eine halbbekleidete Frau beim Herrichten beobachtet. Die voyeuristische Skizze forderte taxgerechte 1,55 Millionen Pfund.
Magrittes Wolkenselbst
Neben den Impressionisten waren auch die Protagonisten der französischen Moderne beliebt. Bereits das zweite Los des Abends, René Magrittes „La Belle Promenade“, sorgte für einen weiteren Bieterwettstreit. Die ikonische Silhouette eines Mannes, dessen Körper von Wolken erfüllt ist, ein verstecktes Selbstportrait Magrittes mit Bowlerhut, konnte ihre Schätzung von 3 bis 4 Millionen Pfund vervielfachen und ergatterte schließlich 13,5 Millionen Pfund. Damit gilt die Gouache aus dem Jahr 1965 nun als teuerste Arbeit auf Papier des Belgiers. Auch die „Buste de femme“ des Wahlfranzosen Pablo Picasso, ein verzerrtes Portrait seiner Lebensgefährtin Dora Maar vom Mai 1938, brillierte im Anschluss mit 20,3 Millionen Pfund und übertraf den oberen Schätzwert um mehr als zwei Millionen Pfund. Bieter aus dem asiatischen Raum engagierten sich danach bei Picassos mythologischer Selbstreflexion „Baigneuses, sirènes, femme nue et minotaure“ von 1937 mit 5,7 Millionen Pfund (Taxe 3,5 bis 4,5 Millionen GBP) und seinem frühen, dunklen und schwermütigen Kollegenportrait „Angel Fernández de Soto“ um 1899 mit 3 Millionen Pfund (Taxe 1,5 bis 2 Millionen GBP). Exakt genau den gleichen Wertzuwachs verbuchte Henri Matisse mit seiner Kohlezeichnung „Lydia“, einer Studie für das Gemälde „Portrait au monteau bleu“ von 1935.
Mit Gustav Klimt und Egon Schiele hatte sich Joe Lewis die beiden bedeutendsten Vertreter der Wiener Moderne zugelegt. Klimts 1902 entstandenes „Portrait Gertrud Löw“ vereint die repräsentativen Anforderungen eines Auftragsbildnisses mit der unverwechselbaren dekorativen Handschrift des Künstlers. Die geradezu feenhaft körperlose Gestalt der damals 19jährigen Gertrud, Tochter des Wiener Arztes und Sanatoriumsgründers Anton Löw, überzeugte vor allem die Sammler*innen aus Asien und brachte 31 Millionen Pfund ein (Taxe 20 bis 30 Millionen GBP). Egon Schieles schlafende „Danaë“ von 1909, die eben im Begriff ist, Opfer von Jupiters Goldregen zu werden, fand ebenfalls Anklang und wechselte für 15,15 Millionen Pfund den Besitzer (Taxe 12 bis 18 Millionen GBP). Aus Deutschland trat Max Beckmann mit seinem farbintensiven „Stillleben mit Grammophon und Schwertlilien“ von 1924 aus der unbeschwerten Frankfurter Zeit bei 4,8 Millionen Pfund (Taxe 3 bis 4 Millionen GBP) und mit seinen beiden traurigen „Artisten“ von 1948 bei 5 Millionen Pfund gewinnbringend hinzu (Taxe 2 bis 3 Millionen GBP).
Als gebürtiger Londoner ließ Joe Lewis die Protagonisten der britischen Nachkriegskunst nicht außer Acht und erfreute sich mit Freud und Bacon an der sogenannten School of London, jener Künstlergruppe, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts der figurativen Malerei verschrieben hatte. Lucian Freuds „Sleeping by the Lion Carpet“ von 1995/96 zeigt das Portrait der schlafenden Sue Tilley. Der nackte fleischige Körper der Londoner Sachbearbeiterin für Sozialleistungen, Freuds bevorzugtes Modell dieser Jahre, liegt auf einem Ledersessel hingestreckt, im Hintergrund hängt der titelgebende Löwenteppich. Die eindrucksvolle Leibesfülle hielt sich an die untere Schätzgrenze von 25 Millionen Pfund und war somit das drittteuerste Los des Abends. Freuds „Woman in Grey Sweater“, ein Konterfei seiner Muse Susanna Chancellor von 1987/88, übernahm wiederum ein asiatischer Käufer wie vorgesehen bei 3,9 Millionen Pfund. Das Diptychon „Two Studies for Self Portrait“ steht für eine emotionale, schonungslose und ehrgeizige Schaffensphase von Francis Bacon. Gemalt nach dem Tod seines langjährigen Lebensgefährten George Dyer, verhandelte der Ire 1977 in diesem Doppelportrait seine eigene Identität und Vergänglichkeit. Die Selbstbildnisse blieben bei 7,1 Millionen Pfund hängen und erreichten den angesetzten unteren Wert von 8 Millionen Pfund nicht.
Werft Blumen!
Den ersten Platz in der regulären „Modern & Contemporary Evening Auction“, die am 24. Juni bei einer losbezogenen Verkaufsrate von 85 Prozent nochmals 97,2 Millionen Pfund einfuhr und zusammen mit der Lewis Collection den umsatzstärksten Auktionsabend in Europa generierte, belegte Claude Monet mit einer Version seiner geschätzten „Nymphéas“: Der violett-grün-blaue Seerosenteich des Jahres 1907 aus seinem Garten in Giverny erreichte mit 35 Millionen Pfund genau die Taxmitte. Aus Monets Schaffen trat noch das Bildnis seiner Frau „Camille assise sur la plage à Trouville“ aus dem Jahr 1870 hinzu, fand bei 7 bis 10 Millionen Pfund aber keinen Abnehmer. Platz 2 der Ergebnisliste belegte dann Mark Rothko mit einer titellosen Papierarbeit schwebender Farbflächen in dunklem Samtgrün und Rosabeige auf sonnengelbem Grund für gute 7,4 Millionen Pfund (Taxe 4 bis 6 Millionen GBP), Platz 3 Banksy mit seinem gesprühten energischen Demonstranten „Love Is In The Air“, der einen Blumenstrauß auf seine nicht sichtbarer Gegner wirft, für taxkonforme 5,2 Millionen Pfund.
Daran schlossen sich Wassily Kandinsky mit dem „Fragment zu Improvisation II (Trauermarsch)“, einem farbfreudigen sommerlichen Gartenausschnitt mit zwei Personen aus dem Jahr 1909, bei 4,1 Millionen Pfund (Taxe 4 bis 6 Millionen GBP) und Egon Schiele mit seiner verwischten Ansicht der „Toten Stadt IV“ an. Der Blick über Dächer auf Häuserfassaden des Krumauer Ringplatzes aus dem Jahr 1912 stieg auf 3,6 Millionen Pfund (Taxe 2,5 bis 3,5 Millionen GBP). Erfolgsverwöhnt zeigten sich dann noch Michail Larionows rayonistisch zergliederter „Kopf eines Soldaten“ aus dem Jahr 1910 bei 2,5 Millionen Pfund (Taxe 800.000 bis 1,2 Millionen GBP) und Marlow Moss mit dem Rekordwert von 920.000 Pfund für ihr konstruktivistisches, an Mondrian geschultes Gemälde „White, Yellow and Black“ von 1953 (Taxe 450.000 bis 650.000 GBP), während an Sigmar Polkes freiem Farbenspiel „Roter Fisch“ auf buntem Stoff von 1992 nur 950.000 Pfund (Taxe 1 bis 1,5 Millionen GBP), an Roy Lichtensteins Rasterpunkte-Hochformat „Landscape with Grass“ von 1996 nur 1,6 Millionen Pfund (Taxe 2 bis 3 Millionen GBP) und an Andreas Gurskys konstruiertem Häusermeer „Tokyo“ von 2017 nur 220.000 Pfund hängen blieben (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP).
Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld. |