Halle holt Edmund Kesting aus der Versenkung  |  | Edmund Kesting, Kirche, 1920 | |
Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale widmet dem vergessenen Künstler Edmund Kesting eine Retrospektive. Dafür haben die Kuratoren Paul Kaiser und Thomas Bauer-Friedrich insgesamt 227 Werke aus mehr als 40 institutionellen und privaten Sammlungen ausgewählt – viele davon sind erstmals öffentlich zu sehen –und die Ausstellung in acht Abschnitte gegliedert, um das Leben des zwischen 1914 und 1970 wirkenden Künstlers darzustellen und seine Position in der Moderne zu verdeutlichen. Durch die historischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts geriet Kestings Schaffen in Vergessenheit: Während der Zeit der Nationalsozialisten wurde er in der Aktion „Entartete Kunst“ diffamiert, sein Œuvre verschwand aus der Öffentlichkeit, und auch nach 1945 war er in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR nicht anerkannt. So äußert sich Bauer-Friedrich über Kestings Bedeutung: „Sein künstlerisches Schaffen und dessen Rezeption bzw. Nicht-Rezeption demonstrieren auf das Deutlichste, wohin es führt, wenn Kunst und Kultur politisch reglementiert und in ihrer freien Entfaltung eingeschränkt werden.“
Edmund Kesting, geboren 1892 in Dresden, nahm seine Tätigkeit nach Studien an der Kunstgewerbeschule und der Kunstakademie seiner Heimatstadt während des Ersten Weltkrieges in expressionistischen Formen auf. Schon in den 1920er Jahren wandte er sich verschiedenen neuen Techniken zu und begann, dabei zwischen Abstraktion und Figuration zu variieren. Indem Kesting seinen Werken eine physische Tiefe verlieh und sogenannte „Bildbauwerke“ schuf, erweiterte er seine Malerei in die dritte Dimension. Dazu verschränkte er Leinwände vor und hinter dem Keilrahmen miteinander und verband diese zu einer reliefartigen Malereicollage. Diese Werkreihe, darunter die Kombination von Leinwand und Bildrahmen einer abstrahierten, mehrfach perspektivisch gebrochenen „Kirche“ von 1920, rücken die Kuratoren in das Zentrum der Ausstellung.
Auch das Medium der Fotografie bot Edmund Kesting ab Ende der 1920er Jahre vielfältige Möglichkeiten für künstlerische Experimente. So beschäftigte er sich mit Mehrfachbelichtungen, Fotogrammen und verschiedenen Eingriffen in den Belichtungsprozess und überlagerte etwa dem dreifach belichteten Silbergelatineabzug „Der Tänzer Dean Goodelle“ aus dem Jahr 1927 das Profilbildnis seines Kopfes mit zwei unterschiedlichen Schattenposen. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich Kesting erneut mit dem Medium Fotografie auseinander, fing aber wie in „Kogge 2“ von 1949 an, chemische Malerei, Fotografie und Malerei miteinander zu verbinden. Ab den 1950er Jahren kam er zu einer Ausdruckssprache und Technik, die der westeuropäischen informellen Kunst nahestand und daher in der DDR bei offiziellen Stellen nicht honoriert wurde. Als eigenständige Position in der europäischen Moderne, als Grenzgänger zwischen Malerei, Fotografie und Objektkunst sowie als Künstler, dessen Werke von einer beharrlichen Suche nach Synthese geprägt sind, verstehen die Kuratoren seinen innovativen Beitrag zur Kunst und ihre Präsentation als seit langem fällige umfassende Entdeckung.
Die Ausstellung „Edmund Kesting. Avantgardist“ ist bis zum 25. Oktober zu sehen. Das Kunstmuseum Moritzburg hat täglich außer mittwochs von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintrittspreis beträgt 8 Euro, ermäßigt 5 Euro. Der Ausstellungskatalog kostet im Museumsshop 35 Euro, im Buchhandel 40 Euro.
Kunstmuseum Moritzburg
Friedemann-Bach-Platz 5
D-06108 Halle an der Saale
Telefon: +49 (0)345 – 21 25 90 |