Haus Habermas steht jetzt unter Denkmalschutz  |  | Das Haus Habermas in Starnberg ist in die Bayerische Denkmalliste aufgenommen worden | |
Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) hat das Haus Habermas als Baudenkmal in die Bayerische Denkmalliste aufgenommen. Das Gebäude hatte sich der im März verstorbene Philosophen Jürgen Habermas von dem Architektenduo Heinz Hilmer und Christoph Sattler in den 1970er Jahren am Starnberger See errichten lassen. „Mit seinem retrospektiven Bezug zu Le Corbusier und den zitathaften, architektonischen Verweisen auf das Haus Wittgenstein in Wien erweist sich Habermas’ Wohnhaus als hochbedeutendes Werk des Übergangs vom Neofunktionalismus der Nachkriegsmoderne zur Postmoderne“, heißt es in der Begründung. Ihr Erstlingswerk hatten die Münchner Architekten im direkten Austausch mit Habermas und seiner Frau Ute geplant und das Haus nach Angaben des BLfD um das zentrale Bücherregal entwickelt. Denn für den weltbekannten Philosophen und Soziologen waren Lesen, Denken und Schreiben die essentiellen Dinge seines Lebens.
„Das Haus Habermas ist gebaute Philosophie. Es ist ein herausragendes Zeugnis für das Selbstbild eines der bedeutendsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts“, würdigte Mathias Pfeil, Generalkonservator des BLfD, den Bau. „In seiner zeitlosen Modernität und repräsentativen Gestaltung ist das seit seiner Bauzeit beinahe unverändert erhaltene Gebäude ein wichtiges Dokument für das Bauen und Wohnen des gehobenen Bürgertums zu Beginn der 1970er Jahre.“ Dem Gebäude komme besondere geschichtliche, künstlerische und wissenschaftliche Bedeutung zu; sein Erhalt liege im Interesse der Allgemeinheit.
Das Gebäude in Starnberg liegt als langgestreckter weißer Kubus am Hang, unterbrochen durch unregelmäßige Fensteröffnungen mit dunkelblauen Stahlrahmen, das verglaste Garagentor, einen Fenstererker und den zurückgesetzten Hauseingang. Im Inneren bildet eine Bücherwand die zentrale
Achse und das bestimmende Motiv. Sie verläuft entlang des Wohn- und Essbereichs bis zum Arbeitszimmer. Die dem Regalband gegenüberliegende Fensterfront mit Erker erhellt Wohn- und Esszimmer mit Tageslicht. Eine betonierte Wendeltreppe verbindet drei Stockwerke. Die Kugelpendelleuchten, die sich am Bauhaus orientierten, sind als bauzeitliche Originale erhalten und begleiten die Achse vom Hauseingang bis zu Habermas’ Arbeitszimmer.
Bei dem Haus Habermas nahmen die Bauherren und das Büro Hilmer & Sattler Rückgriffe auf Formensprache, Ideen und existente Gebäude der Moderne. In seiner blockhaften Grundform mit den schlanken Stahlfenstern, dem Stützen-Balken-Gerüst des Essbereichs und dem Dachaufsatz aus Glasbausteinen rekurriert das Haus Habermas auf die Villa Stonborough-Wittgenstein in Wien, die der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein als Wohnhaus für seine Schwester errichten ließ. Habermas stellte damit architektonisch einen Bezug zu Wittgenstein her. Dieser interessierte ihn als Philosoph insbesondere wegen seines sprachphilosophischen Ansatzes. Beide trafen sich in ihrem Denken im Hinblick auf die zentrale Bedeutung der Vernunft als Prüfstein der Philosophie; entsprechend vermitteln die Bauten in Wien und Starnberg Rationalität durch ihre klare Formensprache.
Habermas ließ mit seinem Wohnhaus, das um den einladend offenen Ess- und Wohnbereich mit Kamin und Bücherwand konzipiert ist, ein bauliches Äquivalent für sein Ideal der Sprache als hierarchiefreien, sozialen, rationalen und emanzipatorischen Diskurs errichten. Ein weiterer Bezugspunkt sind die Pläne des frühen Le Corbusier aus den 1920er und 1930er Jahren. Der schweizerisch-französische Architekt entwickelte seine Villen aus der Idee des rationalen Bauens heraus: Die Form speist sich aus der Funktion des Wohnens. Das Leitmotiv der Ratio verbindet sich im Haus Habermas – philosophisch und architektonisch gedacht. |