Bern entdeckt eine verschwundene Malerin: Anne Loch  |  | Anne Loch, AL 206, 1987 | |
Sie galt als eine der Hoffnungsträgerin der rheinischen Kunstszene in den 1980er Jahren. Doch dann brach die 1946 in Minden geborene Anne Loch mit dem Kunstbetrieb, gab etliche Kontakte auf und zog sich 1988 nach Thusis in die Bergwelt des Kantons Graubünden zurück. Ihrem künstlerischen Tun tat dies aber keinen Abbruch: Bis zu ihrem Tod im Jahr 2014 aufgrund einer Krebserkrankung schuf sie rund 1.400 Werke. Derzeit widmet ihr das Zentrum Paul Klee in Bern eine umfassende Ausstellung. Dafür hat Kuratorin Amélie Joller rund 80 zum Teil wandfüllende Arbeiten der eigenwilligen Malerin ausgewählt und gibt mit ihnen einen Einblick in eine eigenständige Position, die mit ihren Natur- und Landschaftsbildern in den Kontext der Neuen Figuration gehört, sich aber politischen oder gesellschaftlichen Kommentaren enthält.
Nach einer Ausbildung zur Modedesignerin studierte Anne Loch zwischen 1972 und 1978 an der Kunstakademie Düsseldorf und war Meisterschülerin von Klaus Rinke. 1983 nahm die Galeristin Monika Sprüth die Künstlerin in ihr Programm auf, was ihre vielversprechende Karriere beförderte. In den späten 1980er Jahren folgten wichtige Einzelausstellungen, etwa 1987 im Neuen Aachener Kunstverein und 1988 im Bonner Kunstverein. Warum sich Loch dann nicht nur örtlich, sondern auch sozial – sie trennte sich von ihrem Ehemann und den Adoptivsöhnen – so radikal zurückzog, lässt sich nicht sagen. Amélie Joller geht davon aus, dass sich Loch von den Ablenkungen der großen Kunstszene und dem sozialen Druck des Kunstbetriebs abschotten wollte. Ihre Arbeiten stellte sie danach nur noch vereinzelt aus, unter anderem in der Berner Galerie von Erika und Otto Friedrich.
Der Wechsel in die Schweiz war aber kein Bruch mit dem bis dato entstandenen Werk. Schon in Köln malte Anne Loch Alpenblumen auf großem Format und die Natur der Berge. So sind in Bern etwa eine gelbe Blume auf blauem Grund von zwei Meter Höhe oder eine Schafherde zu sehen, die sich über 3,5 Meter erstreckt. Ein Falter schwebt auf einer knapp ein Meter hohen Leinwand, das Innere einer Pfingstrosenblüte oder den Kopf eines Raben hat Loch auf mehr als zwei Metern vergrößert. Bis auf wenige Ausnahmen hat sich die Künstlerin mit nichts anderem als Landschaften, Blumen und Tieren beschäftigt. „Aber es ist doch tröstlich für mich zu wissen, dass ich keine Bestandsaufnahme male, keine Sozialkritik male, keine Utopie male, keine Gesellschaftskritik, keine soziologische Studie…. Ich male einfach Striche und ihr Verhältnis zueinander“, hielt Loch dazu in ihrem Tagebuch fest.
Für Joller steht daher auch das Malerische an sich im Zentrum von Lochs Schaffen. Die monumentale Vergrößerung ihrer auf den ersten Blick kitschigen Motive sei eine Abkehr von der Wirklichkeit. Aus Lochs Arbeiten spreche keine Spontaneität, sondern genauste Planung und Konstruktion. Die Bilder wirken unreal, ihre kühle Künstlichkeit hält auf Distanz. Das Interesse an Lochs Werk liegt laut Joller deshalb nicht zuletzt darin, dass ihre Malerei weniger Antworten gibt, als Fragen stellt: nach dem Status des Bildes, nach der Verlässlichkeit des Sehens und nach einer künstlerischen Haltung, die sich bewusst der Festschreibung von Bedeutung entzieht.
Die Ausstellung „Anne Loch. Malerei: Na und?“ läuft bis zum 20. September. Das Zentrum Paul Klee hat dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 20 Franken, ermäßigt 18 Franken, 10 Franken bzw. 7 Franken. Der Ausstellungskatalog von Mousse Publishing kostet 34 Franken.
Zentrum Paul Klee
Monument im Fruchtland 3
CH-3006 Bern
Telefon: +41 (0)31 – 359 01 01 |