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Zwischen Realität und Rekonstruktion: Thomas Demand gestaltet in Wien derzeit zwei Ausstellungen und geht den Zusammenhängen zwischen Geschichte, deren Bildwerdung und der Prägung unseres Verständnisses von ihr nach

Mechanismen der Erinnerung



in der Ausstellung „Passants parmi les pierres – kuratiert von Thomas Demand“

in der Ausstellung „Passants parmi les pierres – kuratiert von Thomas Demand“

Selten erlebt man denselben Künstler in zwei parallel laufenden Ausstellungen in so unterschiedlichen Rollen. Mit „Räume, die von gestern träumen“ im Museum für angewandte Kunst und „Passants parmi les pierres“ im fjk3 – Raum für zeitgenössische Kunst begegnet man Thomas Demand in Wien einmal als Künstler, einmal als Kurator. Beide Projekte kreisen um die selben Fragen, entwickeln sie jedoch aus unterschiedlichen Perspektiven: Wie entsteht ein Bild? Wie erzählt es Geschichte? Und weshalb sind Erinnerung, Rekonstruktion und Inszenierung so eng mit unserer Vorstellung von Wirklichkeit verbunden?


Im Museum für angewandte Kunst (MAK) richtet Demand den Blick auf seine eigene Praxis und führt zentrale Ideen seines Werks anhand historischer Theatermodelle weiter. Im fjk3 dagegen tritt er als Sammler und Arrangeur auf. In „Passants parmi les pierres“, auf Deutsch „Passanten zwischen den Steinen“, versammelt er fotografische Arbeiten aus der eigenen Sammlung sowie von befreundeten Künstler*innen, die sich auf unterschiedliche Weise mit historischen Ereignissen und deren Bildwerdung beschäftigen. Gemeinsam eröffnen beide Ausstellungen einen vielschichtigen Diskurs über das Bild als Speicher kultureller Erinnerung und zugleich als Medium, das Erinnerung erst hervorbringt.

Den Ausgangspunkt von „Passants parmi les pierres“ bildet eine Fotografie, die der israelische Künstler Omer Fast Demand schenkte. Es handelt sich um ein privates Erinnerungsfoto des letzten Drehtags von Steven Spielbergs bekanntem Holocaust-Drama „Schindlers Liste“. Auf den ersten Blick wirkt die Aufnahme wie ein historisches Dokument: Menschen in abgetragener Kleidung, auf deren Jacken Davidsterne aufgenäht sind, stehen vor Baracken eines Konzentrationslagers, im Hintergrund ein Wachturm. Erst bei genauerem Hinsehen verschieben sich die Gewissheiten. Am Bildrand erscheint ein digitaler Zeitstempel, zugleich fällt auf, dass einige Personen lächeln. Die scheinbare historische Evidenz beginnt zu kippen: Die Baracken erweisen sich als Filmkulisse, während die Steinmauer im Hintergrund ein Überrest des ehemaligen Konzentrationslagers Plaszow bei Krakau ist. Omer Fast erhielt das Bild im Zusammenhang mit seiner Videoarbeit „Spielberg’s List“, für die er Komparsen und Komparsinnen, darunter auch Holocaust-Überlebende, interviewte und der Frage nachging, wie Spielfilme historische Erinnerung prägen und verändern können. Gerade diese Irritation bildet den Ausgangspunkt der Ausstellung. Wie Omer Fast formuliert, erzeugen solche Nachstellungen eine „Distanz zum Realen“, die nicht täuschen will, sondern den Blick auf die Mechanismen der Erinnerung lenkt.

Diese Verschiebung zieht sich als Grundbewegung durch die Präsentation im Wiener Projektraum fjk3. Die von Thomas Demand ausgewählten Arbeiten verbindet weniger eine gemeinsame Ästhetik als ihr Interesse daran, wie Geschichte im Medium der Fotografie sichtbar wird. Sie bewegen sich zwischen scheinbar ungestellter Situation und bewusster Inszenierung, zwischen Reportage und Rekonstruktion sowie zwischen historischen Ereignissen und ihrer späteren Vermittlung. Fotografien erscheinen dabei weniger als objektive Dokumente vergangener Wirklichkeit denn als kulturelle Konstruktionen, deren Bedeutung sich erst im Prozess der Betrachtung aus dem Zusammenspiel von Bild, historischem Wissen und individueller Erfahrung ergibt.

Diese Offenheit bestimmt auch die Auswahl der Arbeiten. Demand verzichtet bewusst auf Werke, die eindeutige Geschichten erzählen. Stattdessen begegnen den Besucherinnen und Besuchern Bilder, die Unbestimmtheiten enthalten und sich einer schnellen Interpretation entziehen. Luigi Ghirris fast menschenleerer Jahrmarkt, Sibylle Bergemanns Schlittschuhläufer*innen auf einem zugefrorenen See in Ostberlin oder Tacita Deans Filmaufnahmen der Gellért-Bäder in Budapest zeigen Situationen, die weder eindeutig inszeniert noch rein dokumentarisch wirken. Die meist in Rückenansicht dargestellten Figuren wirken weder exponiert noch inszeniert. Architektur ist dabei nie bloße Kulisse, sondern wird selbst zum Träger politischer, gesellschaftlicher und persönlicher Erinnerung.

Weitere Positionen verschieben die Grenze zwischen Realität und Konstruktion. Mohamed Bourouissas C-print „Le toit“ von 2007 erinnert in seiner Bildkomposition an ein Gemälde der französischen Romantik, obwohl die Szene mit Freunden auf einem Dach in den Pariser Banlieues inszeniert wurde. Akihiko Okamuras Aufnahme eines brennenden Gebäudes in „Derry City, Northern Ireland, Burning Building“ aus den späten 1960er Jahren wiederum wirkt zunächst wie eine gestellte Filmszene, stammt jedoch aus einer dokumentarischen Fotoserie der nordirischen Unruhen. Einen Gegenpol dazu setzt Jeff Wall. Seine Fotografie „Searcher“ von 2007 zeigt ein junges Mädchen, das sich über den Gehsteig beugt und den Boden absucht. Wer Walls großformatige Leuchtkästen kennt, vermutet eine sorgfältig arrangierte Szene. Tatsächlich entstand die Aufnahme spontan mit dem Mobiltelefon und gehört zu einer Werkgruppe, die bewusst auf spektakuläre Inszenierungen verzichtet. Gerade die unscheinbare Geste des Suchens wird hier zur Metapher des Sehens.

Eine andere Form fotografischer Zeitlichkeit eröffnet David Claerbouts „The Algiers’ Sections of a Happy Moment“ aus dem Jahr 2008. Der ursprünglich filmische Kontext ist in der Ausstellung auf einen einzelnen Bildausschnitt reduziert. Zu sehen ist ein Fußballspiel auf einem Dach in Algier, darüber die dichte Stadtstruktur. Aus dem filmischen Zusammenhang herausgelöst, wird das Bild zu einem singulären Moment eines eigentlich zeitlich ausgedehnten Werks. Durch diese Reduktion verändert sich die Wahrnehmung: Was im Film als kontinuierliche Bewegung erscheint, verdichtet sich hier zu einem fragilen Augenblick, in dem die Zeit für einen Moment angehalten scheint. Einen anderen Zugang eröffnet Haris Epaminonda. Die im fjk3 gezeigte Polaroidarbeit von 2008/09 steht exemplarisch für eine Praxis, in der Bilder und Fundstücke aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und neu kombiniert werden. Statt linearer Erzählungen entstehen offene Bildgefüge, in denen Geschichte als fragmentarischer Zustand sichtbar wird. Erinnerung erscheint hier nicht als geschlossene Erzählung, sondern als offenes Arrangement, das sich erst im Blick der Betrachtenden zusammensetzt.

Thomas Struths großformatiger Tintenstrahldruck „Kreuzung Alte Hauptstraße, Yamaguchi“ von 1986/2025 richtet den Fokus auf Architektur als Ausdruck gesellschaftlicher Ordnung und fügt sich damit in das Interesse der Ausstellung ein, fotografische Bilder als Formen der Wirklichkeitskonstruktion zu lesen. Die Fotografie zeigt eine alltägliche Straßenszene in Japan, in der Verkehr, Architektur und Bewegung ein enges räumliches Zusammenspiel bilden. Auf den ersten Blick wirkt die Szene sachlich und dokumentarisch, doch bei längerer Betrachtung wird sichtbar, wie der Stadtraum durch seine baulichen und funktionalen Strukturen organisiert ist.

Mit den literarischen Begleittexten von Clemens J. Setz erweitert Thomas Demand die Schau um eine zusätzliche Reflexionsebene. An die Stelle klassischer Werkinterpretationen treten Assoziationen, Beobachtungen und Anekdoten des österreichischen Schriftstellers, die sich den Fotografien erzählerisch annähern, ohne sie zu erklären oder festzulegen. Gerade die produktive Spannung zwischen Bild und Text macht diese literarischen Miniaturen besonders reizvoll und eröffnet unerwartete Perspektiven auf die Arbeiten. Diese Form der Vermittlung entspricht der kuratorischen Grundidee der Ausstellung: Sie erläutert die Werke nicht, sondern hält ihre Bedeutungen bewusst offen. Die historische und werkbezogene Kontextualisierung verlagert sich dadurch jedoch weitgehend in den Begleitfolder, während der Ausstellungsraum selbst auf Atmosphäre und literarische Resonanzen setzt. Das stärkt die Eigenständigkeit der Fotografien als Erfahrungsräume, setzt bei den Besucher*innen zugleich jedoch ein hohes Maß an eigener Deutung voraus.

Im Vergleich dazu erscheint die Ausstellung „Räume, die von gestern träumen“ im MAK als Verdichtung und zugleich Weiterentwicklung von Demands künstlerischer Praxis. Seit den 1990er Jahren rekonstruiert der Konzeptkünstler aus Papier und Karton historische, politische oder medial bekannte Orte, die er nach fotografischen Vorlagen detailgenau nachbaut, fotografiert und anschließend wieder zerstört. Ausgangspunkt seiner Arbeiten sind dabei weniger reale Räume als ihre fotografischen Bilder und die Frage, wie sich Wirklichkeit im Medium der Fotografie konstituiert. In den vergangenen Jahren hat sich Demand zunehmend von konkreten politischen Ereignissen gelöst und seinen Blick auf kulturgeschichtliche Bildwelten gerichtet. Für „Räume, die von gestern träumen“ fotografierte er historische Theatermodelle vom Barock bis um 1900 aus Wien, München und Monaco, die er mithilfe eines Periskops in großformatige Fotografien überführt. Landschaften, Bühnenarchitekturen, Grotten oder Schiffslandschaften lösen sich dabei aus ihrem ursprünglichen Funktionszusammenhang und werden zu autonomen Bildwelten, die nicht historische Bühnenräume dokumentieren, sondern eigenständige fotografische Wirklichkeiten erzeugen.

Das Modell wird dabei zum zentralen Bezugspunkt der Ausstellung – als Vorstufe, Abbild und Speicher kultureller Vorstellungen zugleich. Im Unterschied zu vielen früheren Arbeiten Demands steht nicht mehr das politisch oder medial aufgeladene Ereignis im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie Bilder überhaupt entstehen und Wirklichkeit hervorbringen. Diese Verschiebung spiegelt sich auch in der Ausstellungsarchitektur wider: Die Wände sind mit Tapeten überzogen, die fotografische Aufnahmen von zerknittertem Papier zeigen und durch subtile Licht- und Schatteneffekte überraschend plastisch wirken. Der Saal erhält dadurch einen beinahe höhlenartigen Charakter, in dem die Grenze zwischen realem Raum und fotografischer Illusion ebenso verschwimmt wie in den ausgestellten Arbeiten selbst.

Beide Ausstellungen ergänzen sich auf ebenso kluge wie originelle Weise. Während „Passants parmi les pierres“ die Ambivalenz fotografischer Darstellung anhand unterschiedlicher künstlerischer Positionen auslotet, zeigt die MAK-Schau, dass sie bereits im Akt der Bildproduktion angelegt ist. Fotografische Bilder dokumentieren oder bewahren Geschichte dabei nicht einfach. Vielmehr eröffnen sie Räume der Wahrnehmung, in denen Vergangenheit erst im Zusammenspiel von Bild, historischem Wissen und individueller Erfahrung Gestalt annimmt – und damit stets neu ausgehandelt wird, anstatt als festgeschriebene historische Gewissheit zu erscheinen.

Die Schau „Thomas Demand. Räume, die von gestern träumen“ ist bis zum 24. Januar 2027 zu sehen. Das Museum für angewandte Kunst (MAK) hat dienstags von 10 bis 21 Uhr, mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 19 Euro, ermäßigt 15,50 Euro und reduziert sich im Online-Verkauf jeweils um 1 Euro. Für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahre ist er frei.

MAK – Museum für angewandte Kunst
Stubenring 5
A-1010 Wien
Telefon: +43 (0)1 – 711 360

Die Ausstellung „Passants parmi les pierres – kuratiert von Thomas Demand“ läuft bis zum 4. Oktober. fjk3 – Raum für zeitgenössische Kunst hat mittwochs bis sonntags von 12 bis 18 Uhr, ab September freitags zusätzlich bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Kontakt:

fjk3 – Raum für zeitgenössische Kunst

Franz-Josefs-Kai 3

AT-1010 Wien

+43 (0680) 50 62 133



28.08.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Jacqueline Rugo

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