München restituiert mittelalterliche Reliefs  |  | Kniende Stifterfiguren neben Wappenschild, Nürnberg, um 1480/90 | |
Das Bayerische Nationalmuseum in München gibt zwei spätmittelalterliche Reliefs an die Nachkommen des ursprünglichen jüdischen Besitzers zurück. Die beiden farbig gefassten Holztafeln, die um 1480/90 in Nürnberg von unbekannter Hand geschnitzt wurden und eine von dort stammende Stifterfamilie zeigen, gehörten bis 1936 zu Sammlung des Berliner Bankiers Jakob Goldschmidt. In das Bayerische Nationalmuseums gelangten die Reliefs 2023 im Zuge der Übernahme der sogenannten Sammlung Bollert aus dem Nachlass des 1947 verstorbenen Berliner Justizrats Gerhart Bollert. Im Rahmen der anschließenden Provenienzrecherche konnte ihre Herkunft aus dem Besitz Goldschmidts nicht zuletzt aufgrund einer Fotografie aus seiner Berliner Villa eindeutig nachgewiesen werden.
Jakob Goldschmidt gehörte zu den bedeutendsten Bankiers der Weimarer Republik. Als persönlich haftender Gesellschafter der Darmstädter und Nationalbank, kurz „Danat-Bank“, der damals zweitgrößten Bank Deutschlands, zählte er zu den prägenden Persönlichkeiten des deutschen Finanzwesens. Seit dem Ersten Weltkrieg baute er eine umfangreiche Kunstsammlung auf. Als die Danat-Bank im Zuge der Weltwirtschaftskrise im Sommer 1931 zusammenbrach, geriet Goldschmidt zunehmend unter öffentlichen Druck. Die gegen ihn gerichtete Berichterstattung war bereits zuvor von antisemitischen Ressentiments geprägt und verschärfte sich nach der Bankenkrise erheblich. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten musste Goldschmidt im April 1933 zunächst in die Schweiz emigrieren, 1936 weiter nach New York. Durch die systematische Verfolgung und diskriminierenden Maßnahmen des NS-Regimes wurde ihm die Fortführung seiner wirtschaftlichen Existenz in Deutschland unmöglich gemacht.
Vor diesem Hintergrund sah sich Jakob Goldschmidt gezwungen, den überwiegenden Teil seiner Kunstsammlung am 23. Juni 1936 im Auktionshaus Hugo Helbing in Frankfurt am Main versteigern zu lassen. In den folgenden Jahren wurde Goldschmidt durch weitere Maßnahmen des NS-Regimes wirtschaftlich entrechtet. Unter anderem wurde gegen ihn eine Reichsfluchtsteuer in Höhe von 1,8 Millionen Reichsmark festgesetzt; 1941 wurde sein verbliebenes Vermögen eingezogen. Auf der Auktion bei Helbing erwarb Gerhart Bollert die beiden Reliefs. Auch die Familie Bollert war später Repressalien durch NS-Behörden ausgesetzt. Ungeachtet dessen wäre der Erwerb der Reliefs ohne die nationalsozialistische Verfolgung Goldschmidts nicht zustande gekommen. Der Verlust der Werke sei daher als NS-verfolgungsbedingt im Sinne der Washingtoner Prinzipien zu bewerten, so das Bayerische Nationalmuseum.
Die beiden Reliefs sind nicht die ersten Kunstwerke aus der Sammlung Goldschmidt, die restituiert werden: Bereits 2013 gaben die Kunstsammlungen Chemnitz das Gemälde „Am Klavier“ von Fritz Schider an die Erbengemeinschaft zurück, 2023 folgten die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit einer um 1520 geschnitzten Statuette der Maria Lactans, das Osthaus Museum in Hagen mit Pierre-Auguste Renoirs „Blick von Haut Cagnes aufs Meer“, die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit Hans Wertingers „Bildnis des Pfalzgrafen Philipp, Bischof von Freising“ aus dem Jahr 1515 und das Bayerische Nationalmuseum mit der Skulpturengruppe „Adam und Eva“ aus dem Umkreis von Veit Stoß. |