Charles Ray in Kassel  |  | in der Ausstellung „Charles Ray“ | |
2014 veranstaltete das Kunstmuseum Basel die letzte Ausstellung zu Charles Ray im deutschsprachigen Raum. Nun widmet das Museum Fridericianum in Kassel dem 1953 in Chicago geborenen Bildhauer eine neue Präsentation, die nach seinem Auftritt an der Documenta 9 im Jahr 1992 die erste institutionelle Personale in Deutschland ist. Dafür haben Dana Schütte und Moritz Wesseler zusammen mit dem Künstler Arbeiten aus den letzten 35 Jahren ausgewählt und sind dabei gezielt auf die historische Beziehung zum Ausstellungsort eingegangen. So geben sie einen Überblick über Rays Schaffen, das die Bildhauerei einerseits durch konzeptionelle Schritte, andererseits durch Nutzung innovativer handwerklicher wie auch maschineller Fertigungsverfahren auf vielfältige Weise erweitert hat. Wie Jeff Koons oder Katharina Fritsch geht es Charles Ray um eine neue plastische Figuration. Im Mittelpunkt seines Œuvres stehen dabei weniger narrative Zusammenhänge, als vielmehr skulpturale Fragestellungen zu Proportion, Raum, Dimension und Masse oder Innen und Außen. Zugleich reflektiert er in seinen Werken das gesellschaftliche Leben, die Konsum- und Medienkultur sowie grundlegende Fragen menschlicher Existenz.
Ausgangspunkt der Kasseler Schau ist die Gruppenskulptur „Oh! Charley, Charley, Charley…“, die Ray 1992 für die Documenta 9 schuf. Sie zeigt den Künstler selbst, lebensecht und nackt in achtfacher Ausführung bei einer Orgie. Ray versteht die Arbeit als Kehrseite von Constantin Brancusis „Kuss“ von 1907/08: Während bei Brancusi durch die Struktur der Skulptur Zwei zu Einem verschmelzen, gibt es bei „Oh! Charley, Charley, Charley…“ keinen Anderen. „Die Person, die du liebst, ist eine Projektion deiner selbst“, erklärt Charles Ray. Vielleicht verwässere die Anordnung mehrerer Figuren die Idee des Narzissmus und vermittle diese Idee als eine psychologische oder philosophische Explosion, so Ray. Doch die acht miteinander kopulierenden Glasfaserabgüsse des eigenen Ichs kehren letztlich zu der Frage nach der Beziehung des Individuums zu seinem eigenen Körper und seinem zeitlichen Dasein zurück.
Die lebensgroße Frauenfigur „Aluminum Girl“ von 2003, eine sockellose Statue aus weiß bemaltem Aluminium, zeigt Rays Reflexion der typisierten Menschenfigur als etwas Erhabenes. Zwar ist sie einer Figur der Antike ähnlich, entspricht aber nicht einem Idealbild, sondern hat die Lebensnähe einer durchschnittlichen Frau. In Kassel tritt das „Aluminum Girl“ in einen Dialog mit „School Play“, der überlebensgroßen Gestalt eines Jungen aus massivem Edelstahl von 2014, die ein Beispiel für Rays innovative Erweiterung bildhauerischer Techniken darstellt. Zunächst in Ton und Gips modelliert, wurde die endgültige Skulptur mittels Robotertechnik maschinell gefräst. Der zwölfjährige Knabe, der eine improvisierte Toga trägt und ein Plastikschwert in der Hand hält, fällt aus einer Welt der Erwachsenen heraus und spiegelt die Entwicklungsphase des Kindes vom Jugendalter zum Mann wider. Das Kind wirkt laut Ray in einer Weise lustlos, wie es nur ein junger Teenager sein könne. Zu den jüngeren Arbeiten zählt die schwarze bronzene Skulptur „Flounder“ von 2021. Hier thematisiert Charles Ray das Problem des Sockels: Geht der Plattfisch doch eine Einheit mit dem übergroßen kubischen Fundament ein und verschwindet fast vollständig in ihm. Anders dagegen die Aluminiumskulptur „Clothes Pile“ von 2020: Sie sind weiße, auf den Boden hingeworfene Kleidungsstücke.
Die Ausstellung „Charles Ray“ ist bis zum 3. Januar 2027 zu sehen. Das Fridericianum hat täglich außer montags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 20 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren erhalten freien Eintritt, ebenso alle am Mittwoch.
Museum Fridericianum
Friedrichsplatz 18
D-34117 Kassel
Telefon: +49 (0)561 – 70 72 720 |