Ryuichi Sakamotos Klang-Kunst in Berlin  |  | Ryuichi Sakamoto mit Shiro Takatani, Is your time, 2017/24 | |
Zur Berlin Art Week rückt der Hamburger Bahnhof in Berlin ab heute das Schaffen von Ryuichi Sakamoto in den Mittelpunkt und präsentiert mit „seeing sound, hearing time“ die erste große Retrospektive des Komponisten und Künstlers in Europa, der als Pionier der elektronischen und experimentellen Musik gilt und die Grenzen zwischen Klang, Film, Performance und bildender Kunst immer wieder auslotete. Dafür haben die Kuratorinnen Ingrid Buschmann und Sachiko Namba sieben Werke in fünf großformatigen Installationen des 2023 verstorbenen Japaners ausgewählt und positionieren ihre Schau an der Schnittstelle von Klang und Kunst, die seit der Gründung des Hamburger Bahnhofs vor 30 Jahren ein Markenzeichen des Museums ist.
Der 1952 geborene Ryuichi Sakamoto ist vor allem als Komponist, Pianist und Musikproduzent bekannt. 1978 debütierte er mit dem Album „Thousand Knives“ und war Mitbegründer der legendären Techno-Gruppe „Yellow Magic Orchestra“. Sein vielfältiges Schaffen umfasst Popalben, viele klassische Werke, zwei Opern, Klingentöne für Mobiltelefone oder fast 45 Film- und TV-Soundtracks. Für seine Filmmusik erhielt er zahlreiche renommierte Auszeichnungen, darunter einen Oscar, zwei Golden Globes und einen Grammy. Aber auch in der Kunstwelt war Sakamoto aktiv und entwickelte seit den 2000er Jahren dreidimensionale Klangräume, oft in Zusammenarbeit mit internationalen Künstlern wie Shiro Takatani und Carsten Nicolai oder dem Filmemacher Apichatpong Weerasethakul. Dabei lösen seine Installationen Klang von den festen Strukturen eines Konzerts und schaffen offene Situationen, in denen Besucher*innen ihren eigenen Weg und Rhythmus finden. Ihm ging es darum, wie Musik menschliche Erfahrung von Zeit verändert.
Inhaltlich setzte sich Ryuichi Sakamoto mit Krankheit, Vergänglichkeit und ökologischen Krisen auseinander. So greift er für seine Arbeit „Is your time“ von 2017, in der ein durch den Tsunami von 2011 beschädigtes Klavier zum Objekt für Klänge wird, auf digital umgewandelte seismologische Daten von weltweiten Erdbeben zurück. Das verstimmte Klavier steht in einem Wasserbecken; seine Tasten werden mittels einer Vorsetzerapparatur durch die Daten der Erderschütterungen angeschlagen. Im nächsten Raum taucht das Publikum auf einer 18 Meter langen LED-Wand bei „async–immersion“ von 2024 in eine weitere Klangbildwelt ein. Shiro Takatani hat sie entwickelt und entfaltet ein visuelles Geschehen von Aufnahmen aus Sakamotos New Yorker Studio. Dazu erklingt Musik aus Sakamotos Album „async“ über ein mehrkanaliges Lautsprechersystem. Auch die enge Zusammenarbeit mit Carsten Nicolai kommt zur Sprache. Inspiriert von Jules Vernes Science-Fiction-Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“ realisiert Nicolai derzeit eine essayistische Filminstallation, aus der die Videos „Phosphenes“ mit abstrakten Bildwelten und „Endo Exo“ mit Aufnahmen der naturhistorischen Sammlung des Berliner Naturkundemuseums gezeigt werden. Jedes Video verwendet einen Titel aus Sakamotos letztem Album „12“, einem zwischen 2021 und 2022 entstandenen musikalischen Tagebuch.
Die Ausstellung „Ryuichi Sakamoto – seeing sound, hearing time“ ist vom 11. September bis zum 20. Juni 2027 zu sehen. Der Hamburger Bahnhof hat täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 20 Uhr, am Wochenende erst ab 11 Uhr und zur Berlin Art Week am 11. und 12. September bis 22 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 16 Euro, ermäßigt 8 Euro; für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist er frei. Der Ausstellungskatalog kostet 20 Euro.
Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart
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