Ramona Schacht befragt Alfred Ehrhardt in Berlin  |  | Ramona Schacht, o. T., 2026 | |
In ihrer jüngsten Schau holt die Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin historische Industriefotografien ihres Namensgebers hervor und lässt sie durch Ramona Schacht künstlerisch untersuchen. Zwischen 1954 und 1963 fertigte Alfred Ehrhardt im Auftrag des deutschen Tabakkonzerns Reemtsma & Co. zahlreiche filmische und fotografische Arbeiten an, die bislang weitgehend unbeachtet blieben und im Kontrast zu seinen bekannten, freikünstlerischen Natur- und Landschaftsaufnahmen stehen. Diese Dokumente bilden das Fundament für die Arbeit „Photography’s Claim to Property. Bilder im Auftrag Reemtsmas“ von Ramona Schacht. Die 1989 geborene Leipziger Künstlerin setzt sich darin mit den dargestellten Arbeitswelten auseinander und hinterfragt, welche politischen, ökonomischen sowie körperlichen Ordnungen in diesen Bildern sichtbar werden und welche verdeckt bleiben. Der Rohstoff Tabak ist dabei in Form von selbst gezogenen Pflanzen in der gesamten Ausstellung präsent.
Alfred Ehrhardts Film „Die Welt des Tabaks“ aus dem Jahr 1956 sowie die parallel dazu entstandenen Fotografien dokumentieren verschiedene Produktionsräume des Tabaks. Die Reise führt vom ursprünglichen Tabakanbau in Mazedonien über die technologische Modernität US-amerikanischer Fabriken bis nach Hamburg, um die Produktionskraft des Reemtsma-Konzerns zu inszenieren. Davon ausgehend führte Ramona Schacht umfangreiche Recherchen im Reemtsma-Fotoarchiv sowie in weiteren Archiven zur Tabakproduktion der 1920er bis 1950er Jahre durch und verschiebt somit den Blick vom einzelnen Dokument hin zu übergreifenden Bildordnungen. Ihre künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Archivmaterial ist dabei bewusst fragmentarisch angelegt, da kein einzelnes Bild heute die gesamte historische Realität tragen kann. Statt einer geschlossenen Erzählung sucht sie nach wiederkehrenden Strukturen wie spezifischen Haltungen, Blickachsen, Abständen, Reihungen und Körperordnungen. Aus einer gesellschaftskritischen Perspektive untersucht sie, wie weibliche Arbeit in Ehrhardts Bildern zugleich sichtbar gemacht und bewertet wird.
Dafür isoliert Schacht etwa Fluchtlinien, Zentralperspektiven, Wiederholungen sowie geometrische Ordnungen, übersetzt diese in ihren Bildern in präzise Linien und Punkte und lässt so ein grafisches Gerüst entstehen. Ein zentrales Motiv ist das des gebeugten, weiblichen Körpers, das weit über die Tabakproduktion hinausreicht und an kunsthistorische Ikonen wie Jean-François Millets Gemälde „Die Ährenleserinnen“ von 1857 erinnert. Solche Darstellungen wurden oft ästhetisiert, um die Härte der realen Arbeit zu mildern. Entsprechende kunsthistorische Querverweise in den Vitrinen machen Schachts Rechercheprozess direkt greifbar. Ein weiterer Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen ist das sogenannten „Krim-Album“ von 1943 aus dem Reemtsma-Archiv. Diese Dokumente öffnen die kritische Frage nach der Geschichte der Tabakproduktion während des Nationalsozialismus, insbesondere nach der Zwangsarbeit auf der Krim. Schacht überführt eine Fotografie von Feldarbeiterinnen in ein Jacquard-Gewebe. Damit verweist sie auf historische Tapisserien und Wandbehänge, die lange Zeit als Medien von Macht, Besitz und herrschaftlicher Ausstattung dienten.
Die Ausstellung „Ramona Schacht: Vom Bauhaus auf die Krim. Eine Bildbefragung zu Alfred Ehrhardts Tabakserien“ ist bis zum 20. Dezember zu sehen. Die Alfred Ehrhardt Stiftung hat dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.
Alfred Ehrhardt Stiftung
Auguststraße 75
D-10117 Berlin
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