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Journal

Die Kristallmanufaktur Val Saint Lambert in Seraing bei Lüttich feiert ihr 200jähriges Bestehen

Klar, brillant und von Hand gefertigt



Die Cristallerie du Val Saint Lambert wird 200 Jahre alt

Die Cristallerie du Val Saint Lambert wird 200 Jahre alt

Stahlwerke und Maschinenfirmen begründeten einst den Ruf der südwestlich von Lüttich gelegenen Stadt Seraing als Zentrum der Schwerindustrie. Zahlreiche aufgelassene Fabrikareale mit rostigen Hallen, hohen Schornsteinen und kontaminierten Flächen künden heute von der einstigen industriellen Blüte. Die Zeit davor jedoch dominierten das Schloss Cockerill, die Sommerresidenz der Lütticher Fürstbischöfe, und das um 1187 gegründete und ab 1202 erbaute Zisterzienserkloster Val Saint Lambert als Zeugnisse des Glaubens die Stadt. Im Zuge der Französischen Revolution wurde die Abtei 1797 aufgelöst. Die 1574 errichtete Kirche wurde 1802 abgerissen. Das Ensemble des Zisterzienserklosters diente dann kurzzeitig einer Leinenweberei als Produktionsstätte. Als dann der Chemiker François Kemlin und der Polytechniker Auguste Lelièvre 1825 die Manufaktur Cristallerie du Val Saint Lambert zusammen mit einer Gruppe von Finanziers gründeten, erwarben sie die Abteigebäude. 1826 startete die Produktion in den alten Gemäuern.


Zum Jubiläum wartet die bis heute bestehende Kristallmanufaktur mit einem umfangreichen Jubiläumsprogramm auf, in dem die Geschichte des Ortes, die Produktentwicklung und die Unternehmenshistorie im Fokus stehen. Schon bei der Ankunft beeindrucken bis heute die imposanten Baulichkeiten des großflächigen Ensembles. Der älteste erhaltene Teil ist das um 1290 errichtete und zwischenzeitlich restaurierte frühgotische Kapitelhaus mit dem Kapitelsaal im Erdgeschoss, dem Skriptorium sowie dem Dormitorium im Obergeschoss. Im 18. Jahrhundert geschah auf Geheiß des Abtes Simon de Harlez eine grundlegende Umgestaltung. Alte Gebäudetrakte wurden niedergelegt, Neubauten errichtet, das Gelände mit einer Mauer umfasst und einem zentralen monumentalen Eingangstor versehen. Als neuer Flügel neben dem nordwestlichen Haupttrakt entstand zwischen 1762 und 1765 ebenfalls nach Plänen des Lütticher Architekten Jean-Gilles Jacob das zurückhaltend elegante Abtspalais, ein klassisches wallonisch-barockes Ziegelgebäude mit einem Sockel aus lokalem Blaustein. Damit wollte der Abt mit den Lütticher Fürstbischöfen gleichziehen.

Die geräumigen Gebäude der Abtei, die Nähe zu Kohlevorkommen, die direkt vorbei fließende Maas sowie der 1863 erfolgte Eisenbahnanschluss machte das Areal zu einem idealen Standort für die aufstrebende Manufaktur. Wie historische Fotografien dokumentieren, wuchs auf dem weitläufigen ehemaligen Klostergelände mit Werkstätten, Schleifereien, Brennöfen, großen Lagerhallen, Gas- und Kraftwerken in Etappen ein gewaltiges Industrieareal heran, das auch Arbeiterwohnungen, ein Krankenhaus, eine Schule oder ein Geschäft beherbergte. Immer stand das Bemühen im Vordergrund, sich den neuesten Stand der Technik anzueignen. Öfen wurden stetig verbessert und die Elektrifizierung vorangetrieben. Bis 1846 hatte die Fabrik zudem mit der „Societé Anonyme des Manufactures de Glaces“ fusioniert und war zu einem der größten Glas- und Kristallwarenproduzenten der Welt aufgestiegen. Um 1900 begann für die Manufaktur die kurze goldene Zeit der Belle Époque. Bis zu 5.000 Arbeiter, darunter Glasbläser, Träger, Schleifer und Graveure, waren zeitweise im Werk tätig und fertigten bis zu 150.000 Stücke am Tag, darunter von außergewöhnlicher Eleganz gekennzeichnete Kronleuchter, Vasen, Tafelservices oder etwa Trinkgläser. Auf allen Kontinenten war die Cristallerie du Val Saint Lambert mit Verkaufsstellen vertreten. Große Beachtung fand die Präsenz auf internationalen Weltausstellungen, darunter Antwerpen 1894, Brüssel 1897 oder Turin 1902.

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges führte zu einer Unterbrechung der Expansion, doch schon 1920 konnten wieder 90 Prozent der Vorkriegsproduktion erreicht werden. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 und der Zweite Weltkrieg zwangen zur Drosselung der Produktion und zur Umstellung auf erschwinglichere Produktreihen und Gebrauchsgüter. Leider hielt der Niedergang in den 1960er und 1970er Jahren an. Nach mehrfachem Eigentümerwechsel übernahm im letzten Jahr eine gemeinnützige Gesellschaft ohne Gewinnabsichten die Manufaktur. Zehn Spezialkräfte sind hier heute noch am Werk und bemüht, exklusive Kristallgegenstände zu gestalten, die höchsten qualitativen Standards genügen. Schritt für Schritt wird das riesige einstige Industrieareal mit neuem Leben erfüllt. Neue Produktionsstätten in Verbindung mit Loftwohnungen, Ateliers oder Kleingewerbe sorgen für frisches Leben.

Im Jubiläumsjahr bietet die Cristallerie du Val Saint Lambert auf ihrem Gelände bis zum 6. Dezember ein umfangreiches Jubiläumsprogramm mit kulturellen Veranstaltungen, Konferenzen, Vorführungen bis hin zum Familientag. In der ehemaligen Residenz des Abtes präsentiert das Cristal Discovery Museum die Schau „Cristal Vivant. 200 Jahre Licht, kreatives Schaffen und Exzellenz“. Der Bogen spannt sich dabei von der Firmengeschichte über Werkzeuge oder Produktionsutensilien wie Gussformen bis hin zu rund 250 in der Manufaktur gefertigten Kristallgläsern und Objekten. Die Auswahl beginnt mit der Erfindung des Bleikristalls durch den Briten George Ravenscroft im Jahr 1674. Der Geschäftsmann bezweckte, durch die Zugabe von Bleioxyd eine glänzendere Alternative zum venezianischen Glas zu schaffen, und ließ das Verfahren patentieren. Auf diese Weise entstand ein deutlich robusteres sowie besser formbares Glas mit strahlend klarerer, stärkerer Lichtbrechung. Aufgrund des hohen, oft über 30 Prozent liegenden Bleigehaltes ist Kristall allerdings schwerer als Glas, lässt sich jedoch besser schleifen und gravieren. Dazu kommt ein Glocken ähnelnder Ton.

Alleinstellungsmerkmal der Produkte von Val Saint Lambert ist der reiche Schliff mit Diamantspitzen, Sternen, Fächerformen sowie gezackten oder geschwungenen Rändern, um eine maximale Lichtbrechung zu ermöglichen. Hinzu kommen originelle farbliche Varianten. Eine Reihe von Exponaten verdeutlicht, wie die Designer der Manufaktur ab Ende des 19. Jahrhunderts im Sog des Jugendstils und unter Einbezug wallonischer Traditionen mit speziellen geometrischen Schliffen und Verzierungen eine unverwechselbare Ästhetik entwickelten, die den Ruhm steigerte. Zum beherrschenden Entwerfer stieg Louis Léon Ledru auf, der 1888 eingestellt wurde und ab 1897 die Position als Leiter der Designabteilung über 28 Jahre hinweg bekleidete. Für die Weltausstellung in Antwerpen 1894 schuf er die 200 Kilogramm schwere „Vase des neuf Provinces“. Die Jubiläumsschau wartet mit diesem spektakulären Meisterwerk auf, das die damaligen neun belgischen Provinzen in allegorischen Sujets vorstellt.

Ledru entwickelte einen avantgardistischen Jugendstil, den er 1897 auf der Weltausstellung in Brüssel präsentierte. Neben modernen farbigen Kristallen schuf er florale und pflanzliche Dekore im Stil der Art Nouveau, poetisch und japanisch anmutend, sowie klassische Stücke, die der bürgerlichen Tradition treu blieben. Nach dem Ersten Weltkrieg kreierte er Stücke im Art Déco-Stil. Neben Ledru arbeiteten im Laufe der Jahre viele renommierte Designer für die Cristallerie du Val Saint Lambert, darunter Camille Renard oder die Brüder Eugène und Jean-Désiré Muller. Die von Xavier Crespo entworfene Vase „Rénovation“ aus dem Jahr 1993 markiert die Neuausrichtung der Manufaktur hinsichtlich der Vereinigung verschiedener Techniken. Zu den effektvollsten neueren Exponaten gehört die von Léo Copers 1989 für das Centraal Museum in Utrecht gestaltete „La Cloche“. Die gläserne Glocke demonstriert abschließend die heutige Leistungsfähigkeit der Cristallerie du Val Saint Lambert.

Die Ausstellung „Cristal Vivant. 200 Jahre Licht, kreatives Schaffen und Exzellenz“ ist bis zum 6. Dezember zu sehen. Cristal Discovery Museum im Abtspalais der Manufaktur hat mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 17 Euro, ermäßigt 14 Euro bzw. 10 Euro. Zum Jubiläum ist eine Festschrift in niederländischer und französischer Sprache erschienen, die im Museum 35 Euro kostet.

vsl-bicentenaire.be/de



18.09.2026

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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Geschliffene Kristallvase mit Überfang
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Alte Gussformen der Cristallerie du Val Saint Lambert
Alte Gussformen der Cristallerie du Val Saint Lambert

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Ehemaliger Kapitelsaal des Zisterzienserklosters
 Val Saint Lambert
Ehemaliger Kapitelsaal des Zisterzienserklosters Val Saint Lambert

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Variabilder:

Louis Léon Ledru, Vase des neuf Provinces, 1894
Louis Léon Ledru, Vase des neuf Provinces, 1894







In der Schauwerkstatt der Cristallerie du Val Saint Lambert

In der Schauwerkstatt der Cristallerie du Val Saint Lambert

Alte Gussformen der Cristallerie du Val Saint Lambert

Alte Gussformen der Cristallerie du Val Saint Lambert

Charakteristische Vase der Cristallerie du Val Saint Lambert

Charakteristische Vase der Cristallerie du Val Saint Lambert

in der Ausstellung „Cristal Vivant. 200 Jahre Licht, kreatives Schaffen und Exzellenz“

in der Ausstellung „Cristal Vivant. 200 Jahre Licht, kreatives Schaffen und Exzellenz“

Geschliffene Kristallvase mit Überfang

Geschliffene Kristallvase mit Überfang

in der Ausstellung „Cristal Vivant. 200 Jahre Licht, kreatives Schaffen und Exzellenz“

in der Ausstellung „Cristal Vivant. 200 Jahre Licht, kreatives Schaffen und Exzellenz“

in der Ausstellung „Cristal Vivant. 200 Jahre Licht, kreatives Schaffen und Exzellenz“

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In der Schauwerkstatt der Cristallerie du Val Saint Lambert

In der Schauwerkstatt der Cristallerie du Val Saint Lambert

Ehemaliger Kapitelsaal des Zisterzienserklosters Val Saint Lambert

Ehemaliger Kapitelsaal des Zisterzienserklosters Val Saint Lambert

Louis Léon Ledru, Vase des neuf Provinces, 1894

Louis Léon Ledru, Vase des neuf Provinces, 1894

In der Schauwerkstatt der Cristallerie du Val Saint Lambert

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in der Ausstellung „Cristal Vivant. 200 Jahre Licht, kreatives Schaffen und Exzellenz“

in der Ausstellung „Cristal Vivant. 200 Jahre Licht, kreatives Schaffen und Exzellenz“

In der Schauwerkstatt der Cristallerie du Val Saint Lambert

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