Ausstellung der Biermann-Preisträger in Gera  |  | Raisan Hameed, aus der Serie „After Image“, 2025/26 | |
Zum 15. Mal hat die Stadt Gera den „Aenne-Biermann-Preis für deutsche Gegenwartsfotografie“ vergeben. Nun präsentiert das dortige Museum für Angewandte Kunst die Preisträgerinnen und Preisträger. Mit seiner Serie „After Image“ hat der 1991 geborene Deutschiraker Raisan Hameed den ersten Platz gewonnen. Darin verbindet er ein digitales Archiv aus Google-Street-View-Bildern des Irak mit einem persönlichen Familienarchiv und untersucht dabei insbesondere visuelle Lücken, Störungen und Fragmentierungen: Die verpixelten Gesichter und zerstörten Panoramen im Street-View stehen den Fotografien seiner Familie gegenüber, die 2003 im Irakkrieg beschädigt wurden. Sie werden so zu Spuren von Krieg und technologischer Kontrolle, die zeigen, wie Sichtbarkeit erzeugt und zugleich eingeschränkt wird. Raisan Hameed versteht die Arbeit als „Nachbilder“, in denen Körper nicht mehr als stabile Darstellungen erscheinen, sondern als fragile Spuren, geprägt von Erinnerung, Gewalt, Migration und Technologie.
Der zweite Platz ging an Martin Ruckert für die Arbeit „Baryt 2.57“, in der er sich den üblicherweise verborgenen Fertigungsprozessen der analogen Fotografie widmet. In seiner Bildreihe zeigt der 1992 geborene, ebenfalls in Leipzig lebende Künstler die sonst unsichtbaren Komponenten, Vorgänge und Materialien bei der Erstellung analoger Bilder und gewährt einen Einblick hinter die Kulissen der Bildproduktion. Seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind geprägt von Abdrücken und Schatten und somit den Spuren einer körperlichen Präsenz, die auf die Arbeit des Fotografen in der Dunkelkammer verweisen. Ruckert arbeitet zudem mit Fotogrammen, die zwischen den abgebildeten Werkzeugen erscheinen und sich unauffällig in die Kompositionen einfügen.
Die 1991 geborene Nora Schwarz wurde für ihre dokumentarische Folge „Songs of the Taiga“ mit dem dritten Platz ausgezeichnet. In ihrer Bachelor-Arbeit, mit der sie ihr Studium „Visual Journalism and Documentary Photography“ heuer an der Hochschule Hannover abgeschlossen hat, thematisiert sie das stille Verschwinden eines der letzten Ur- und Naturwaldvorkommen Europas durch großflächige Abholzung in Schweden. Die schwedische boreale Taiga ist nicht nur essenziell für die Biodiversität und den Klimaschutz, sie ist auch Heimat der Samen, der letzten indigenen Gemeinschaft Europas. Schwarz’ Fotostrecke begleitet Menschen, deren Leben, Arbeit und Kultur auf dem intakten Wald beruhen und die sich zu dessen Schutz einsetzen. Ergänzt wird die Bildreihe von Aufnahmen des Waldes.
Außerdem ging eine „lobende Erwähnung“ an Benjamin Friedle. Der 1999 geborene Absolvent der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig untersucht in seiner bildanalytischen Serie „Worte aus Bildern aus Fotos aus Formen“, wie sich durch Künstliche Intelligenz die Grenzen zwischen digitaler und realer Bildwelt auflösen und wie Fotografie als allgegenwärtige Sprache unsere Wahrnehmung prägt. In einem Zusammenspiel aus Text, Bild und Objekt geht es Friedle darum, wie algorithmische Prozesse, Simulation und Speicherstrukturen zu zentralen Bestandteilen der zeitgenössischen Bildproduktion geworden sind. Mit der diesjährigen Ausgabe wurde der Aenne-Biermann-Preis in die Kategorien Hauptpreis und Amateurpreis untergliedert. Letzteren hat Anika Werk für ihre Arbeit „Warum?“ erhalten, die in ihren Aufnahmen von Körpern und Bäumen Gefühlswelten sichtbarmachen und somit für unausgesprochene Gewalt sensibilisieren will.
Die Ausstellung „15. Aenne-Biermann-Preis für deutsche Gegenwartsfotografie“ läuft bis zum 14. Februar 2027. Das Museum für Angewandte Kunst hat dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 6 Euro, ermäßigt 4 Euro; für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist er kostenlos.
Museum für Angewandte Kunst
Greizer Straße 37-39
D-07545 Gera
Telefon: +49 (0)365 – 838 14 30 |