Österreichische Kunstpreise vergeben  |  | Milica Tomic erhält den Österreichischen Kunstpreis 2026 | |
Der österreichische Kunst- und Kulturminister Andreas Babler hat die Gewinner*innen für die diesjährigen Österreichischen Kunstpreise in zehn Sparten bekanntgeben. In der Kategorie Bildende Kunst geht er an die 1960 geborene Serbin Milica Tomic, die in ihrer forschungsbasierten künstlerischen Praxis die Zusammenhänge von Gewalt, Erinnerungspolitik und gesellschaftlicher Verantwortung thematisiert. Ihre Arbeiten, die Fotografie, Video, Installation und Performance mit gesellschafts- und bildungspolitischem Engagement verbinden, gewännen gerade angesichts gegenwärtiger Kriegs- und Konflikterfahrungen besondere Relevanz und eröffneten neue Perspektiven im kulturellen und gesellschaftlichen Diskurs, heißt es in der Begründung. Dabei schaffe Tomic bedeutende Bezugspunkte für die (ex-)jugoslawische Community und präge durch ihr langjähriges Engagement künstlerische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen weit über ihr eigenes Schaffen hinaus. Ihr Werk, das Tomic oft in Zusammenarbeit mit der „Grupa Spomenik“ entwirft, verbinde ästhetische Kraft mit kritischer Reflexion und zähle zu den bedeutendsten künstlerischen Positionen der Gegenwart.
Für ihre „Künstlerische Fotografie“ wird heuer die 1948 geborene Heidi Harsieber geehrt. Im Jahr 1970 war sie die jüngste Berufsfotografin Österreichs und habe sich als Künstlerin und Frau einen fotografischen Raum erkämpft, der ihr lange bevor die Fotografie als Studienfach Einzug an den Kunstuniversitäten hielt, keineswegs selbstverständlich offenstand, so die Jury. Im Zentrum von Harsiebers Œuvre steht der menschliche, meistens weibliche Körper. Gender und Begehren, Alter, Schmerz und Tod sind Leitmotive, die sie poetisch aber auch mit großer Klarheit ins Bild setzt. Harsiebers Selbstporträts wirken verletzlich und kraftvoll zugleich. Zu Recht zähle sie deshalb zu den wichtigsten österreichischen Vertreterinnen der feministischen Avantgarde und arbeite gemäß ihrem ironischen Motto „Immer schön brav“, dem Titel ihres ersten Fotobuches, das 2009 in der Fotohof Edition erschien.
Elisabeth Bakambamba Tambwe, die 1971 in Kinshasa zur Welt kam, vier Jahre später mit ihrer Familie nach Frankreich auswanderte, dort bildende Kunst und Bildhauerei studierte und seit 2005 in Wien lebt, wird im Bereich „Medienkunst“ ausgezeichnet. In ihrem Tun vereinigt sie Performance, Film und Sound mit installativen, skulpturalen und diskursiven Ansätzen und eröffnet neue Perspektiven auf Identität, Zugehörigkeit und das Verhältnis zum anderen. Ihren medienkünstlerischen Beitrag bildet nicht nur die Kombination unterschiedlicher Medien, sondern auch die Reflexion von Medialität selbst. Das Erkenntnispotenzial und die Provokationskraft ihrer Arbeiten lägen in der fortwährenden Übersetzung von Themen und Fragestellungen in unterschiedliche mediale Konstellationen, heißt es in der Begründung zur Preisvergabe. Jede Transposition verändere ästhetische, soziale und politische Perspektiven auf unser Verständnis von Selbst und Fremd sowie auf die Dynamiken von Ablehnung und Begehren. Mit „Salon Souterrain“ und dem „Club Château Rouge“ entwickele sie darüber hinaus seit vielen Jahren experimentelle Gefüge, in denen künstlerische und wissenschaftliche Positionen aufeinandertreffen und gemeinsame Formen der Wissensproduktion entstehen.
Mit Kurdwin Ayub hat in der Sparte „Filmkunst“ ebenfalls eine Frau die Auszeichnung gewonnen. Die 1990 im irakischen Dohuk geborene kurdisch-österreichische Regisseurin, die nach der Flucht der Eltern in Wien aufwuchs und hier Malerei und experimentellen Animationsfilm an der Universität für angewandte Kunst und performative Kunst an der Akademie der bildenden Künste studierte, agiert zwischen Film, Performance, Theater und bildender Kunst, ohne diese als getrennte Welten zu begreifen. Das Medium ist für sie nie Ausgangspunkt, sondern ergibt sich aus der jeweiligen künstlerischen Frage. Im Zentrum ihrer Arbeiten stehen Identität, Zugehörigkeit, Machtverhältnisse und soziale Wirklichkeit. Bereits in ihrem Dokumentarfilmdebüt „Paradise! Paradise!“ von 2016 übersetzt sie unterschiedliche kulturelle Erfahrungen in eine universelle Bildsprache, in ihrem zweiten Langspielfilm „Mond“ von 2024 erzählt sie von einer ehemaligen Kampfsportlerin, die drei Schwestern trainiert, und lässt dabei das scheinbar Private zunehmend ins Politische kippen. Ayub interessiere sich weniger für eindeutige Antworten als für jene Brüche und Widersprüche, die vermeintliche Gewissheiten ins Wanken bringen, so das Preisgremium. Damit hinterfrage sie nicht nur, was erzählt wird, sondern auch, wie und von wem, und schaffe eine eigenständige künstlerische Sprache, die Film, Theater und zeitgenössische Kunst gleichermaßen erweitert.
Den Hans-Hollein-Kunstpreis für Architektur erhält das Büro „feld72 Architekten“ aus Wien, das von Anne Catherine Fleith, Michael Obrist, Mario Paintner, Richard Scheich sowie Peter Zoderer geleitet wird und 2027 sein 25jähriges Bestehen feiert. Das Kollektiv hat Architektur stets über seine klassischen Grenzen hinausgedacht und verknüpft Entwerfen mit Forschung, Lehre, Kunst und Publikation. Im Zentrum steht dabei das Sichtbarmachen räumlicher Potenziale, die Gemeinschaft und Solidarität fördern. Die Jurybegründung führt unter anderem aus: „feld72 schaffen Räume, in denen das Physische und das Sinnliche eine organisatorische Tiefe entfalten und auf diese Weise unvermutete gesellschaftliche und ökologische Mehrwerte sowie inspirierende Figuren des Zusammenlebens in die Welt bringen. Die Suche nach dem Ort ist bei feld72 immer auch das Entdecken seiner geografischen Dimension. Der diskursive Impuls wird bei feld72 stets in konkrete räumliche Praxis übersetzt: von der Gestaltung öffentlicher Sehnsuchtsorte „du findest stadt“ (2002) über die Wiederbelebung eines süditalienischen Dorfes „Million Donkey Hotel“ (2005) bis zu Interventionen im öffentlichen Raum „Museum for Public Space“ (2015 und 2017) und nicht zuletzt ihrem aktuellen Labor „für ein besseres Leben“. Hier liegt der Fokus auf leistbarem Wohnen, sozialer Nachhaltigkeit und klimagerechtem Bauen.“
Daneben werden die Schriftstellerin Eva Schmidt, Michael Stavaric für die Kategorie „Kinder- und Jugendliteratur“, der Musiker Michael Jarrell und der Verein SOHO in Ottakring im Bereich „Kulturinitiativen“ mit dem jeweils auf 20.000 Euro dotierten Preis ausgezeichnet. Die Ehrung wird jährlich vom Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport nach der Auswahl durch eine Fachjury vergeben und richtet sich an erfolgreiche Persönlichkeiten und Gruppen des kulturellen Lebens, die mit einem umfassenden, international anerkannten Gesamtwerk hervorgetreten sind. |