 |  | Pablo Picasso, 103 Linolschnitte der Édition Louise Leiris, 1958-1963 | |
Über sein gesamtes künstlerisches Leben hinweg beschäftigte sich Pablo Picasso mit der Druckgrafik. Neben dem Malerischen und Zeichnerischen hinterließ er auch bei den Radierungen, Kupferstichen, Aquatinta, Lithografien und den Experimenten mit ihnen ein reiches Œuvre. Erst spät entdeckte Picasso den Linolschnitt und entwickelte ab den 1950er Jahren eine eigenständige, farbintensive Technik. Die hauptsächlich zwischen 1958 und 1965 in zwei Phasen entstandenen „Linos“ nehmen einen kleinen, aber nicht unbedeutenden Teil seines grafischen Werks ein. In kaum einem anderen Medium verband er technische Innovation, malerisches Denken und gestalterische Freiheit auf vergleichbare Weise. Von seinen Linolschnitten, mit denen Picasso zunächst nur zum Experimentieren arbeitete und daher einzelne Blätter nur wenige Male als Probedrucke abzog, erschien ein Großteil jedoch in einer Auflage von 50 Exemplaren in seiner Pariser Galerie Louise Leiris. Als „druckgrafische Sensation“ präsentierte der Schweizer Versteigerer Kornfeld nun ein fast vollständiges Set dieser Edition. Bis auf die letzte Arbeit, den „Peintre et modèle au fauteuil à bascule“ von 1965, hatte sich ein französischer Privatsammler alle 103 Grafiken in der einheitlichen Nummerierung „45/50“ zugelegt. Diesen mit 5 Millionen Franken taxierten Leckerbissen ließen sich die Picasso-Freunde nicht entgehen und hoben das Konvolut auf 5,6 Millionen Franken.
Damit war in der zweitätigen Auktionsrunde vom 10. und 11. September der Höchstpreis erreicht. Dahinter folgte bei 4,6 Millionen Franken Eduardo Chillidas Eisenplastik „Ikaraundi“ von 1957. Der Titel, der auf Baskisch „Großes Zittern“ verspricht und auf die bewegte, beinahe pulsierende Wirkung der fragmentierten, in den Raum ausgreifenden Form verweist, regte eine internationale Sammlerschaft an, die den bisherigen Auktionsrekord von 3,6 Millionen Pfund für den Spanier, aufgestellt im Juni 2013 bei Christie’s in London, etwas anhoben (Taxe 3 Millionen CHF). Insgesamt setzte Kornfeld an beiden Tagen gut 70 Millionen Franken brutto um. Das Ergebnis hätte aber noch ein paar Millionen Franken höher ausfallen sollen. Denn bei losbezogenen Verkaufsraten zwischen 80 Prozent bei der Sammlung des 2023 verstorbenen Patrons Eberhard W. Kornfeld und 62,6 Prozent bei den „150 Ausgewählten Werken“ ließ sich manches hochpreisige Objekt nicht absetzen, darunter etwa Georges Seurats atmosphärisch verwischte Kreidezeichnung „Le fiacre“ (Taxe 1 Million CHF), Henri Matisses musikinspirierte Grafikfolge „Jazz“ von 1947 (Taxe 400.000 CHF), Ernst Ludwig Kirchners expressionistische Pastellzeichnung eines nackten „Paars im Atelier“ (Taxe 375.000 CHF), Henri de Toulouse-Lautrecs Mappe „Elles“ mit Einblicken in Pariser Freudenhäuser (Taxe 450.000 CHF) oder ebenfalls mit Kornfeld-Provenienz mehrere komplette Jahresmappen der Künstlergruppe „Brücke“ zwischen 30.000 Franken und 100.000 Franken.
Anspruchsvolle Kundschaft
Außerdem blieben einige höherpreisige Positionen hinter den Schätzungen zurück, etwa Alexej von Jawlenskys stiller „Abstrakter Kopf: Aurora“ mit geschlossenen Augen von 1931 bei 440.000 Franken (Taxe 500.000 CHF), Edgar Degas’ fächerartig auf Seide gemalte „Danseuses“ bei 550.000 Franken (Taxe 650.000 CHF), mehrere Werke von Paul Klee, Josef Albers’ in gelb-braunen Farbnuancen glimmende „Study for Homage to the Square: Mild“ von 1962 bei 250.000 Franken (Taxe 300.000 CHF), die beiden aus der Kornfeld-Sammlung mit reduzierten Erwartungen erneut angebotenen Dresden-Veduten Kirchners „Villa im Park“ bei 900.000 Franken (Taxe 1,25 Millionen CHF) und „Windmühle bei Moritzburg“ bei 1,2 Millionen Franken (Taxe 1,5 Millionen CHF) oder Edvard Munchs Farblithografie „Madonna“ mit der Umrandung und dem Embryo bei 500.000 Franken (Taxe 700.000 CHF). An dem norwegischen Maler und Grafiker wird aber das selektive Verhalten der Bieter bei Kornfeld deutlich. Denn die zweite Version seiner ikonischen „Madonna“ ohne die Umrandung, dafür mit den in der Bauchpartie ergänzten Haaren kletterte von 600.000 Franken auf 1 Million Franken. Obendrein konnten sich Munchs melancholische „Frauen am Meeresufer“ aus dem Jahr 1898 von 200.000 Franken auf 250.000 Franken verbessern.
Auf der Habenseite stand dann noch Robert Delaunay. Der Franzose trumpfte mit seinen beiden dynamischen und bunten Kreis- und Scheibenmotiven „Rythme“ von 1934 bei 2 Millionen Franken (Taxe 1,75 Millionen CHF) und „Rythmes: Joie de vivre“ von 1930 bei 2,7 Millionen Franken auf (Taxe 2,5 Millionen CHF). Gut lief es gleichfalls für Marc Chagalls traumhafte tiefblaue Nachtszene „Le Monstre de Notre-Dame“ von 1953 bei 1,8 Millionen Franken (Taxe 1,2 Millionen CHF), für Henri Matisses mit Feingefühl gestaltete „Étude d’une femme endormie“, eine Kohlezeichnung zu seinem meditativen Gemälde „La Dormeuse“ von 1941, bei 940.000 Franken (Taxe 900.000 CHF), für Francisco de Goyas 80 Radierungen „Los Caprichos“ in der ersten Ausgabe von 1799 bei 520.000 Franken (Taxe 325.000 CHF) oder für Lovis Corinth: Seine expressiv und unruhig gemalte Winterlandschaft am „Walchensee“ von 1923 war bei 220.000 Franken erfolgreich (Taxe 150.000 CHF). Hermann Max Pechstein schlug mit seinem strahlenden Sonnenaufgang über einer Flussmündung in Rowe an der pommerschen Küste die gleiche Richtung ein und kam bei einer Schätzung von 200.000 Franken schließlich mit 240.000 Franken heraus.
Bei zwei wichtigen Werken des französischen Konzeptkünstlers Marcel Duchamp hielten sich die Sammler dann wieder etwas zurück: das von der Forschung mittlerweile als eines der wohl frühesten Readymades angesehene Holzobjekt „Bilboquet“, ein gedrechselter Holzstab und eine Holzkugel, musste sich mit 800.000 Franken bescheiden (Taxe 1 Million CHF), und für den letzten noch in Privatbesitz befindlichen „Monte Carlo Bond“ von 1924, die Fotocollage und Lithografie eines Roulettetisches samt Portraitbild des Künstlers mit zwei separaten Originalfotografien Man Rays, fielen nur 1,2 Millionen Franken ab (Taxe 1,25 Millionen CHF). In der Nachkriegsepoche sorgte Yves Klein für einige Aufregung. Mit seiner Zeichnung „COS 3“ von 1960 aus der Serie der „Cosmogonies“, bei denen die elementaren Kräfte der Natur zum Mitautor seiner Kunst wurden, übersprang Klein mit einem Zuschlag bei 1,1 Millionen Franken nochmals die Sechsstelligkeit (Taxe 600.000 CHF). Der CoBrA-Maler Karel Appel reüssierte mit seiner spielerischen, intuitiven Abstraktion „Vluchtende Hoofden“ von 1961 bei 130.000 Franken (Taxe 100.000 CHF), Serge Poliakoff mit seinen kraftvoll verzahnten Farbfeldern der „Composition à la forme violette“ von 1952 bei 280.000 Franken und der sechs Jahre jüngeren monochromen „Composition en bleu“ mit ausgeprägter Binnenstruktur bei 310.000 Franken (Taxe je 150.000 CHF). Bei Poliakoff zeigte sich aber auch, wie wählerisch sich die Bieter bei der Auktion verhielten. Denn seine schwächere, da kontrastarmere Farbfeldmalerei „Ocre et orange“ blieb mit 200.000 Franken hinter der Schätzung von 250.000 Franken zurück.
Bei den Bildhauern weckte neben Chillida vor allem Alberto Giacometti die Aufmerksamkeit der Sammler. Das Bronzeportrait seines Bruders „Buste de Diego“ von 1954/55 mit schrundiger Oberfläche generierte 2,8 Millionen Franken (Taxe 2,25 Millionen CHF). Auch Diego Giacometti ließ sich nicht lumpen und gab seinen stummen Diener „Chat maître d’hôtel“ in der Version mit der Körnerschale erst bei 300.000 Franken ab (Taxe 200.000 CHF). Diesen Betrag erzielte dann taxgerecht auch Alexander Calders verspieltes Stabile „Telephone Pole“ vom Ende der 1940er Jahre, während es für Bernar Venets ungegenständliche „Indeterminate Line“, ein aufgerolltes Stahlband von 1995, von dieser Basis auf 420.000 Franken deutlich hinaufging. An Francisco Zúñigas kleiner Onyxfigur „Desnudo sentado“ von 1966 mit typisch monumentalem Körper und winzigem Kopf blieben aber dann nur 100.000 Franken hängen (Taxe 150.000 CHF).
Kornfelds Künstlerfreunde
Mit zwei Sonderkatalogen wurde der vor gut drei Jahren verstorbene ehemalige Auktionshauschef Eberhard W. Kornfeld abermals gewürdigt. Bei den „Freundschaften – Amitiés“, die Kornfeld mit zahlreichen Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts unterhielt, spielte Alberto Giacometti schon allein zahlenmäßig eine herausragende Rolle. Zudem verantwortete der aus dem Bergell stammende Bildhauer und Maler mit 800.000 Franken das teuerste Objekt der Auktion: wiederum war es mit der „Buste d’homme“ von 1956 ein Bildnis seines Bruders Diego, diesmal mit voluminösem Schulteransatz und viel zu kleinem Kopf. Der posthume Guss aus dem Jahr 2006 in einer Auflage von zehn autorisierten Exemplaren war mit 700.000 Franken veranschlagt. Daneben gab es drei stelenartige hohe bronzene Lampenfüße in einer archaisch-antikisierenden Ästhetik, die Giacometti Mitte der 1930er Jahre im oberen Viertel mit verschiedenen geometrischen oder figürlichen Applikationen bestückte: die Lampadaire modèle „étoile“ für 260.000 Franken (Taxe 150.000 CHF), die Lampadaire modèle „figure“ für 320.000 Franken (Taxe 250.000 CHF) und die Lampadaire modèle „osselet“ für 270.000 Franken (Taxe 200.000 CHF).
Mit seinen günstigeren surrealistischen Kupferstichen der 1930er Jahre, die für Illustrationen zu Publikationen André Bretons gedacht waren, hatte Alberto Giacometti abermals Glück: „Le serpent II“ stieg von 30.000 Franken auf 43.000 Franken, „Animal I“ von 35.000 Franken auf 55.000 Franken. Direkt aus dem Künstleratelier hatte Eberhard W. Kornfeld den „Guéridon aux anneaux“ erworben, den Diego Giacometti um 1962 für die Fondation Maeght in Saint-Paul-de-Vence und die Bar der Zürcher Kronenhalle entworfen hatte und der nun 300.000 Franken einbrachte (Taxe 180.000 CHF), oder einen weiteren Guss des „Chat maître d’hôtel“, der mit Kornfeld-Provenienz sogar 370.000 Franken einspielte (Taxe 200.000 CHF). Bei Pablo Picasso, dessen druckgrafisches Œuvre Kornfeld systematisch inventarisierte und in dem siebenbändigen Werkkatalog „Picasso peintre-graveur“ veröffentlichte, verdoppelten die Käufer den Wert seiner Fayence-Vase „Gros oiseau corrida“ von 1953 auf 200.000 Franken und spendierten für den Farblinolschnitt „Le déjeuner sur l’herbe, d’après Manet“ von 1962 gute 125.000 Franken (Taxe 110.000 CHF).
Eine langjährige Freundschaft pflegte Kornfeld auch zu Marc Chagall und erstellte den Œuvrekatalog seiner Radierungen und Holzschnitte. Hier waren hauptsächlich frühe Tuschezeichnungen der 1910er Jahre mit Motiven aus Chagalls Kindheit und Jugend in Witebsk und aktuellen Themen gefragt, darunter eine doppelgesichtige „Maternité“ für 150.000 Franken oder das Kriegsblatt „Le départ pour la guerre“ von 1914 für 110.000 Franken (Taxe je 40.000 CHF). Serge Poliakoff freute sich ein weiteres Mal über 170.000 Franken für seine „Composition abstraite“ in Rot, Schwarz, Blaugrau und Beige von 1957 (Taxe 90.000 CHF), Jean Tinguely über taxkonforme 250.000 Franken für sein buntes kinetischen Relief „Méta-Mortensen“ von 1955/56 und Niki de Saint Phalle über 70.000 Franken für ihre kurvenreiche und ausgelassene „Mini Nana acrobate“ beim Handstand von 1968 (Taxe 30.000 CHF).
Nur bei Sam Francis, der die Patenschaft für Kornfelds Tochter Patricia übernommen hatte, haperte es an manchen Stellen. Während seine dichten vibrierenden Farbstrukturen auf dem Aquarell „Colorful Paris“ von 1954 mit 190.000 Franken hofiert wurden (Taxe 125.000 CHF), gaben die locker gesetzten blauen Farbseen auf der Leinwand „Blue Balls IV“ von 1960 auf 200.000 Franken (Taxe 250.000 CHF) und die bunter getropfte Kreuzstruktur auf dem Acrylgemälde „Cross“ von 1973 auf 300.000 Franken nach (Taxe 350.000 CHF). Noch zu haben sind Francis’ vegetative Zustände auf dem Ölgemälde „Green and Yellow“ von 1955 für 175.000 Franken oder die Gouache „Sketch for a Painting“ von 1957 für 100.000 Franken.
Nach der Zuschlagsquote von 80 Prozent bei den „Amitiés“ sackte sie bei der Versteigerung „Illustrierte Bücher und Portfolios aus der Sammlung Kornfeld“ auf 67 Prozent ab. Deutliche Lücken hinterließen hier, wie bereits erwähnt, Toulouse-Lautrecs Lithografiefolge „Elles“ oder mehrere Jahresmappen der „Brücke“, so dass sich Paul Gauguins „Suite Volpini“ an die Spitze setzen konnte. Die elf losen Zinkografien der ersten Ausgabe, gedruckt 1889 auf gelben Papier, in denen sich Gauguin mit bäuerlich-ländlichen Szenen in der Bretagne und in Südfrankreich, aber auch mit Südseestimmungen auseinandersetzte, zeigten sich in der originalen marmorierten Kartonmappe bei 280.000 Franken recht zielstrebig (Taxe 100.000 CHF). Dahinter platzierten sich bei 250.000 Franken die erste Kestnermappe, die El Lissitzky und seinen Vorstellungen von konstruktivistischer Kunst vorbehalten war, begleitet von der sechsten Kestnermappe mit sechs Lithografien László Moholy-Nagys für 150.000 Franken (Taxe je 125.000 CHF), bei 190.000 Franken acht Radierungen Edvard Munchs, die der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe 1895 als Portfolio auf eigene Kosten publizierte (Taxe 160.000 CHF), und bei 150.000 Franken die sogenannte „Erste Mappe des Merzverlages“, die Kurt Schwitters 1923 mit sechs Lithografien bestückte, in denen er setzkastenartig geometrische Formen mit Buchstaben, Text und teils figürlichen Elementen kombinierte (Taxe 100.000 CHF).
Ein weiterer Sonderkatalog war für die Sammlung von Gudrun und Martin Fritsch reserviert. Das Berliner Ehepaar hat sich ausschließlich auf Arbeiten von Käthe Kollwitz konzentriert und 1986 zusammen mit dem Kunsthändler Hans Pels-Leusden in Berlin das Käthe-Kollwitz-Museum initiiert. Einen Schwerpunkt seiner Sammeltätigkeit legte es auf die eindringlichen, oft nachdenklichen Selbstbildnisse der Künstlerin, die die Auktion anführten. So verabschiedete sich Kollwitz’ Kreide- und Pinsellithografie „Selbstbildnis, en face“, in der Kollwitz sich 1904 ruhig und schon ein wenig verhärmt sah, bei 450.000 Franken, ihre um 1900 entstandene Tuschezeichnung „Selbstbildnis am Fenster“ im verlorenen Profil, in der Kollwitz noch etwas frischer auftrat, bei 400.000 Franken (Taxe je 600.000 CHF). Ihr ältestes Selbstbildnis war ein laviertes Tuschblatt aus dem Jahr 1890 für 100.000 Franken, auf dem sich die 23jährige bereits grüblerisch mit aufgestütztem Kopf zeigte (Taxe 150.000 CHF).
Die Ergebnisse verstehen sich als Zuschlag ohne das Aufgeld. |