 |  | Deszö Orbán, Blaue Lagune, 1913 | |
Innerhalb der Auktion „19th Century European Paintings“, die Sotheby’s am 3. Juni in London veranstaltet, nehmen Künstler osteuropäischer Abstammung einen breiten Raum ein. Anknüpfend an den Erfolg mit Werken tschechischer, polnischer und vor allem ungarischer Künstler vom April 2002 möchte Sotheby’s dem verstärkten internationalen Interesse an diesen Richtungen Rechnung tragen und das Segment weiter ausbauen. Neben bekannten Malern wie Mihály Munkácsy, dessen 1872 entstandenes Ölbild „Die Blechtrommel“ mit einem kleinen Bettlerjungen für 60.000 bis 80.000 Pfund zum Aufruf kommt, bietet der Katalog eine ganze Reihe von Künstler an, die außerhalb Ungarns bis vor kurzem in Vergessenheit geraten sind.
Munkácsys Freund und Kollege war László Paál. Seine „Scheune mit Heuhaufen“ (Taxe 15.000 bis 20.000 GBP) und sein „Birkenwald mit Reisigsammler“ (Taxe 25.000 bis 35.000 GBP) offenbaren den Einfluss der Schule von Barbizon. Im Jahre 1896 gründeten Béla Iványi-Grünwald und Simon Hollósy die Künstlerkolonie in Nagybánya. Auch sie - inspiriert von der Barbizon und dem Impressionismus - entwickelten eine Vorliebe für die plein air-Malerei. Eine arkadische, beinahe symbolistische Landschaft lässt Iványi-Grünwald in seinem Gemälde „Im Tal“ von 1908 entstehen (Taxe 12.000 bis 16.000 GBP). Den Einfluss der Fauvisten verrät Dezső Orbáns „Blaue Lagune“ von 1913 (Taxe 25.000 bis 35.000 GBP), Oszkár Glatz’ sonnenbeschienene „Kinder in einer hügeligen Landschaft“ erinnert von den Farben und der Lichtführung her an Claude Monet (Taxe 30.000 bis 50.000 GBP), einem romantischen Ideal ist die „Klassische Landschaft“ an einem Fluss mit Ruinen und Figurenstaffage bei überwältigend untergehender Sonne aus den Jahren 1851/52 von Károly Markó verpflichtet (Taxe 30.000 bis 40.000 GBP), und in János Vaszarys bunter Szene „Am Strand“ sind die Vorbilder von Dufy und Derain unverkennbar (Taxe 30.000 bis 50.000 GBP).
Neben Gouachen, Pastellen und Zeichnungen von Alphonse Mucha, darunter die Jugendstilschönheit mit wallendem Haar und „Mohnblüten“ (Taxe 20.000 bis 30.000 GBP), steuert die tschechische Fraktion eine klassische „Odalisque“ von Gabriel von Max bei (Taxe 8.000 bis 12.000 GBP). Einen Einblick in das Leben der Wiener Arbeiterklasse an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gibt Johann Hamza in seinem stimmungsvollen Gemälde „Die Putzmacherinnen“ von 1903, die sich um die Modeaccessoires der Damen der Belle époque kümmern (Taxe 80.000 bis 120.000 GBP). Bei der österreichischen Kunst überzeugt noch Anton Romakos eigenwillige „Italienische Hirtenfamilie“, die sich dennoch als pittoreskes Mitbringsel gut verkaufen ließ (Taxe 30.000 bis 50.000 GBP).
Neben Adolph von Menzels Bleistiftskizze des Nürnberger Rathauses (Taxe 6.000 bis 8.000 GBP) und Leo Putz’ von „Wintersonne“ beschienene junge Frau (Taxe 20.000 bis 30.000 GBP) belegt Carl Rottmann mit seiner „Kosmischen Landschaft“ bei der deutschen Sektion eindeutig den ersten Platz. Im beinahe monochromen Gemälde verschmelzen Himmel und Erde zu einer abstrakten Landschaft, in der das Licht und die Wolkenformationen – vergleichbar den künstlerischen Ansätzen William Turners - die Hauptsache bilden. Geschätzt wird die Reflexion auf ein konventionelles Landschaftsgemälde daher auch auf 85.000 bis 120.000 Pfund.
Das teuerste Werk der Auktion befindet sich im allgemeinen Teil, der an die tschechischen, österreichischen, ungarischen und deutschen Künstler anschließt. Mit der Schätzung von 400.000 bis 600.000 Pfund ist Jean-Léon Gérômes „Interieur grec. Le Gynecce“ versehen. Seine an die klassizistische Antikenrezeption von Ingres und David erinnernden weiblichen Akte in einer römischen Villa löste im Pariser Salon von 1850 einen Skandal aus. Jean Baptiste Camille Corot malte seine winterliche Landschaft „La gelee blanche a Auvers-sur-Oise“ mit fahlen Farben (Taxe 170.000 bis 250.000 GBP). „Les bords de la mer, Palavas“ ist eines der wenigen fünf Beispiele von Gustave Courbets Beschäftigung mit dem Mittelmeerküste aus seinem Aufenthalt im Jahr 1854 (Taxe 150.000 bis 200.000 GBP). Warum der Belgier Petrus van Schendel sein Markttreiben in der Nacht spielen lässt, ist nicht verständlich. Jedenfalls stellt er mit dem „Markt bei Mondlicht“ seine Fähigkeit unter Beweis, stimmungsvoll die dunkle Szene durch den Schein von Kerzen zu erleuchten (Taxe 120.000 bis 180.000 GBP).
Der dritte und letzte Abschnitt ist der skandinavischen Kunst gewidmet. Auch hier gibt es viele unbekannte Namen, deren Werke wahrscheinlich vorwiegend wieder in ihre Heimatländer wandern werden. Dennoch zeigt sich auch hier eine erstaunliche Qualität und Orientierung an den großen „westlichen“ Entwicklungen der Kunstgeschichte. So steht das „Porträt von Dora Lamm“ des Schweden Carl Larsson von der Anlage und den Farben her den Schöpfungen Egon Schieles nahe (Taxe 60.000 bis 80.000 GBP). Vollgültige Werke sind Larssons lasierende Arbeiten mit Feder, Tusche, Bleistift und Aquarellfarben auf Papier, in denen er seine Töchter beim Klavierspielen festhielt (Taxen zwischen 150.000 und 300.000 EUR).
Einen Zug ins Märchenhafte verleiht der Norweger Nikolai Astrup seiner Idylle mit einem Bauernhaus, einer Gans und einem jungen Mädchen, das sich gerade die Blüte eines Rhabarberstocks pflückt (Taxe 250.000 bis 300.000 GBP). Das Motiv tanzender junger Mädchen gab es nicht nur bei Edgar Degas. Auch die Finnin Helene Schjerfbeck griff darauf zurück und hielt in der Studie „Ballettschuhe“ eine Tänzerin bei Anlegen derselbigen fest (Taxe 250.000 bis 350.000 GBP). Der Schwede Anders Zorn steuert mit dem Gemälde „In Werners Ruderboot“ einen fülligen weiblichen Akt bei (Taxe 300.000 bis 500.000 GBP), und der Däne Vilhelm Hammershøi eine seiner symbolistisch aufgeladenen leeren Zimmerfluchten, die derzeit auch in der Hamburger Kunsthalle zu bewundern sind (Taxe 50.000 bis 70.000 GBP).
Die Auktion beginnt am 3. Juni um 10:30 Uhr in der New Bond Street. Die Vorbesichtigung ist vom 29. Mai bis zum 2. Juni in London möglich. Der Katalog ist im Internet unter www.sothebys.com einsehbar.
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