 |  | Aldo Rossi, Architettura Assassinata | |
Was für ihn Architektur bedeute, brachte Aldo Rossi wie folgt auf den Punkt: "Die Architektur ist eine Form des Überlebens, die der Mensch entwickelt hat. Es ist eine Art, die grundlegende Suche nach dem Glück zum Ausdruck zu bringen". Mit dem Titel "Die Suche nach dem Glück" ist zugleich die Ausstellung überschrieben, in der das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt seit vergangenem Wochenende 212 Zeichnungen und Pläne, neun Modelle sowie zwei Skizzenbücher präsentiert. All dies beinhaltet den gesamten Museumsbestand an Arbeiten Rossis, den der Gründungsdirektor Heinrich Klotz 1981 weitsichtig erwarb. Erstmals wird dieser 14 Projekte umfassende Archivbestand in toto gezeigt und führt den mittlerweile weltweit verstreuten Nachlass zwar nicht real, doch in seiner Relevanz für das Gesamtwerk des Architekten wieder zusammen.
In Deutschland wurde der 1931 in Mailand geborene Aldo Rossi durch die 1981 mit einem ersten Preis ausgezeichneten und im Rahmen der IBA Berlin realisierten Wohn- und Geschäftshäuser an der Wilhelmstraße bekannt. Dieses Projekt ist auch das einzige nichtitalienische, das in der Ausstellung gezeigt wird. Sämtliche Dokumente stammen aus den Jahren 1965 bis 1985, Rossis wichtigster Schaffensperiode. Erst danach, im Jahre 1988, gewann er den ersten Preis für das nicht ausgeführte Deutsche Historische Museum in Berlin.
Wie gestaltete sich für Rossi die "Suche nach dem Glück"? Die Exponate der Schau lassen keinen Zweifel aufkommen: Gebäude waren für Rossi reine Typen. Formen hatten den Typen zu folgen und nicht Funktionen. Man kann gut nachvollziehen, wie sich Formen und Formenkonstellationen ständig wiederholen. Dies demonstrieren eindrucksvoll seine kräftigen, stark farbigen, zuweilen plakativen Körper, die er zeichnerisch zu Formenlandschaften kombinierte. Strenge Fragmentierungen, wirkungsvolle Gliederungen, horizontales und vertikales Balancieren beherrschen die teils spektakulären Zeichnungen des Begründers des italienischen Rationalismus. Ein wichtiges Gestaltungsmittel war dabei die Farbgebung der schlichten Körper, deren Bedeutung für Rossi in der Theorie wurzelte und die auf fast kindliche Manier Verwendung zu finden schien. Scheinbar mit einfachsten Bauklötzen nachstellbar, strahlen die maßstablosen, poetischen Zeichnungen in der Kombinationen ihrer Volumina eine ungeahnte Zeitlosigkeit aus.
Allen Arbeiten voran steht das Friedhofsprojekt San Cataldo in Modena aus den Jahren 1971 bis 1978, das Rossis internationale Berühmtheit einläutete. Mittels kombinierter Darstellung von perspektivischer Aufsicht, schematischer Ansicht und Grundrissdetails auf einem Blatt werden Typus, Monumente und Orte zugleich präsentiert. Streng ist die längsrechteckige Fläche durch Eingangsgebäude nebst Kolumbarien, Gedächtnisstätte, dreieckig angeordneter Grabkammerreihen samt Konus gegliedert. Wie immer sind alle Architekturen eigenständig, passen sich aber in ein klares Gefüge ein. Die Darstellungsart begeistert aber auch durch die allseits betonten Schatten. Das sorgsam austarierte Gleichgewicht von Licht und stark akzentuierenden Schatten erinnert an Gemälde von De Chirico, Morandi oder auch an neorealistische italienische Filme.
Die kompakten, kühlen Kuben zeugen bei aller Liebe zur Schönheit und Formreinheit von subtilen Einflüssen: Beeindruckt von der Festigkeit alter Bauwerke, angeregt durch archäologische Ausgrabungen in Rom, Ostia oder Pompeji, inspiriert von Reisen, Filmen oder Fotos verarbeitete Rossi immer wieder neue Erkenntnisse. So verbindet die Kuppel des 1990 gebauten Bonnefantenmuseums an der deutsch-niederländischen Grenze in Maastricht die Renaissance mit der Gotik. Holztreppen im Innern stellen Bezüge zur Schiffsbautechnik her.
Rossis Zeichnungen nehmen mittels Collagen Gestalt an. Angefüllt von Zitaten und Begriffen, führen sie zu einem unverwechselbaren ästhetischen Erlebnis gesammelter Erfahrungen. Bauen bedeutete für Rossi, eine Reihe von Elementen geordnet wie angemessen mit dem Ziel zu verbinden, dem Endkomplex Formstabilität zu verleihen. Bauen war für ihn Ordnen und kein Angehen von Details. In der Vollkommenheit lag für ihn die Qualität. Aktuelle Moden interessierten ihn nicht. Was und wie andere bauten, war für ihn nicht maßgeblich. In modernen Architekturzeitschriften stöberte er nicht. Aufteilungen in Kultur- oder Schaffensperioden lehnte er ab. Sie waren für ihn mehr Aspekte einer Einheit von Absichten. Rossi bemühte sich auch um Abgrenzung. Sein Satz "Ich kann nicht postmodern sein, da ich niemals modern war" demonstriert dies überzeugend.
Als Designer machte der 1997 bei einem Autounfall zu Tode gekommene Rossi mit Gebrauchsgegenständen, die in Wahrheit kleine Bauwerke darstellten, ebenso Furore wie als Theoretiker. In den späten 1970er Jahren erlebte er einen geradezu kometenhaften Aufstieg. Sein Buch L’architetura della cittá musste in die zweite Auflage gehen und ins Spanische und Deutsche übersetzt werden. Seine theoretischen Arbeiten spielen in der Ausstellung aber nur am Rande eine Rolle.
Die kompakte, wohltuend klar gegliederte Präsentation im Deutschen Architekturmuseum wird dem hohen Anspruch von Rossis Werkschaffen gerecht: Auf einem pompejianisch roten Wandstreifen ordnen sich die Zeichnungen nach Projekten sowie Farbkopien aus den zwei Skizzenbüchern an den vier Saalwänden an, während mittig mit gleicher Farbe unterlegte Modelle und Designgegenstände stehen. Der Rundblick über die kleine, aber instruktive und sehenswerte Schau vermittelt ausgezeichnet ein Werk von überraschender Originalität.
Die Ausstellung „Aldo Rossi. Die Suche nach dem Glück. Frühe Zeichnungen und Entwürfe“ ist noch bis zum 9. November dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr zu besichtigen. Der Katalog mit 174 Seiten und 210 Abbildungen kostet als broschierte Ausgabe im Museum 29 Euro, als gebundene Ausgabe im Buchhandel 49,95 Euro.
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