 |  | Theodor Heiden, Heiliger Georg, um 1905 | |
Theodor Heiden gründete 1831 in München seine Silberschmiede, die schon bald in Blüte stand und in der bayerischen Hauptstadt Ansehen genoss. Auch die Wittelsbacher fanden Gefallen an seinen Schöpfungen und ernannten ihn bald zum Königlich Bayerischen Hofgoldschmied. Seine Kreationen waren handwerklich von einem hohen Qualitätsanspruch getragen, dienten meist einem repräsentativen Anspruch und griffen daher auf überbrachte Formen zurück. Neben Silberarbeiten aus dem Historismus und Späthistorismus halten um 1900 entsprechend dem Zeitgeschmack auch Jugendstilformen Einzug. Nun sind gut 100 Positionen der Sammlung Heiden, die aus dem Nachlass der Hofgoldschmiede stammen und in Familienbesitz bewahrt wurden, der Höhepunkt bei der kommenden Versteigerung des Auktionshauses Neumeister.
Wie vielfältig damals die Geschmäcker waren, davon zeugen die Kreationen, die sich oft an der Pracht des Barock orientieren, wie die bewegte Reiterfigur des Heiligen Georg im Kampf mit dem Drachen (Taxe 40.000 EUR) oder die vielen Becher auf Kugelfüßen mit charakteristischem Blumendekor (Taxen zwischen 1.000 und 2.000 EUR). Doch die Stücke zitieren auch die Formensprache der Gotik, wie bei dem Deckelpokal für Heinrich Heiden von 1849 mit gotisierendem Weinrankendekor (Taxe 5.000 EUR), oder lassen bei dem vergoldeten Tafelaufsatz mit seinem Noppendekor und den Putten sowie Karyatiden an die Renaissance denken (Taxe 7.000 EUR).
Heroisch deutsches Wesen ist der Figur des Sagenhelden Hagen eigen, der von einem dunkelgrünen Malachitsockel, gegen den die Wellen des Rheins schlagen, den Nibelungenhort versenkt (Taxe 50.000 Euro). Einzig mit einem weit gestreckten Rautenmuster am Schaft dekoriert, gibt sich eine Fußschale eine zurückhaltende Note, während eine Kanne mit Untersatz und zwölf Pokalen – der Ehrenpreis der M. Pschorr Stiftung Hacker Bräu München von 1906 – mit reichen, durchbrochenen Blüten- und Rankenfriesen, Moriskentänzern, Münchner Kindl, Adlergriff, Noppen und gedrehten Kanneluren wieder ganz dem Zierrat huldigt (Taxe 75.000 EUR).
Byzantinisches Gepräge weist in dem eigenen Katalog mit der Sammlung Heiden eine Gürtelschnalle von 1907 in ihrem filigranen Silbergeflecht auf (Taxe 1.500 EUR), zwei Flaschenhalterungen für Essig und Öl rekrutieren auf das Empire (Taxe 1.000 EUR) und jugendstilig wird’s bei einer Tischjardinière mit ihrem fließenden floralen Dekor (Taxe 4.000 EUR). Beim dem Tafelaufsatz in der Form eines Tischbrunnens, der launig den „Meister des Humors“ Adolf Oberländer mit dessen eigenen, lustigen Zeichnungen preist, vermischen sich Jugendstil und Renaissance mit einem schlichten volkstümlichen Ausdruck (Taxe 10.000 EUR).
Auch der Hauptkatalog wird neben dem Gemälden hauptsächlich vom Silber getragen. Ausführlich ist das Angebot mit Augsburger Silber des 18. Jahrhunderts bestückt, wie mit der Helmkanne und dem ovalen Becken mit passig geschweiftem Rand aus den 1730er Jahren von Jeremias Friedel und Abraham Steber für 8.000 Euro. Besonders dekorativ gestaltet ist der teilvergoldete Tafelaufsatz von Johann Georg Klosse aus dem Rokoko: Eine ovale, durchbrochene Schale aus Rocaillen wird von einem hohen Gestell, ebenfalls aus Rocaillen bestehend, getragen. Dazu gehören vier einsetzbare Blattschalen (Taxe 3.700 EUR). Formen des Empire kennzeichnen ein Nürnbergern Leichterpaar vom Anfang des 19. Jahrhunderts. Als Meisterzeichen weisen die urnenförmigen Tüllen, die von drei langen Spangen auf Tatzenfüßen getragen werden, die Initialen GM auf (Taxe 2.200 EUR).
Hauptstück in der Sparte Porzellan sind die vier großen Kannenvasen, die figürlich reich verziert und aufwendig staffiert die vier Elemente Wasser, Feuer, Erde und Luft, darstellen. Das Quartett aus der Meißener Manufaktur wurde in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Kändler-Modellen gefertigt (Taxe 15.000 EUR). Aus der Anfangszeit der sächsischen Porzellanherstellung stammt die balusterförmige sechsseitige Teedose mit Kauffahrteiszenen und Goldranken auf dem Deckel (Taxe 4.500 EUR). Um 1786 produzierte die Berliner Manufaktur KPM ein türkisfarbenes Vasenpaar in Balusterform mit durchbrochenem Deckel, dessen weiß ausgesparte Wandung Blumensträuße zieren (Taxe 1.500 EUR).
Bei den Skulpturen sollen zwei schlanke Adorantenengel vermutlich von Christian Jorhan d.Ä. in Linde geschnitzt worden sein (Taxe 25.000 EUR). Die Büste einer Heiligen mit Buch und turbanähnlichen Kopfschmuck stammt aus Franken (Taxe 5.000 EUR). Und Cesare Lapini, geboren 1848 in Florenz, meißelte ein Geschwisterpaar, das die kleine Schwester auf den Armen trägt, in weißem Marmor. Die verspielte Dreiergruppe ist auf 12.000 Euro geschätzt.
Höchst bewertetes Los unter den Möbeln ist eine siebenteilige Sitzgarnitur, bestehend aus einem Sofa und sechs Fauteuils, die auf geschweiften, profilierten Gestellen steht und mit Akanthus und Rocaillen beschnitzt ist. An den Vorderzargen befinden sich Löwenmaskarons, die Lehnen sind mit weiblichen Büsten bekrönt. Die Garnitur entstand im 18. Jahrhundert in Italien. Bezeichnet ist das Sofa an Lehne und Zarge Luigi Ceretf sowie Luigi Cereti (?) fec Giuseppe (Taxe 32.000 EUR). Knapp darunter rangieren mit 30.000 Euro zwei Spiegelappliken um 1715/20 aus der Werkstatt des Münchners Josef Effner, die einst in Schloss Nymphenburg hingen. Französisch wird’s bei einer zweischübigen Kommode und einer Poudreuse aus der Zeit Louis XV. Die Stücke aus Rosenholz, Mahagoni und anderen Edelhölzern sollen 7.000 bzw. 6.500 Euro erzielen.
Unter den Uhren befindet sich ein seltenes und wertvolles Exemplar, ein Stück aus der süddeutschen Renaissance, eine Figurenuhr mit tanzendem Bären und Bärenführer. In der Fachliteratur wird sie um 1580/90 datiert. Die Uhr verfügt über ein ovales Vollplatinenwerk mit floral geformten Unruhkloben. Signiert ist sie mit „Jeremias Metzker, Augsburg“. Das getriebene feuervergoldete Kupfergehäuse ist mit Bandornament, Blumen und Früchten verziert. Die Pfeifenbordüre, vier Granatapfelfüße und der Bärentreiber in türkischer Tracht mit dem tanzenden Bär mit Granatapfel im Maul sind aus feuervergoldeter Bronze. Außen trägt das getriebene Silber-Zifferblatt die 12 Stunden mit römischen Ziffern, die Tierkreiszeichen und 12 Monate mit 30 Tagen. Für die darüber befindliche Weckerscheibe sind 12 Stunden in arabischen Ziffern angebracht. Das aufwendige Stücke soll denn mit 50.000 Euro umworben werden. Ein weiteres exklusives Objekt verzeichnet der Katalog: Den zweizylindrigen Opel-Darracq mit dem Baujahr 1902. Hell rahmt die weiße, offene Karosserie mit hellblauer Einfassung die vier mit schwarzem Leder bezogenen Sitze ein. Auch hier muss man etwas tiefer in die Tasche greifen. An 85.000 Euro sind gedacht.
Bei den Alten Meistern gibt es zunächst ein typisches Architekturcapriccio mit einem bewachsenen Torbogen und einer kleinen Hafenanlage, von Francesco Guardi mit brauner Feder und Pinsel ausgeführt (Taxe 9.500 EUR). Glanzpunkt ist hier die liebvoll geschilderte „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ von Jan Breughel d.J. und Hendrik van Balen, die Klaus Ertz in seinem Gutachten vom Februar 1984 in die späten zwanziger Jahre des 17. Jahrhunderts datiert. Die stillende Maria mit Josef und zwei Engel in einer friedlichen Waldlandschaft soll 65.000 Euro einbringen. Von seinem Sohn Abraham Brueghel stammt ein schweres Blumenstillleben mit Rosen, Tulpen und Nelken (Taxe 18.000 EUR). Als hochdramatischen Augenblick ist das „Martyrium des Heiligen Andreas“ eingefangen. Zu sehen ist der Moment, als Andreas auf das Geheiß des Statthalters Aegeas, dessen Frau er bekehrt hatte, auf Patras an das X-förmige Kreuz gebunden wird. Das Gemälde soll von Franz Anton Maulbertsch stammen, da es in Zusammenhang mit einem nicht erhaltenen Altarblatt gebracht wird, das Maulbertsch 1760 für die Jesuitenkirche im ungarischen Komarom geschaffen hat.
Wie bei Neumeister üblich bilden mit gut 200 Losen die Gemälde aus dem 19. Jahrhundert das zahlenmäßig stärkste Kontingent. Oswald Achenbach liebte Italien und hielt sich dort mehrere Male auf. In abendliches, sommerliches Rot tauchte er sein Gemälde „Auf dem Weg nach Castell Gandolfo“ von 1875. Auf der von Baumreihen gesäumten „Galleria di Sopra“ wandeln Spaziergänger, links ist der Blick auf den Päpstlichen Sommersitz freigegeben ( Taxe 30.000 EUR). Neben der entspannten Stimmung bei Achenbach beschreibt Johan Christian Dahl in seinem nervösen „Schiffsbruch“ einen jungen Mann, der sich bei stürmischer See an einen aus den Wogen ragenden Mast klammert (Taxe 8.000 EUR). Passend dazu malte in beinahe übertrieben realistischer Manier Karl Raupp 1882 unter dem Titel „Ein Wetter kommt“ eine junge Bäuerin in Begleitung einer Alten und eines kleinen Mädchens beim Übersetzten über einen stürmischen See (Taxe 20.000 EUR).
Heiter schildert Christian Morgenstern einen „Hohlweg mit Wanderer im Dachauer Land“ (Taxe 10.000 EUR). Auch Alexander Koesters typische „Fünf weiße Enten im Schilfwasser“ lassen sich durch nichts stören (Taxe 95.000 EUR). Und die „Jagdgesellschaft in einer oberbayerischen Landschaft“ von Johann Georg von Dillis genießt eher die gelassene Stimmung, als wild den Tieren hinterher zu hetzen (Taxe 12.000 EUR). Die Gattung Genre bereichern Eduard von Grützners „Weinprobe“ mit dem Bruder Kellermeister und zwei Mönchen vor einem riesigen Weinfass (Taxe 40.000 EUR), Felix Schlesingers „Mädchen und kleiner Junge im Stall“ beim Füttern von Kaninchen (Taxe 20.000 EUR) und Franz von Defreggers „Zitherspieler“ in der Stube mit zwei Dirndln (Taxe 25.000 EUR). Musikalisch geht es auch bei der „Musikprobe auf dem Lande“ von Reinhard Sebastian Zimmermann zu. Die auf einem Heuboden platzierte Musikszene soll ein Gebot von 48.000 Euro erklingen lassen. Um 5.000 Euro hat sich die Taxe der „Küstenlandschaft mit osmanischer Festung“ von Eduard Hildebrandt reduziert. Gegenüber dem März-Katalog soll sie nun 25.000 Euro erbringen. Auch Henryk Siemiradzkis symbolistische „Versuchung Christi“ ist eine Bekannte auf Auktionen. Fiel sie bereits zweimal beim Bremer Versteigerer Bolland & Marotz – zuletzt bei 25.000 Euro - durch, wird sie jetzt im Süden mit 10.000 Euro erheblich günstiger angeboten.
Die Auktion beginnt am 24. September um 9:30 Uhr. Alle Positionen können noch bis zum 22. September täglich von 9 bis 17:30 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 15 Uhr in Augenschein genommen werden. Am 25. September findet ganztätig die Varia-Auktion statt, die Silber, Keramik, Möbel, Graphik und Gemälde verschiedener Epochen anbietet.
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