Rekorde bei Sotheby’s  |  | Balthus, Golden Afternoon, 1957 | |
Das Gemisch stimmte bei den New Yorker Prestigeauktionen von Sotheby’s. Hervorragende Kunstwerke aus exzellenten Sammlungen trafen am 5. und 6. Mai auf kauffreudige Sammler. Kein Wunder also, dass der Auktionsriese mit einem Umsatz von knapp 315 Millionen Dollar das beste Ergebnis seit der heißen Kunstmarktphase im Mai 1990 einfuhr. Tobias Meyer, der beide Versteigerungen vom Auktionspult aus leitete, sprach von einem „außergewöhnlichen Hunger nach Kunst“. Der legendäre Name Whitney verhalf Picassos Meisterwerk „Garçon à la pipe“ aus der Rosa Periode von 1905 zum teuersten Kunstwerk der Welt. Der Zuschlag kam bei 93 Millionen Dollar zustande und mit dem Aufgeld muss der anonyme Käufer über 104 Millionen Dollar hinblättern. Aber auch über den spektakulären Picasso-Verkauf hinaus gibt es von beiden Tagen Rekorde zu vermelden.
Die Auktion mit Werken aus der Greentree Foundation, die die Sammlung von John Hay Whitney und seiner Frau Betsy übereignet bekam, brachte noch weitere vier Rekorde hervor. Das Bild „The Red Prince Mare“ des beliebten britischen Pferdemalers Sir Alfred James Munnings von 1921 kam auf 7 Millionen Dollar (Taxe 4 bis 6 Millionen USD). Die Stute Rosemary ritt damit dem bisher besten Ergebnis für Munnings von 3,9 Millionen Dollar um einiges davon. Auch Jean Frédéric Bazilles vorimpressionistische, dekorative „Pots de Fleurs“ von 1866 konnten mit 4,75 Millionen Dollar den bisherigen Rekord von 650.000 Pfund, erzielt im Juni 1988 bei Christie’s in London, um einiges überbieten (Taxe 4 bis 6 Millionen USD). Und William Blakes Monotypie „The good and evil angels struggling for possession of a child“, die der Brite um 1800 mit Bleistift, schwarzer Tusche, Aquarell und Gouache überarbeitet hat, verzehnfachte mit dem Zuschlag von 3,5 Millionen Dollar nominal den Spitzenpreis, der im April 1998 für ein Skizzenbuch bei Sotheby’s in London mit 195.000 Pfund zustande kam.
Der fünfte Rekordhalter im Bunde wurde Raoul Dufy. Sein trotz verhangenem Wolkenhimmel heiteres „Fête à Sainte-Adresse“ von 1906 hoben die kauffreudigen Sammler auf 2,8 Millionen Dollar und damit - wenn auch nur knapp - über den bisherigen Rekordwert, der im März 1990 bei Guy Loudmer in Paris mit 14 Millionen Franc aufgestellt wurde. Für einen ersten Platz im Auktionsranking von Edouard Manet reichte sein „Les Courses au Bois de Boulogne“ von 1872 nicht ganz hin. Das Pferderennen samt illustrer Gästeschar verfehlte die Aufholjagd mit dem Zuschlag von 23,5 Millionen Dollar nur um 500.000 Dollar und wurde damit zweitplatziertes Werk des Abends und des Manet-Rankings. Von den 34 Losen der Greentree Foundation blieben nur zwei unverkauft. Insgesamt kamen am 5. Mai knapp 190 Millionen Dollar zusammen und damit mehr als die erwarteten 157,6 Millionen Dollar. Die Greentree Foundation wird’s freuen. Kann sie doch abzüglich der Vermittlungsgebühr von Sotheby’s einen satten Batzen Geld für ihren Stiftungszweck verbuchen, Frieden und internationale Zusammenarbeit zu fördern.
Auch die reguläre Abendversteigerung mit Werken des Impressionismus und der Moderne am 6. Mai verlief für Sotheby’s mehr als erfreulich. Von den 52 Positionen des Katalogs wechselten 42 den Besitzer, was einer Quote von 80 Prozent entspricht. Und mit einem Umsatz von 96 Millionen Dollar fuhr man 92 Prozent der Schätzpreissumme ein. Verdrängte Picassos “Jüngling mit der Pfeife” Vincent van Goghs “Portrait Dr. Gachet“ vom ersten Platz auf der Hitliste der teuersten Kunstwerke, konnte hier der Impressionismus mit Claude Monet wieder Boden wettmachen. Denn Monets auf 9 bis 12 Millionen Dollar taxierte Farbstimmung „Le Bassin aux Nymphéas“ überholte mit einem Zuschlag von 15 Millionen Dollar den erwarteten Spitzenreiter, Picassos Gemälde „Le Sauvetage“ von 1932, der nur 13,2 Millionen Dollar einbrachte (Taxe 10 bis 15 Millionen USD).
Dafür revanchierte sich Picasso stante pete mit „Nu Accroupi”, einem kraftvollen, späten Akt aus dem Jahr 1959, der mit 10,5 Millionen Dollar den dritten Platz belegte (Taxe 3 bis 4 Millionen USD). Einen Auktionsrekord gab es auch hier, auch wenn er die Erwartungen von 4 bis 6 Millionen Dollar nicht ganz erfüllte: Balthus rätselhaftes Gemälde „Golden Afternoon“ mit dem für die 1950er Jahre typischen Motiv des schlafenden Mädchens kam auf 3,4 Millionen Dollar und überbot damit knapp die 1,8 Millionen Pfund, die erst in diesem Februar bei Sotheby’s in London für seine „Nu aux bras leves“ bewilligt wurden. |