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Großer Auftritt zweier Protagonisten der Moderne

Arp und Schwitters kehren nach Basel zurück



Kurt Schwitters, Merzbild 46 A. Das Kegelbild, 1921

Kurt Schwitters, Merzbild 46 A. Das Kegelbild, 1921

Abgesehen von engen kunsthistorisch-inhaltlichen Korrespondenzen eint Hans Arp und Kurt Schwitters die Verbundenheit mit der Schweiz, insbesondere mit Basel. Vornehmlich Arp kehrte immer wieder in die Stadt am Rhein zurück, in der er viele Kontakte und ein Atelier unterhielt. 1966 verstarb er auch hier. Zwei sich ergänzende große Ausstellungen in renommierten Baseler Ausstellungshäusern präsentieren das Werk der bedeutenden Dadaisten erstmalig im Dialog. Allein dies lohnt schon einen Besuch. Keineswegs mit erschlagender Materialfülle konzipiert, lebendig und unterschiedlich zugleich strukturiert, sind beide Präsentationen genauso eigenständig und lebendig wie das Œuvre der beiden Künstler.



Hans (Jean) Arp, 1886 in Strassburg geboren und zweisprachig aufgewachsen, sieht 1911 bei Kandinsky die ersten abstrakten Bilder. Nach einer Ausstellungsbeteiligung in der Berliner Avantgardegalerie „Der Sturm“ im Jahr 1913 zieht er mit dem Kriegsbeginn nach Paris. Bei Picasso betrachtet er kubistische Gemälde, Collagen und „Konstruktionen“ mit gebrauchtem Material. Als Deutscher nach Kriegsende zwangsläufig zum Verlassen Frankreichs verdammt, avanciert Arp in der Schweiz zum Mitbegründer der Züricher dadaistischen Bewegung. Mit Sophie Taeuber, die er 1926 ehelicht, wird an streng geometrischen Klebebildern gearbeitet, Kompositionen, die vom Zufall bestimmt sind.

Der 1887 in Hannover geborene Kurt Schwitters orientiert sich nach seinem Studium in Dresden am Expressionismus und der abstrakten Malerei. Auch er stellt erstmals in der Galerie „Der Sturm“ aus, allerdings erst 1918, fünf Jahre nach Arp. Arp und Schwitters sehen sich erstmals 1918 anlässlich der Gründung der Berliner Dada-Gruppe. Zwischen beiden entwickeln sich eine Freundschaft und ein reger Ideeaustausch, der erst mit Schwitters Tod 1948 endet. Arp bringt ihm die Collagetechnik bei. 1919 fügt Schwitters Bilder aus Abfällen, Fragmenten, Bild- und Textilflecken zusammen. Die ersten großen Materialbilder, die sogenannten Assemblagen, entstehen. Aus dem Wort Kommerzbank schneidet er im selben Jahr die Silbe „MERZ“ aus. Fortan steht jener Begriff für Schwitters umfassendes Kunstkonzept und seine zahlreichen Aktivitäten als Gestalter, Verleger, Dichter und Werbefachmann. Arp und Schwitters treten seit 1922 gemeinsam in Dada-Veranstaltungen auf. 1923 arbeiten sie zusammen an Treibholzreliefs.

Die vielfältigen Wechselbeziehungen, aber auch die genialen Eigenständigkeiten im Werk der beiden offenbaren sich am besten in zwei rechteckigen Holzreliefs. Arps Collage „Konstellation nach den Gesetzen des Zufalls geordnet“ von 1929 zeigt flache, weiße und graue, amorphe, nahezu runde Strukturen, die wie Wolken auf schwarzgrau gestreiftem Grund schwimmen. Schon 1921 schuf Schwitters die Assemblage „Merzbild 46 A. Das Kegelbild“. Bunte Bauklötze, Kegel oder Garnrollen bilden ein formal wie farblich spannendes Ensemble. Anhand von Einzelbildern und Werkgruppen von Collagen und Merzbildern aus den Jahren 1918 bis 1925 über konstruktivistischen Arbeiten zwischen 1923 bis 1930 sowie Materialbildern und Skulpturen der 1930er Jahre und 1940er Jahre wird Schwitters Weg im Baseler Kunstmuseum erlebbar nachgezeichnet. Parallelisiert mit Arps Reliefplastiken der 1920er und Skulpturen der 1930er Jahre bis hin zu Plastiken, Zeichnungen, Bildern, Collagen der Nachkriegszeit stehen die rund 150 teils noch nie öffentlich gezeigten Exponate erstmals im direkten Dialog.

Als Folge der zerstörerischen Energie der industrialisierten, kriegerischen Welt der zerbrechlichen Ordnungen entfalten sich in den 1920er Jahren vielseitige künstlerische Bewegungen. Die Synergien der Freundschaft zwischen Arp und Schwitters bereichern sie durch ein bedeutendes, die Zeittendenzen reflektierendes Schaffen. Es vibriert zwischen Dadaismus, Surrealismus, Konstruktivismus und Bauhaus, reicht von reiner über gesellschaftskritischer bis hin zu angewandter Kunst. Die Verbindung von Kunst und Architektur gipfelt bei Schwitters im 1923 begonnenen Merz-Bau. Der über zehn Jahre im eigenen Hannoveraner Haus geschaffene, grottenähnliche Raum wurde 1943 durch Kriegseinwirkung zerstört und anhand von Originalfotos rekonstruiert. Die originalgetreue begehbare Replik steht im Mittelpunkt der Schau im Museum Tinguely.

Drumherum gruppieren sich 150 Leihgaben aus internationalen, teils privaten Sammlungen. Texte, Reliefs, Collagen, Plastiken, Zeichnungen aus der gesamten Schaffenszeit des Künstlers verdeutlichen sein Bestreben, aus Bruchstücken einer zerstörten Welt und Alltagsmaterialien eine neue Bildschönheit zu formen. Mit seiner pogrammatischen Idee eines alle Lebens- und Kunstbereiche umfassenden Gesamtbildes ist Schwitters Werk vorbildhaft für viele Künstler der Nachkriegsjahre, darunter auch Jean Tinguely. Fast scheint es, als resultieren Tinguelys bewegende Gesamtkunstwerke nebenan unmittelbar aus Schwitters Werkschaffen. Die herausragende Stellung von Arp und Schwitters wird in dem kreativen Ausstellungskonzept zur Lesbarkeit verholfen, die nicht nur auf der Kongruenz der Werke beider Künstler untereinander, sondern auch jener mit den ständigen Sammlungen beider Häuser basiert.

Arp beschäftigt die Frage, wie die bestimmende Künstlerhand zugunsten von Natürlichkeit und Zufall zurückgenommen werden kann. Trotz aller Skepsis gegenüber diesen Kräften sowie der Moderne allgemein schuf er ein hochaktuelles, individuelles Werk, das bis heute als wichtiger Vorläufer der Kunst nach 1960 angesehen wird. Auch Schwitters entwickelt ein offenes Spiel von Formen und Bedeutungen, in dem er Zivilisationsabfälle der Kommerz beherrschten Welt verarbeitet. In einem schöpferischen Verwandlungsprozess erfahren sie andere, neue Funktionen. Beide Künstler setzten sich mit Narrheiten, Spielen, und Zufällen über Ideologien und ästhetische Grenzen hinweg. Ihr Werk nähert sich den Dingen an und definiert so die Kunst der Moderne kritisch neu. Dies macht sie zu Schlüsselfiguren des 20. Jahrhunderts.

Die Ausstellungen „Kurt Schwitters. MERZ - ein Gesamtweltbild“ im Museum Tinguely und „Schwitters Arp“ im Kunstmuseum Basel sind noch bis zum 22. August zu besichtigen. Zu beiden Ausstellungen sind reich illustrierte Kataloge erschienen. Das Kunstmuseum Basel ist täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs bis 19 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 15 Franken, ermäßigt 13 Franken. Das Museum Tinguely öffnet täglich außer montags von 11 bis 19 Uhr. Der Eintritt beträgt 10 Franken, ermäßigt 7 Franken.

Museum Tinguely
Paul-Sacher-Anlage 1
CH-4058 Basel

Telefon: +41 (0)61 – 681 93 20
Telefax: +41 (0)61 – 681 93 21

Kontakt:

Kunstmuseum Basel | Hauptbau

St. Alban Graben 16

CH-4051 Basel

Telefax:+41 (061) 206 62 52

Telefon:+41 (061) 206 62 62

E-Mail: info@kunstmuseumbasel.ch

Startseite: www.kunstmuseumbasel.ch



29.07.2004

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Hans-Peter Schwanke

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