 |  | Tamara de Lempicka, Porträt Mrs. M., 1932 | |
In Museen sucht man Bilder von Tamara de Lempicka nahezu vergebens. Ausstellungen ihrer Werke müssen aufwendig mit Leihgaben aus Privatbesitz bestritten werden, in dessen Obhut sich 95 Prozent aller Arbeiten befinden. Größter Leihgeber der 60 Exponate starken Schau im Wiener Bank Austria Kunstforum ist Modezar Wolfgang Joop, der acht von zehn in seinem Besitz befindlichen Stücke Lempickas beisteuert. Gleichzeitig erfreuen sich die Gemälde der Künstlerin außerordentlicher Popularität und erzielen auf Auktionen Millionensummen. Wie passt dies alles zusammen?
Schon die ersten Einblicke lassen sowohl anziehende als auch distanzierende Gefühle entstehen. In gegenständlicher Dekorativität inszeniert Tamara de Lempicka, die 1889 als Tochter wohlhabender Eltern in Warschau geboren wurde und im russischen St. Petersburg aufwuchs, eine provokative Erotik inszeniert. Dem Betrachter bieten sich viele Akte von glatter Nacktheit, daneben ähnlich klar umrissene Porträts sowie wenige Stillleben. Die phallische Calla, Lempickas Lieblingsblume, taucht ebenso immer wieder auf wie der geknickte kleine Finger als Motiv der Lesbenbewegung.
Das Highlight der Schau ist das „Autoporträt“ aus dem Jahr 1929. Seit 1930 in Privatbesitz und nur äußerst selten öffentlich gezeigt, war es auf der ersten Ausstellungsstation in London auch nicht zu sehen. In Wien hat man das seltene Glück, das Selbstporträt der im grünen Bugatti sitzenden Künstlerin zu bestaunen, das eigentlich als Vorlage für ein Cover der Berliner illustrierten Modezeitschrift „Die Dame“ entstand. Für sie lieferte de Lempicka zwischen 1927 bis 1930 Titelblattentwürfe. In der Realität allerdings fuhr die Malerin lediglich einen kleinen gelben Renault. Inspiriert vom Kubismus, der futuristischen Bewegung und altmeisterlicher Malerei baut sie aus strahlenden Edelsteinfarben und klaren Konturen voluminöse Akte und Porträts auf. Seit der Pariser Weltausstellung 1925 wurde der schnittige und stromlinienförmige „Style moderne“ zur beherrschenden Tendenz. Elegant, außerordentlich dekorativ bietet sich eine neusachliche Idealwelt in perfekter Umgebung, die in einer Formensprache verschmilzt.
In „La Belle Rafaela in Grün“, einem weiteren, 1927 entstandenen Meisterwerk, verarbeitet Lempicka das zu den gängigen Bildformeln der klassischen Malerei gehörende Motiv der liegenden Venus. Die schwellenden Arme und Beine der frühen Akte werden im Verlauf der 1920er Jahre immer schlanker und mondäner. Wie kalte Schaufensterpuppen mit den typisch narzisstischen Gesten und Posen, ein in der damaligen Zeit vielfach von Künstlern aufgegriffenes Motiv, gestaltet Lempicka ihre Figuren immer schnittiger und eindringlicher. Die plakativen Gestalten halten auf Distanz und sind doch immer von enormer Präsenz. Die stählerne kühle Eleganz erzielt sie mittels einer perfekten glatten Oberfläche, die keinen Pinselstrich auf den giftig grünen, verwässerten blauen, schwarzen oder weißen Farbfeldern offenbart.
Dabei verfügt Tamara de Lempicka über den Körper als Architektur aus weitgehend selbständigen Formen. Trotz Anlehnung an hypertrophe Körpermodellierungen der Renaissance und des Manierismus erreicht sie es, den Körper zum ornamental-formalen Gebilde zu formen, ohne seine sinnliche Faszination aufzugeben. Ihre Bilder baut sie so auf, dass jedes Arrangement, jeder Schattenwurf, jede gekünstelte Stellung auf einen bestimmten Ausdruck hin abgestimmt und überzeichnet ist. Alles ist auf eine große Wirkung hin manipuliert. Die spannungsgeladene Atmosphäre der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, die neue Körperpräsenz in der Malerei jener Zeit sowie das beliebte Motiv der selbstbewussten, perfekten Frau spiegelt sich in ihren Bildern.
So exzentrisch wie ihre Kunst war auch der Lebensstil der Art Déco-Mondänen. Noch in St. Petersburg nimmt sie ab 1913 Malunterricht. 1916 ehelicht sie den erfolgreichen Anwalt Tadeuz Lempicki. 1918 muss sie revolutionsbedingt nach Paris fliehen. Hier beginnt sie zu malen, um ihren ausschweifenden Lebensstil im internationalen Jetset zu finanzieren. Zugleich gelingt es ihr, sich als Porträtisten der Schönen und Reichen zu etablieren. Die Salonlöwin sonnt sich in deren Gunst, was ihren Ruf aber auch nachhaltig schädigt. Zur selben Zeit verhelfen ihr große Ausstellungen, insbesondere bei Mailänder Kunsthändlern, zum Durchbruch. Bereits als 28jährige ist sie stolz, ihre erste Million gemacht zu haben. 1927 soll sie Gabriele d’Annunzio porträtieren, flüchtet aber eines Morgens, um den Nachstellungen des bejahrten „commendatore“ zu entkommen.
Die vielen Liebesaffären mit beiderlei Geschlechtern führen zur Trennung von ihrem Ehemann. 1933 heiratet die Femme Fatale des Art Déco den vermögenden Baron Raoul Kuffner, der ihr in der Wirtschaftskrise materiellen Wohlstand sichert. Ab Mitte der 1930er Jahre gerät Lempicka in eine Schaffenskrise. Aus der Abkehr vom Glamour erwachsen neue, oft religiöse Motive. Als sie 1939 nach Amerika emigriert, gerät sie in Vergessenheit. Auch die neuen abstrakten Bilder, die sie in der Hochphase des abstrakten Expressionismus zu Beginn der 1950er Jahre malt, werden kein Erfolg. Doch die Experimente jener Zeit sind schon nicht mehr Thema dieser Ausstellung. Sie konzentriert sich auf die Epoche des Art Déco der 20er und 30er Jahre, in der die überzeugendsten ihrer rund 500 Bilder entstanden.
Die Kunstgeschichte siedelt die Kunst Tamara de Lempickas zwischen Moderne und Postkartenrealismus an. Sie positioniert sich nicht in der Avantgarde, sondern verlässt sich auf die schillernde Zwischenwelt von Adel und Aufsteigern. Dies wurde ihr ebenso zum Verhängnis wie das schillernde Privatleben, das zeitweise mehr interessiert als ihr künstlerisches Schaffen. Die Kommerzialisierung ihrer Malerei, die dominierende Gegenständlichkeit, die plakativen Gesten und omnipräsente Erotik auf einer Gratwanderung zwischen Kunst und Mode, Inszenierung und Ausdruck, Dekadenz und ästhetischen Ansprüchen beinhalten keine bedingungslose Erneuerung der Bildmittel, wie sie die Avantgarde abverlangt. Andererseits fängt Lempicka mit ihren klinisch sauberen, versteinerten Figurationen samt kostbaren Accessoires und kitschig-verzückten Gesten den Life Style und das Flair des Art Déco auf unverwechselbare Weise ein. Dies verhalf ihr mit der Wiederentdeckung des Art Déco in den 1970er Jahren zu einem Revival. Heute faszinieren die wieder aktuelle Präzision ihrer Technik und die Lesbarkeit der Bildsprache.
Zurückgezogen in den mexikanischen Ferienort Cuernavaca verstarb die „stahläugige Göttin des Automobil-Zeitalters“ – wie die New York Times sie nannte – im Jahr 1980. „Ich war die erste Frau, die klar und sauber malte - und darauf gründete sich mein Erfolg“, meinte die Diva mit den außergewöhnlichen wie unverwechselbaren Werken an ihrem Lebensabend. Gemäß ihrem letzten Willen wurde ihre Asche über dem Vulkan Popocatepetl ausgestreut.
Die Ausstellung „Tamara de Lempicka. Femme Fatale des Art Déco“ ist bis zum 2. Januar 2005 im BA-CA Kunstforum zu Wien zu besichtigen. Geöffnet ist täglich von 10 bis 19, freitags bis 21 Uhr. Der Eintritt beträgt 8,70, ermäßigt 7,30 Euro. Der Katalog zur Ausstellung kostet an der Ausstellungsklasse 29 Euro. Genauso wie Lempickas Kunst erzählt der Film der 20er und 30er Jahre von Modernität, Luxus, Schönheit, Individualismus und sexueller Befreiung. Unter der Überschrift „Verkaufte Träume: Stars und Studios des Art Déco“ widmet sich das Filmprogramm im Kunstforum vom 29. Oktober bis zum 11. Dezember diesen Parallelen.
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