 |  | Arbeiten von Anselm Reyle | |
Kunst, so könnte man nach dem Besuch internationaler Großausstellungen wie der Kasseler Documenta oder der Berlin Biennale vermuten, kann grundsätzlich alles sein. Losgelöst von traditionellen Ausdrucksweisen wie Malerei oder Bildhauerei, hat sich in der jüngsten Vergangenheit nämlich ein Kunstbegriff entwickelt, der auch das Betreiben einer Fahrradwerkstatt für arbeitslose Jugendliche, den notariell beglaubigten Kauf eines Grundstücks oder die Betreuung eines Schrebergartenprojekts für Einwandererfamilien als künstlerische Praxis durchgehen lässt. Auf den Inhalt kommt es an, weniger jedoch auf die formale Umsetzungsqualität.
Seit kurzem jedoch sehen sich - quasi als Gegenpol zu einem derart verstanden „Inhaltismus“ - die Vertreter eines eher traditionellen Werkbegriffs wieder auf dem Vormarsch. Gerade in Deutschland boomt die Malerei. Und „sinnliche“, durchaus auch handwerklich gut gemachte Kunst ist wieder gefragt und wird unisono vom Feuilleton gefeiert. Ein Trend, der wiederum die Befürworter einer gesellschaftskritischen und inhaltlich bestimmten Kunst auf die Barrikaden treibt und die vermeintlich historisch überholte Malerei mit Etiketten wie „reaktionär“ oder „Kunstmarktkunst“ belegen lässt. Der Kunstbetrieb scheint in zwei Lager gespalten.
Mit der ironisch betitelten Ausstellung „Formalismus. Moderne Kunst, heute“ wagt jetzt der Kunstverein in Hamburg den schwierigen Spagat, Kunst zu zeigen, die gewissermaßen beide Lager wieder versöhnen könnte. Die international besetzte Gruppenausstellung zeigt 24 Künstler, überwiegend zwischen dem Ende der 1960er und dem Anfang der 1970er Jahre geboren, die Form und Inhalt nicht als sich gegenseitig ausschließende Pole betrachten, sondern in ihren Arbeiten den Dialog wagen und die wechselseitige Befruchtung zulassen. Statt schier endloser Texttafeln mit soziologischen oder urbanistischen Thesen oder anderer pseudowissenschaftlicher Präsentationsweisen überwiegt in der Hamburger Ausstellung das spezifisch künstlerische Element, der den Alltag und die Kunst gleichermaßen beobachtende und auf den Prüfstand stellende, vielleicht etwas schräge, andere Blick.
Das, was dem über Generationen hinweg unantastbaren Kanon der Moderne zugeschlagen wurde, wie etwa die experimentierfreudigen Möbelentwürfe Arne Jacobsens oder Charles und Ray Eames’ wird von Künstlern wie dem Schotten Martin Boyce mit gnadenloser Radikalität umgeformt und ästhetisch „verunreinigt“. So zertrümmerte Boyce etwa die als Designikonen gefeierten und industriell hergestellten Ameisen-Stapelstühle Arne Jacobsens. Er lackierte die unterschiedlich geformten, ramponierten Fragmente farbig und schuf daraus ein ironisch verunstaltetes Mobile im Stil der eleganten Vorbilder Alexander Calders. Der Berliner Anselm Reyle wiederum wendet sich persiflierend den Ikonen der Minimal Art wie Donald Judd oder Larry Bell zu und präsentiert einen braunen Kubus auf einem Plexiglassockel, aus dessen Inneren es sublim Türkis leuchtet.
Helen Mirra nimmt sich hart an der Schwelle zur Travestie nahezu fürsorglich dem Markenzeichen Carl Andres, nämlich der industriell vorgefertigten Eisenbahnschwelle, an und verpackt diese in maßgeschneiderte Wollfutterale. Jonathan Monk wiederum übersetzt Sol LeWitts berühmtes Fotoprojekt „The Cube“ von 1988, das 511 unterschiedlich ausgeleuchtete Ansichten eines Kubus zeigt, in einen Super-8-Animationsfilm. Und Carol Bove, die sich in ihrem Werk kritisch mit der Hippie-Attitüde ihres Elternhauses und der kalifornischen 68er Generation auseinandersetzt, schichtet abgegriffene Exemplare des vor 30 Jahren populären New-Age-Lebensratgebers „The Prophet“ von Kahlil Gibran zu einem Turm auf.
Gemeinsam ist all diesen Arbeiten der oft freche, aber auch geistreiche Umgang mit den Protagonisten des Minimalismus und der Konzeptkunst, die in den 1960er Jahren angetreten waren, jegliche persönliche Handschrift des Künstlers aus dem Werk zu tilgen. Frank Stellas Satz „What you see is what you see“ war programmatisch für eine Haltung, die mit den Mitteln der Serialität und Repetition versuchte, der Kunst ihre „Artiness“, ihre subjektivistische Künstlichkeit auszutreiben. Eigentlich eine trotzige, gegen die Vorlieben des Establishments gerichtete Geste. Doch paradoxerweise wurde gerade die abgezirkelte Klarheit und kompromisslose Direktheit der Minimalisten sehr bald vom Mainstream vereinnahmt: Internationale Großkonzerne integrierten sie in ihre Corporate Culture, Möbeldesigner, Architekten oder Werbegrafiker ließen sich von ihr inspirieren. Ihr kritisches Potenzial wurde dabei entleert.
Die 24 Künstler der Hamburger Formalismus-Ausstellung zitieren das als abgesichert geltende Repertoire ihrer Elterngeneration und stellen es auf den ästhetischen Prüfstand. Sie nutzen das elegant-perfekte Überwältigungspotenzial eines längst etablierten, modernen Formenkanons, ohne jedoch auf die Hinzufügung einer inhaltlichen Ebene zu verzichten. Dennoch: Die formale Umsetzung steht im Vordergrund, der Gedanke dahinter erschließt sich dem Betrachter nicht unbedingt sofort.
Die Ausstellung „Formalismus. Moderne Kunst, heute“ ist bis zum 9. Januar 2005 zu sehen. Der Kunstverein in Hamburg hat Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr, donnerstags zusätzlich bis 21 Uhr geöffnet. Ein Katalog erscheint im Anschluss an die Ausstellung.
|