 |  | Außenansicht Lingotto Fiere | |
Plötzlich dieser Überblick. Wer in diesem Jahr auf Kunstmessen wie der Art Basel, dem Berliner Art Forum oder zuletzt der Art Cologne unterwegs war, sah sich mit einer schier nicht zu bewältigenden Anzahl von Galerien konfrontiert und musste sich im Labyrinth unübersichtlicher Hallenpläne mühsam seinen Weg bahnen. Auf der jungen Turiner Kunstmesse Artissima, die am vergangenen Wochenende zum elften Mal stattfand, fällt die Orientierung leichter. Wenn etwa eine New Yorker Galeristin wie Lea Freid verkündet „You’ll find me in the pink section“, dann weiß man, dass man nur den Gang mit dem rosa Teppichboden entlang gehen muss, um zu ihrem Stand zu kommen. Rot, gelb, blau und so weiter, jeder Gang hat seine eigene Farbe.
Und zwischen den wie überall engen Kojen sorgen unter dem neuen Label „Constellations“ 15 großzügige Einzelpräsentationen für pures Kunstvergnügen und Erholung. Es gab eine „Art Lovers Lounge“, in der namhafte internationale Sammler wie der Hamburger Harald Falckenberg über ihre Leidenschaften und Sammelstrategien plauderten. Und im hochkarätigen Begleitprogramm konnte man sich einen ersten Eindruck von María de Corral und Rosa Martínez, der neuen spanischen Frauenpower-Doppelspitze der Biennale Venedig, verschaffen. Einen Espresso für die kleine Stärkung zwischendurch gibt es in Turin sowieso an jeder Ecke.
Kurzum, die Artissima, die in diesem Jahr 160 Galerien aus 21 Ländern – Italien 82, Frankreich 12, Deutschland 9, USA und Großbritannien jeweils 7 Galerien - versammelte und 30.000 Besucher anlockte, ist weitaus weniger anstrengend als vergleichbare Messen andernorts. Doch sie steht am Ende des europäischen Kunstmessejahres, und so waren doch vielen Marktteilnehmern ernste Symptome von Kräfteverfall und Übermüdung ins Gesicht geschrieben. „Die Galeristen sind müde, aber zufrieden“, resümierte denn auch Messeleiter Roberto Casiraghi. Stehen im Winter 2006 die Olympischen Spiele, so strebten die Turiner jetzt wohl eher neue Rekorde im kommunalen Kunstsammeln an.
Zufriedenheit dürfte sich angesichts bedeutender institutioneller Ankaufsprogramme der Region Piemont und diverser Stiftungen zur Unterstützung der Turiner Museen breit gemacht haben. So konnte die Galerie Lia Rumma aus Neapel Anselm Kiefers 1996 entstandenes, materialgesättigtes Monumentalwerk „Cette clarté obscure qui tombe des étoiles“ für mehrere hunderttausend Euro (der genaue Preis wurde nicht verraten) an die Region Piemont verkaufen. Enzo Ghigo, der Präsident der Region, will offenbar als erster den Zugang zum Mythos finden und hat es sich als Büroschmuck ausgesucht. Irgendwann einmal soll es dann im Castello di Rivoli der Öffentlichkeit präsentiert werden.
Und auch Hauser & Wirth aus Zürich und London, die mit einer aus 39 asynchron vor sich hintickenden Metronomen bestehenden Installation von Martin Creed (75.000 USD) und der Videoarbeit „Sailor’s Meat, Sailor’s Delight“ von Paul McCarthy aus dem Jahr 1975 (25.000 USD) angereist waren, waren am vergangenen Sonntag, dem Abschlusstag der Messe, ausverkauft. Ebenfalls profitieren vom groß angelegten kommunalen Ankaufsprogramm konnte Markus Richter aus Berlin, der Peter Welz’ in Kooperation mit William Forsythe entstandenes Tanzvideo „Whenever on on on nohow on| airdrawing“ (12.500 EUR) an das Turiner Museum Galleria d’Arte Moderna verkaufen konnte.
In den städtischen Museen bleiben ebenfalls bedeutende Arbeiten etwa von Vito Acconci, Tracey Emin, Annika Larsson, Thomas Ruff oder John Bock. Die Stadt Turin versucht offenbar alles, um ihrem neuen Image als Kunststadt gerecht zu werden. Das Engagement, mit dem hier von institutionellen Adressen Kunst gekauft wird, kann man aus deutscher Sicht nur mit neidvoller Bewunderung zur Kenntnis nehmen. Auch die vitale heimische Galerienszene war auf der Messe gut vertreten. Franco Noero etwa verkaufte eine der schneewittchensargartigen Trash-Skulpturen des New Yorkers Tom Burr (13.000 EUR). Ein unikates „Hummelflugvideo“ Henrik Håkanssons war für 20.000 Euro noch zu haben. Oder Giorgio Persano, der seit Jahrzehnten Arte Povera-Künstler vertritt und für die Messe eine Performance-Installationen von Pier Paolo Calzolari aus den 1970er Jahren rekonstruierte (40.000 bis 45.000 EUR, Ed. 15).
Absolute Klassiker der italienischen Nachkriegskunst, wie etwa geschlitzte Leinwände oder eingefurchte Bronzeobjekte Lucio Fontanas (240.000 bis 450.000 Euro) oder Mimmo Rotellas Décollagen (25.000 Euro), gab es bei Mazzoleni aus Turin. Doch abgesehen von derart musealer Ware bietet die Artissima in erster Linie dem auf jüngere Kunst spezialisierten Privatsammler viele Kaufgelegenheiten. Der Berliner Galerie Jette Rudolph gelang es, zwei große Graffiti-Gemälde der erst 28jährigen Lea Asja Pagenkemper nach Hamburg an die Sammlung Falckenberg und an eine Privatsammlung in Istanbul zu verkaufen. Außerdem im Angebot waren Arbeiten Marcus Sendlingers, der seine abstrakten Patterngemälde mit dem Formenvokabular von Autodekorationsaufklebern der 1980er Jahre auflädt (8.000 Euro). Große Aufmerksamkeit war auch dem 1977 geborenen Kanadier Paul P. am Stand von Lisa Ruyter aus Wien zuteil. Gleich eine doppelte Premiere: Für die erfolgreiche New Yorker Malerin, die seit kurzem auch Galeristin in Wien ist, war Turin die erste Messeteilnahme. Und die altmeisterlich-romantischen Porträtzeichnungen in Kreuzschraffur aus der Serie „In the Shadow of Young Girls in Bloom“ von Paul P. waren eine echte Entdeckung und bisher noch nie in Europa zu sehen(4.000 bis 4.500 USD).
Kamel Mennour aus Paris präsentiert mit dem 1965 in Peru geborenen Jota Castro einen Künstler, der sich zugleich als politischer Aktivist versteht. Seine installative Wandarbeit „Breaking Ikons“ von 2004, die Porträts von Geistesgrößen wie Freud und Sartre, politischen Führern wie Gaddafi und Arafat und Revolutionären wie Castro oder Che Guevara in zersplitterten Bilderrahmen zeigt, wurde für 10.000 Euro verkauft. Ebenfalls politisch brisant Kader Attias Projektion auf das Jahr 2089. In einer Kühlvitrine präsentiert er Haarteile, die die Merkmale des Tschador mit denen der bei jüdisch-orthodoxen Frauen vorgeschrieben Echthaarperücken in sich vereinen (12.000 Euro). Judentum und Islam in scheinbar perfekter Ha(a)rmonie.
Am Stand der Berliner Galerie carlier|gebauer findet sich eine seltene Kombination Thomas Schüttes. Eine frühe, großformatige Zeichnung aus dem Jahr 1986 wird mit sieben schwarzen Keramikvasen kombiniert (130.000 EUR). Eine Weltpremiere am Stand von Modern Culture, New York: Hier werden zum ersten Mal im Kunstkontext Roberta Bayleys Backstage- und Konzertfotos der legendären Blondie-Sängerin Deborah Harry gezeigt. Die Fotografin war eng mit der Band befreundet und veröffentlichte ihre Aufnahmen in den 1970er und 1980er Jahre in Underground-Magazinen (950 bis 1.500 USD, Ed. 15). Intime Privataufnahmen nach dem Motto „All Yesterday’s Parties“ haben schließlich schon Nan Goldin weltberühmt gemacht.
„New York Groove“ heißt es auch in dem Video von Daniel Guzmán am Stand von Lombard-Freid aus New York. Zum 1970er Jahre Sound der New York Dolls tanzt eine gut gelaunte Männergruppe durch Mexico City (8.000 USD, Ed. 3). Außerdem Aufsehen erregend: Das Video „Cosplayers“ der jungen Chinesin Cao Fei, die zur Zeit auf der Shanghai Biennale für Aufmerksamkeit sorgt. Fei zeigt die in chinesischen Metropolen bei Jugendlichen und Erwachsenen zunehmend beliebter werdende Praxis des Nachstellens von Kampfszenen aus Zeichentrickfilmen. Als Comicfiguren verkleidete Büromenschen agieren als Cosplayers im urbanen Raum (8.000 USD, Ed. 6).
Auch wenn viele spektakuläre Verkäufe gelangen, rundum zufrieden waren nicht alle Aussteller. Der mit Messen vollgepackte Kunstherbst sorgt eben doch für gewisse Ermüdungserscheinungen. So sind längst nicht alle eingeladenen Topsammler der Einladung in die piemontesische Hauptstadt gefolgt. Das von vielen Händlern sicherlich sehnlichst erwartete Sammlerpaar Don und Mera Rubell aus Miami zum Beispiel hat erst ganz kurzfristig abgesagt. Dem frischen und internationalen Flair der Messe tat dies jedoch keinen Abbruch.
Nächster Termin: Artissima 12 vom 10. bis 13. November 2005
|