In den offiziellen Verlautbarungen ihrer Machthaber war die DDR die Ausgeburt des Fortschritts. Ein Land der selbstbewussten Arbeiter, der erfindungsreichen Ingenieure und der aufblühenden Plattenbausiedlungen - die Zukunft stets im Visier. Den real existierenden Sozialismus à la Erich Honecker aber einmal so abzubilden, wie ihn die Bürger der DDR im Alltag erlebten, war verpönt, brachte Ärger ein, und wurde mitunter auch verboten. Die Ostberliner Fotografin Helga Paris, die jetzt den mit 10.000 Euro dotierten Hannah-Höch-Preis für ihr Lebenswerk erhalten hat, und zur Zeit mit Ausstellungen im Sprengel Museum Hannover und in der Berlinischen Galerie geehrt wird, musste die Erfahrung staatlicher Einflussnahme und Zensur in den 1980er Jahren machen.
Ihre Serie „Häuser und Gesichter, Halle 1983-85“ zeigte ungeschönt den grauen Alltag in einer verwahrlosten Stadt, deren Fassaden braun geworden waren vom öligen Rauch aus den Schornsteinen der Chemiekombinate. Die Kulissenhaftigkeit einer vermeintlichen Geisterstadt mit bröckelndem Putz, zugemauerten Fenstern und funzeligen Straßenlaternen. Überall ist Leere, dazwischen ab und zu ein Passant, der sich durch die Dunst verhangene Tristesse seinen Weg bahnt, ein paar aufflatternde Tauben oder ein knatterndes Motorrad im Morast einer innerstädtischen Baustelle. Im Hintergrund sieht man den verzweifelten Versuch, das historisch gewachsene Stadtbild mit „moderner“ Plattenbauarchitektur aufzuhübschen. „Ich habe Halle fotografiert wie eine fremde Stadt in einem fremden Land - Versuch, alles, was ich wissen und verstehen könnte, zu vergessen“ beschrieb Helga Paris 1986 ihre Herangehensweise, mit fremden Augen das Eigene zu sehen. Solche Bilder entsprachen natürlich nicht den Propagandazielen des in seiner Eitelkeit gekränkten Staatsapparates. Die bereits aufgebaute Ausstellung wurde im letzten Moment verboten, die Plakate und Kataloge von der SED-Bezirksleitung beschlagnahmt.
Doch neben den urbanen Ansichten einer unwirklichen, entvölkerten, fast schon surrealen Stadt, suchte Helga Paris immer wieder auch nach Menschen und Gesichtern. Wie eine Trophäe hält eine alte Frau selbstbewusst eine große Vogelfeder, die sie beim Spazierengehen gefunden hat, in die Kamera. Ein Punkerpärchen präsentiert sich in skeptischer Abwehrhaltung, und vier Müllmänner posieren fast schon filmreif in cooler Abgeklärtheit vor ihrem betagten Fahrzeug.
1938 wurde die Fotografin Helga Paris in Pommern geboren. Nach der Flucht lässt sich die Familie im Berliner Umland nieder. Im Anschluss an ein Studium der Modegestaltung in Berlin arbeitet sie zunächst als Dozentin für Kostümkunde und als Gebrauchsgrafikerin. 1961 heiratet sie den Maler Ronald Paris, der auch als Bühnenbildner für die Berliner Volksbühne tätig ist. Schon früh bewegt sie sich im Umfeld regimekritisch eingestellter Dissidenten wie Wolf Biermann und Robert Havemann. Mit den Schriftstellerinnen Christa Wolf und Sarah Kirsch pflegt sie enge freundschaftliche Kontakte.
Auch wenn heutige Betrachter geneigt sind, den hoch ästhetischen Schwarz-Weiß-Bildern von Helga Paris durchweg einen subversiven Subtext oder ein primär regimekritisches Anliegen zu unterstellen, ging es der Fotografin doch stets auch um etwas anderes. Jenseits aller dokumentarischen Akribie interessiert sich Helga Paris in erster Linie für das Bildermachen, die Menschen auf ihren Bildern und für die Geschichten und existenziellen Erfahrungen, die sie verkörpern. Ausgehend von den Menschen ihrer unmittelbaren Nachbarschaft am Prenzlauer Berg, fertigt sie 1974 Serien von Berliner Müllfahrern bei der Arbeit und dokumentiert das bunte Treiben in den Eckkneipen ihres Viertels. In der Serie „Frauen im Bekleidungswerk Treff-Modelle“ von 1984 porträtiert sie Arbeiterinnen einer Berliner Textilfabrik.
Auf Helga Paris’ Fotografien begegnen wir nicht etwa nur einer grauen Masse vom Alltag zermürbter DDR-Bürger, sondern den unterschiedlichsten Individuen zwischen Anpassung und Aufbegehren, zwischen kleinem Glück und großer Sehnsucht, den spröden Blicken einsamer und in sich gekehrter Biertrinker und den herausfordernden Gesichtern Ost-Berliner Jugendlicher aus der Punk- und New Wave-Szene. Daneben entstehen Bilder auf Reisen nach Rumänien und Polen, nach Georgien, New York oder Rom.
Obwohl ihre Bilder beeinflusst zu sein scheinen von Fotografen wie August Sander, William Klein oder Garry Winogrand, sind Helga Paris Maler wie Beckmann, Bacon oder Munch viel wichtiger. Deren Charakterstudien von Individuen im Spannungsfeld von Gewalt und Unfreiheit, von persönlicher Autonomie, gesellschaftlichem Anpassungsdruck und quälenden Selbstzweifeln bilden die Grundlage für die respektvolle Neugier und interessierte Unvoreingenommenheit, mit der Helga Paris sich auf ihr jeweiliges Gegenüber einlässt.
Die Ausstellung „Helga Paris – Fotografie“ im Sprengel Museum in Hannover ist noch bis zum 13. Februar täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, dienstags zusätzlich bis 20 Uhr zu sehen. Den 320seitigen Katalog gibt es für 29 Euro. Anschließend wandert die Ausstellung vom 1. März bis 30. April in die Brandenburgischen Kunstsammlungen nach Cottbus. In der Berlinischen Galerie läuft die Schau „Hannah-Höch-Preis 2004: Helga Paris“ noch bis zum 21. Januar. Geöffnet ist dort täglich von 12 bis 20 Uhr, am Sonntag schon von 10 bis 18 Uhr. Der begleitende Katalog kostet 7,80 Euro.
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