 |  | Steven Holl Architects, Oceanic Retreat, Kauai, Hawaii, 2001-2003 | |
Vor gut 20 Jahren, am 1. Juni 1984, wurde das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main eröffnet. Rückblickend erscheint seine Etablierung als genau der richtige Schritt zur richtigen Zeit mit den dafür am besten prädestinierten Persönlichkeiten. Auch hier kam es auf die treibenden Personen an. Der Marburger Kunstgeschichtsprofessor Heinrich Klotz erwies sich als die visionäre, zupackende Kraft, die von einflussreichen Mitstreitern aus der Frankfurter Kultur- und Bauszene unterstützt wurde. Klotz’ zahllose Kontakte zu Architekten und Institutionen in der ganzen Welt halfen ihm dabei ganz wesentlich. Kompetent und versiert verstand es der Spiritus rector, nicht nur eine Sammlung samt fulminantem Ausstellungsbetrieb in einem neu konzipierten Gebäude einzurichten, sondern auch eine breite öffentliche Diskussion über Architektur in der Gesellschaft anzustoßen. Als Vehikel nutzte er eine bewusst provokante Eröffnungsausstellung zur postmodernen Architektur, bei der das gute Aussehen der Bauwerke im Fokus stand. Ohne originäre Beziehung zum Inhalt war das Postmoderne eine visionslose, einfach wie ein Kleid übergestülpte Mode, die sich allerdings hervorragend für zugespitzte, scharfe Architekturstreitereien eignete, denen öffentliches Aufsehen sicher war.
Die nunmehr zum Jubiläum „in memoriam Heinrich Klotz“ ausgerichtete Erinnerungsschau „Die Revision der Postmoderne“ versteht sich als eine „Durchsicht“ und „Überprüfung“ der damals definierten Ansprüche. In Verbindung mit den fortwährenden Erneuerungen und Einflüssen, die auf den seither geführten Debatten fußen, bezieht die Schau auch jüngste Erkenntnisse ein. 19 Ausgewählte Projekte, die bereits in der Eröffnungsausstellung zu sehen waren, sind nach Themengruppen gegliedert und werden mit seitdem realisierten Bauten konfrontiert. Weiterhin stehen 60 Beispiele aus Architektur und Städtebau in über 300 Exponaten und 13 Sektionen zur bewertungsmäßigen Disposition.
Leider wird dem Besucher diese Struktur erst deutlich, wenn er den Katalog zur Hand nimmt. Denn in der Präsentation selber begegnet ihm ein unübersichtlich und unklug angeordnetes Konglomerat an Plänen, Modellen, Architekturteilen ohne roten Faden. Garniert wird die Schau mit großformatigen Gemälden, wie beispielsweise einem Selbstporträt von Salomé aus dem Jahre 1978 sowie Bildern von Martin Kippenberger, Peter Chevallier und Hannsjörg Voth, bei denen man sich nach Korrespondenzen zum Thema fragt. Fast möchte man meinen, das manchmal anmutende Chaos und die schwere Fassbarkeit der Architektur von heute spiegelt sich in der Ausstellung. Und die Kuratoren hätten den Überblick über das Wesentliche verloren.
Nüchternheit befällt den Interessenten an origineller und guter Architektur beim Anlegen qualitativer Belange. Im Abschnitt der Kulturbauten wird der stilbildende Gründerbau des beginnenden Museumsbooms der Postmoderne, Hans Holleins Mönchengladbacher Museum Abteiberg, mit der Typenarchitektur der Kultur- und Kongresszentren von Jean Nouvel in Zürich und Toyo Ito & Associates in Japan konfrontiert. Gleiches im Kapitel der Stadtarchitektur: Hier ist Charles Moors Piazza d’Italia in New Orleans einem völlig belanglosen Geschäftshaus von Kleihues + Kleihues am Leipziger Platz in Berlin gegenübergestellt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, das die Beziehung zu „guten alten Bekannten“ und Proporzgedanken bei der Auswahl des Neuen eine wichtige Rolle gespielt haben.
Neben dem Rückblick gibt es keine echten Ausblicke, geschweige denn einen Ansatz zur qualifizierten Architekturdebatte. Eine derartige Austauschbarkeit und Beliebigkeit, das Fehlen von Ecken und Kanten, keine Positionen zu beziehen, all das wäre Heinrich Klotz sicherlich nie in den Sinn gekommen. Der Mut, einmal anzuecken, aus der Schüchternheit herauszubrechen und jemanden geschickt durch Gegenüberstellungen zur Rede zu stellen, scheint heute den Kuratoren abhanden gekommen zu sein, um mögliche Fürsprecher und Sponsoren nicht zu vergraulen. Schade!
Im obersten Geschoss kommt der Architekt Oswald Mathias Ungers zu Wort, der sich nach einem langjährigen Aufenthalt in den USA mit dem Neubau des Deutschen Architekturmuseums vor 20 Jahren wieder in Deutschland zurückgemeldet hatte. Auch hier wäre die Präsentation von Projekten sinnvoll gewesen, die mit der Konzeption eines Neubaus hinter alten Fassaden in Verbindung stehen, wie es Ungers nach dem Architekturmuseum beispielsweise im Düsseldorfer Kunstmuseum "Kunstpalast Ehrenhof" demonstrierte. Was bleibt, ist der umfangreiche Katalog mit interessanten Beiträgen zur Entwicklung des Architekturmuseums und Biografien, der sich gut als Nachschlagewerk eignet.
Die Ausstellung „Die Revision der Moderne - in memoriam Heinrich Klotz“ ist noch bis zum 5. Februar zu sehen. Geöffnet ist täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr. Der umfangreiche Katalog kostet 34,90 Euro an der Museumskasse. |