 |  | Gerhard Richter, Abstraktes Bild, 2004 | |
„Die abstrakten Bilder sind nicht weniger beliebig als alle gegenständlichen Darstellungen (die auf einem x-beliebigen Motiv beruhen, das Bild werden soll), sie unterscheiden sich nur insofern, als ihr ,Motiv’ erst während des Malens entwickelt wird. Sie setzen also voraus, daß ich nicht weiß, was ich darstellen will, wie ich beginnen sollte, und daß ich nur sehr unklare und stets falsche Vorstellungen von dem zu verbildlichen Motiv habe - daß ich also nur von Ignoranz und Leichtsinn motiviert, anzufangen in der Lage bin.“ Dies notierte der 1932 in Dresden geborene Gerhard Richter im Jahr 1985. Allgemein bekannt sind die unscharfen, durch Verwischen der feuchten Farbe entstandenen Bilder des Malers, denen Fotografien als Vorlage dienten.
Eine retrospektiv angelegte Ausstellung mit rund 110 Gemälden und Skulpturen in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen bietet zur Zeit Einblick in dessen Wechsel zwischen gegenstandslosen und konkreten Bildmotiven. Die Schau wurde seit zwei Jahren vorbereitet und wird danach in veränderter Konstellation in der Münchner Städtischen Galerie im Lenbachhaus, sowie in Japan zu sehen sein. Die Auswahl der Arbeiten stimmte Gerhard Richter in Zusammenarbeit mit dem Museum auf die vorhandenen Räumlichkeiten am Grabbeplatz ab. So folgen auf Landschaften aus dreißig Jahren Farbtafeln und graue Bilder, Fotomalereien und Abstraktionen.
Die Schau beginnt im zweiten Geschoss von K 20 mit einem Spiegel (WVZ 619) aus dem Jahr 1986, der im Foyer des Treppenhauses angebracht ist. Das in seitlich verschraubtes Holz gerahmte Glas des Spiegels reflektiert bildhaft die mit der Renaissance aufkommende Vorstellung des Bildes als Fenster. Jedoch wird der Betrachter durch das reflektierend beschichtete Glas hier zugleich auf sich selbst zurückgeworfen. Betritt der Besucher den ersten Raum der Werkschau, so ist er von den Landschaftsgemälden Richters umgeben, wie dem „Wasserfall“ von 1997, „Chinon“ von 1987 oder der „Landschaft bei Hubbelrath“ von 1969. Das „Seestück“ hängt neben dem Durchgang zur ständigen Sammlung, gibt einen Durchblick auf Pierre Bonnards Bild „Die Terrasse von Vernon“, das um 1928 entstand, und knüpft damit formal an die Landschaftsthematik der Sammlung an.
Auch im folgenden Raum bietet sich ein Durchblick in die ständige Sammlung mit Arbeiten der Surrealisten Magritte, Ernst und Dali. Den Übergang bildet das Bild „Wolkig“ aus dem Jahr 1968, das Schlieren durch ein Raster gliedert und kompositorisch mit dem nebenan hängenden Magritte korrespondiert. Dieses Bild schließt an die „Zehn großen Farbtafeln“ aus den Jahren 1966, 1971 und 1972 an, die zum Museumsbestand zählen. Zu der Entstehung dieser Farbtafeln hatte Richter zu dem Kritiker Benjamin Buchloh gesagt: „Das hing sicher auch mit Palermo und seinen Interessen und später auch mit der Minimalkunst zusammen; aber als ich 1966 die Farbtafeln gemalt habe, hatte das doch eher mit Pop Art zu tun. Es waren ja abgemalte Farbmusterkarten, und der schöne Effekt dieser Farbmuster war, daß sie so gegen die Bemühungen der Neo-Konstruktivisten, Albers etc., gerichtet waren.“ Vermied Richter in den frühen Farbtafeln, wie auch den präsentierten „4096 Farbtafeln“ in Lack auf Leinwand die Pinselspuren, so sind diese in dem kleinformatigen „Abstrakten Bild“ von 1997, in Öl auf Aluminium gemalt, deutlich sichtbar.
Auf die abstrakten Bilder folgen Figurationen und Abstraktionen in überwiegend schwarz-weißer Farbanlage, wie die „Frau mit Kind (Strand)“ von 1965 oder der „Tiger“ aus dem gleichen Jahr. Im folgenden Raum umgeben kleinformatige Bilder, wie das Blumenstillleben „Rosen“ von 1994 oder „Tulpen“, das „Schattenbild“ und „Portrait Kühn“ ein weiteres Glasobjekt. Die „7 stehenden Scheiben“, ebenfalls im Besitz des K20, sind eine Glas-Stahlkonstruktion aus hintereinander gereihten Gläsern. Eine weitere Reflektion des Albertischen Fenster-Bild-Raumes? Auf die Frage zu seinem Interesse an dem Material Glas äußerte Richter in der Pressekonferenz: „Ich kann nicht erklären, warum Glas mich fasziniert...“
Ein weiterer Raum veranschaulicht Richters Aussage „Die Abstrakten Bilder sind nicht weniger beliebig als alle gegenständlichen Darstellungen...“. Hier hängt das sechsfache „Portrait Schmela“ des frühen Förderers des Künstlers von 1964. Neben dem Farbfeldbild in Öl „Zwei Grau übereinander“ trifft man hier auf den „Großen Vorhang“ von 1967: Den Bezug zur konkreten Vorlage erhält dieses aus verwischten senkrechten Streifen komponierte Bild durch den Titel. Der „Große Vorhang“ korrespondiert mit den „Grauschlieren“ von 1968, in dem ein ähnliches Bildgefüge durch in die feuchte Farbe gezogene Schlieren organisch gestört wird. In einem anschließenden Raum sind auch die beiden Künstler Gilbert & George in je einem Portrait verewigt zu sehen. Die Bilder von 1975 wirken durch Farbgebung und Schatten wie eine Reminiszenz an Francis Bacon. Diese Wirkung entsteht durch die mehrfachen Perspektiven, die Fotovorlagen entnommen sind, sowie der Überblendung beider Köpfe des Künstlerpaares in einem Bild.
Von den überwiegend schwarz-weißen Bildern, ob gegenständlich oder nicht, kommt der Besucher im ersten Geschoss des Museums in Räume mit farbigen Abstraktionen. So lautet der Titel einer farbigen Abstraktion aus dem Jahr 1970 auch einfach „ohne Titel (bunt)“. Nach seiner Serie grauer Bilder fing Richter 1976 an, in kleinformatigen Bildern willkürlich Farben und Formen zu setzen. Zur Funktion des Zufalls in seinem Werk äußerte er 1986 in einem Interview mit Benjamin H. D. Buchloh: „Eine ganz wesentliche und das eigentlich schon immer. Manchmal beunruhigte mich das sehr, und ich sah es als persönliches Manko, daß ich so auf den Zufall angewiesen bin."
Diese „Zufallsprodukte“ - „Hässliche Skizzen sind das ... bunt, sentimental, assoziativ, anachronistisch, beliebig, vieldeutig...“ so Richter - fotografierte er, um Abstand zu gewinnen, teilweise auch in Ausschnitten. Nach diesen Aufnahmen entstanden die von Richter „Weiche Abstrakte“ genannten Arbeiten, wie die in der Ausstellung präsentierte „Faust“ von 1980. Mit „Holländische Seeschlacht“ ist ein abstraktes Bild aus dem Jahr 1984 betitelt, bei dem ein grauer Verlauf des Grundes von farbigen Strukturen überlagert wird.
An der hinteren Stirnwand hängt die vierteilige Serie „Silikat“, die als graue, tetraederförmige Struktur Sinnbild für alle Silikate sein soll. Ebenso wie bei den Bildern „Uran (1)“ und „Uran (2)“ von 1989 handelt es sich um die Darstellung von für das menschliche Auge nicht sichtbaren Strukturen. An diese Bilder knüpft auch die im Erdgeschoss präsentierte, 2004 entstandene Arbeit „Strontium“ an, das für den Neubau eines Museums in San Francisco entstand. Die Arbeit besteht aus 130 hinter Plexiglas kaschierten Einzeltafeln, die als digitale Drucke die molekulare Struktur des Strontium vergrößern und eine wissenschaftliche Abbildung als Grundlage einer Allover-Struktur nutzen: „...aber darstellen können wir nur ein Gleichnis, das für das Unsichtbare steht, aber es nicht ist“, so Gerhard Richter bereits 1962.
Der Raum im Erdgeschoss beinhaltet auch großformatigen die „Acht Grau“ aus dem Jahr 2002 - acht hinter Glas gemalte graue Monochromien. Die Gläser sind an Stahlkonstruktion in Entfernung zur Wand an dieser fixiert. So zeigt sich der spiegelnde Illusionsraum gleichzeitig als Fläche. Für Richter ist diese Verbindung aus seinen Arbeiten mit Glas und den grauen Bildern etwas, das als Bild mit der Bewegung des Betrachters immer wieder neu entsteht: „Ja das einzige Bild, das immer anders aussieht ... dass jedes Bild ein Spiegel ist.“
Den Abschluss der Ausstellung bilden die „11 Scheiben“ von 2004, wie zu Beginn der Ausstellung der Spiegel von 1986, eine Glas-Holzkonstruktion: Hintereinander sind stark reflektierende Gläser angeordnet. Je nach Standpunkt lässt sich diese Schichtung an den Rändern durchscheinend neben den Reflektion des Raumes ersehen. Begleitend zur Ausstellung wird der Film „Gerhard Richter: Meine Bilder sind klüger als ich.“ von Viktoria von Flemming im Audiovisionsraum im Erdgeschoss präsentiert.
Begleitend zur bis zum 16. Mai laufenden Schau „Gerhard Richter“ erschien ein 300seitiger Katalog mit rund 180 überwiegend farbigen Abbildungen, sowie einem Werkverzeichnis der seit 1993 entstandenen Werke des Künstlers. Das Buch ist zum Preis von 29 Euro im Museumsshop erhältlich. Geöffnet ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, jeden ersten Mittwoch im Monat bis 22 Uhr. Der Eintritt beträgt 6,50 Euro, ermäßigt 4,50 Euro.
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