 |  | Carl Spitzweg, Der eingeschlafene Einsiedler, um 1845 | |
Der Einsiedler, der scheinbar seine Topfpflanzen beim Wachstum beobachten oder aber nur in einem seinen Händen entglittenen Buch lesen wollte, ist sanft eingeschlummert. Die Mittagshitze, der er unter dem überwucherten Strohdach seiner Klause entfliehen wollte, hat ihm den Schlaf abgerungen. Aber was kann den Weltfremden und Einsamen schon stören? Die Welt um ihn herum strahlt in friedlichem Glanz und scheint beinahe so träge wie er. Um 1845 schuf Carl Spitzweg dieses herrlich hintergründig-humorvolle Bild. Es ist das Spitzenlos der Frühjahrsauktionswoche bei Koller. Solch friedlichen Schlaf belohnt der Zürcher Versteigerer mit einem Schätzwert von mindestens 350.000 Franken.
Silber
Vom 14. bis zum 19. März findet bei Koller die Auktionswoche statt, die mit einem vielfältigen Angebot und einem breiten Spektrum an Taxwerten die Kunstfreunde in die Schweiz locken werden. Die Auswahl der über 1600 Lose reicht von Silber, Porzellan, Schmuck und Grafik über Gemälde, Skulpturen und Bücher bis hin zu Möbeln, Teppichen und Asiatika. Am Montag, den 14. März, hebt man mit dem Silber an. 60 Positionen werden zum Aufruf kommen, unter denen ein großer Augsburger Renaissancepokal heraussticht. Fuß, Korpus und Deckel sind mit Buckeln verziert, die Jagdmotive zeigen. Im Schaft umschlingt silbernes Astwerk einen Korallenzweig (Taxe 14.000 bis 20.000 SFR). Dazu gesellt sich ein schlichter Schlangenhautbecher, ebenfalls aus Augsburg, den Meister Johann Seuter in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts konisch ausführte (Taxe 2.000 bis 5.000 SFR), oder eine klassizistisches Kaffee- und Teeservice vom Anfang des 19. Jahrhunderts, das in seiner oval langgestreckten Form an einen Schiffsbug erinnert (Taxe 4.000 bis 6.000 SFR).
Porzellan, Fayence und Glas
Dienstagmorgen geht es mit Porzellan, Fayencen und Glas weiter. Rund 210 Stücke sollen neue Besitzer finden. Vielleicht möchte jemand in Zukunft seinen Tee oder Kaffee aus einem Meißner Service um 1750 mit Tenierszenen trinken, das auf 18.000 bis 25.000 Franken taxiert ist. Oder er bevorzugt eine etwas ältere Teekanne mit Höroldt-Chinoiserien von 1723/24 (Taxe 14.000 bis 16.000 SFR), zu der es passende Koppchen mit Unterschale für 1.200 bis 1.600 Franken gibt. Fürs Gebäck offeriert der Katalog einen Teller mit Brokatdekor um 1735, dessen Pflaumen- und Chrysanthemenblüten, die Schmetterlinge und Vögel und die übrigen stilisierten Pflanzen sich in einer wahren Farbenpracht über dem weißen Grund erheben (Taxe 5.000 bis 7.000 SFR). Für die Tischzier gibt es dann zwei Exemplare eines nickenden Chinesenjungen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts nach einem Modell von Johann Joachim Kändler zu je 8.000 bis 12.000 Franken.
Wer schließlich nicht auf Meißner Ware steht, kann zu einem mit zartem Rankenwerk in Eisenrot, Blau und Grün bemalten Becher aus der venezianischen Manufaktur Vezzi um 1720/27 greifen (Taxe 5.000 bis 7.000 SFR). Unter den Fayencen fällt eine mit Blumen staffierte Straßburger Platte aus dem Service der Kardinäle von Rohan um 1754-1762 (Taxe 7.000 bis 12.000 SFR) oder eine naturalistisch wirkende Kohlkopf-Terrine aus der Manufacture de Sceaux von Jacques Chapelle um 1760 auf (Taxe 8.000 bis 12.000 SFR). Für Fayence-Teller zeigt sich diesmal Antonio Ferretti aus Lodi verantwortlich, der seine Exemplare in der „Façon d’argent“ um 1760 mit chinesischen Figuren in einer angedeuteten Landschaft staffierte (Taxe je 3.000 bis 5.000 SFR). Beim Glas trifft eine rauchfarbene, teils vergoldete Flöte in der „Façon de Venise“, die wohl in Antwerpen im 16. oder 17. Jahrhundert geblasen wurde, auf einen seltenen Ranftbecher aus dem Wiener Biedermeier, den Anton Kothgasser möglicherweise für gebeutelte Seeleute mit einem Schiff, einem übergroßen Anker und der Inschrift „L’espérance“ verzierte (Taxe 5.000 bis 7.000 SFR).
Schmuck und Grafik
Über 175 Lose an Schmuck und Juwelen warten am Nachmittag des 15. März auf den Zuschlag. Teuerste Position ist ein klassischer Brillant-Solitär, zum Ring in Weißgoldfassung verarbeitet. Seine 3,25 Karat sollen mindestens 35.000 Franken erbringen. Dagegen ist ein Rubin-Brillant-Ring, dessen rosa Burma-Rubin 4,29 Karat wiegt, nur auf 23.000 Franken geschätzt. Der 16. März präsentiert gleich drei Auktionen. Der Morgen ist zunächst der alten Grafik mit rund 100 Positionen vorbehalten. Darunter hat eine herrliche Romvedute von Giuseppe Vasi aus dem Jahr 1765 eingefangen vom Gianicolo mit 7.000 bis 9.000 Franken nicht nur den höchsten Taxwert sondern auch eine erstaunliche Größe. Misst sie doch immerhin 102 auf 216 Zentimeter.
Gemälde Alter und Neuerer Meister
Einen ersten Höhepunkt stellt dann die Nachmittagsversteigerung dar, wenn 207 bedeutende Gemälde Alter Meister unter den Hammer kommen. Joos van Cleves d. J. Tafelbild der Muttergottes mit dem Jesusknaben wird vom leuchtenden Rot des Marienmantels beherrscht. Der Jesusknabe interessiert sich mehr für ein Rotbrüstchen, das angebunden an einem Faden auf seinem Finger sitzt (Taxe 140.000 bis 170.000 SFR). Drei Stilleben des Niederländers Balthasar van der Ast suchen neue Liebhaber: Im ersten der Bilder blickt ein kleines Kapuzineräffchen überrascht den Betrachter an, der seinerseits eines prachtvollen Obstkorbes samt hingeworfener Tulpen, eben aufgeschnittener Melonen und rotem Meeresgetier in Delfter Blauware gewahr wird (Taxe 350.000 bis 500.000 SFR). Die beiden anderen sind kleine Pendants und stellen Arrangements von Blüten und Insekten dar. Sie sollen 190.000 bis 290.000 Franken erbringen.
Isaac Soreau füllte eine Delfterschale mit Früchten, die heute trotz ihrer fast 300 Jahre Alter einen „frischen“ Marktwert von 250.000 bis 350.000 Franken besitzen. Mit dem minutiös gemalten „Interieur eines städtischen Palastes“ von Abel Grimmer bleibt das Angebot weiter im niederländischen Bereich. Sein vom Humanismus der Zeit geprägter Reigen von Göttern, den personifizierten Todsünden und biblischen Themen in gemalten Bildern an den Wänden, die sich im Stadthaus eines Patriziers versammelt haben, kostet 100.000 bis 150.000 Franken. Meindert Hobbema und Jacob van Ruisdael stehen für die Gattung der Landschaft. Erstgenannter verewigte mit seinen „Ruinen vom Schloss Egmond in Egmond aan de Hoef“ eine Pilgerstätte für Nostalgiker des 17. Jahrhunderts (Taxe 70.000 bis 90.000 SFR). Ruisdael hingegen komponiert in dem „Wasserfall mit Figuren“ eine ideale Landschaft mit Hügeln, Wald und Forstarbeitern, die es realiter nicht gibt (Taxe 90.000 bis 130.000 SFR).
Jusepe de Ribera wird eine eindrucksvolle Schilderung eines „Philosophen mit Spiegel“ zugeschrieben. Der Spanier konzentriert sich vor beinahe schwarzem Hintergrund bei geschickt eingesetztem Schlaglicht ganz auf die Person des Denkers, der den Betrachter nur über Vermittlung des Spiegels anblickt (Taxe 70.000 bis 90.000 SFR). Ein venezianisches Capriccio von Francesco Guardi entführt ins 18. Jahrhundert. Sein Blick auf malerisch ungepflegte Häuser am Ufer der Lagune ist für eine Palette aus Venedig von einer erstaunlich düsteren Farbigkeit geprägt, baut aber in der Komposition einen belebenden Spannungsbogen auf (Taxe 220.000 bis 280.000 SFR). Den heiteren Geist des Rokoko versprüht Christian Wilhelm Ernst Dietrichs Gemälde „Nymphen in einer bewaldeten Felslandschaft“ zu 25.000 bis 35.000 Franken.
Am Übergang zum 19. Jahrhundert steht Anton Graffs fesselndes „Bildnis des Johann Gottlob Quandt“, eines durch Tabakhandel reich gewordenen Leipziger Handelsherren (Taxe 25.000 bis 30.000 SFR). Mit dem „Blick vom Monte di Posillipo auf Neapel“ in rotem spätnachmittäglichem Sonnenlicht von Carl Wilhelm Götzloff gelangt man dann ins 19. Jahrhundert (Taxe 28.000 bis 38.000 SFR). Dagegen legt der Russe Ivan Ajvasovski seine „Schiffe im Sturm“ dramatisch an. Dunkle Wolken und windgepeitschte Wellen beherrschen die Szene; die Schiffe werden zur Nebensache in dem atmosphärischen Werk (Taxe 150.000 bis 220.000 SFR).
Für die Schweizer Kunst stehen Robert Zünds idyllische Alpenlandschaft „Bei Meiringen“ (Taxe 50.000 bis 70.000 SFR), Rudolf Kollers „Hirt zu Pferd mit seiner Herde an einer Furt“ bei gelb beleuchtetem Abendhimmel (Taxe 20.000 bis 30.000 SFR), François Didays drohend überhängende „Grotten des Petit-Salève bei Genf“ von 1868 (Taxe 4.000 bis 6.000 SFR) oder Albert Ankers liebreizendes „Kleinkind in Kinderstuhl. Bildnis des François Ehrmann“ (Taxe 50.000 bis 70.000 SFR). Auch die Schule von Barbizon ist gut vertreten, beispielsweise mit Théodore Rousseaus noch fein und genau gemalter „Landschaft bei Barbizon“ (Taxe 15.000 bis 20.000 SFR) oder den schon impressionistisch aufgelockerten Gemälden einer „Marine“ von Gustave Courbet (Taxe 70.000 bis 90.000 SFR) und einer „Brücke im Dorf“ von Paul Désiré Trouillebert (Taxe 15.000 bis 20.000 SFR). Unter den Zeichnungen ragt dann noch das eindringliche Kohle-Blatt „Der Holzsammler und der Tod“ des Realisten Jean-François Millet hervor (Taxe 70.000 bis 100.000 SFR).
Bücher
Der Abend des 16. März ist den Büchern vorbehalten. Rund 150 Lose sollen hier abgesetzt werden. Die in der Offizin von Grüninger in Straßburg 1501 gedruckte Ausgabe von Boethius „De philosophico consolatu“ steht mit 4.000 Franken im Katalog. Als gesuchte Helvetica-Spezialität hofft Koller bei David Herrlibergers „Neuer (...) Topographie der Eidgenossenschaft“ aus dem Jahr 1758 auf einen Zuschlag bei mindestens 16.000 Franken. Obwohl auch von einem Schweizer verfasst, gibt man sich bei den ab 1788 erschienen Œuvres complètes von Jean-Jacques Rousseau schon mit 2.900 Franken zufrieden.
Möbel und Einrichtungsgegenstände
Bestechend und umfangreich wie immer ist am Donnerstag das Koller’sche Angebot an Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen. Es vereinigt beinahe 330 Katalognummern und birgt so manchen Schatz. Wer unter seinen Guardi eine passende venezianische Prunkkommode sucht, wird für 130.000 bis 230.000 Franken fündig. Das um 1760 entstandene Möbel ist weiß-hellblau gelackt und mit Ranken, Blüten sowie figürlichen Naturszenen dekoriert. Ein Paar kleinere gleichartige Kommoden gibt es schon ab 90.000 Franken. Um 1701 schuf Nicolas Sageot eine in reichster Boulletechnik eingelegte Bibliotheksvitrine. Sie zeigt noch die kantige Form des Louis XIV., aber ihre Intarsien schwingen schon im bewegteren Régencestil (Taxe 180.000 bis 280.000 SFR). Gleich zwei herrliche Kommoden „A Fleurs“ machen die Wahl zur Qual: Die ältere der beiden, um 1745, stammt von François Mondon, der ihre Front mit vielen Ranken überzog (Taxe 150.000 bis 250.000 SFR); ihre jüngere Schwester, um 1765, aus der Werkstatt des Roger Lacroix wird von einen Rautenmuster geprägt, dessen Mitte eine Kartusche mit Blumenstrauß bildet (Taxe 120.000 bis 180.000 SFR).
Die Renaissance des Barockstils im späten 19. Jahrhundert brachte ein Bureau-plat mit Cartonnier hervor, das bei François Linke in Paris in teils etwas zu schweren Louis XVI.-Formen entstand. Wer so ein reich mit Goldbronze geschmücktes Stück sein eigen nennen möchte, muß dafür schon 100.000 Franken anlegen wollen. Aus Rußland stammt ein prunkvoller Malachittisch, der vom Kontrast zwischen dem leuchtenden Grün des Materials und den goldenen Adler-Applikationen lebt. Der um 1840 entstandene ehemalige Blickfang eines Zarensalons soll 150.000 bis 250.000 Franken erbringen.
Aus dem Angebot an großartigen Uhren sollen hier zwei erwähnt werden: Johann Puchwiser dürfte der Schöpfer einer Standuhr sein, die beweist, dass auch deutsche Ebenisten in den 1730er Jahren die Boulle-Technik beherrschten. Bemerkenswert der optisch kühle Gegensatz zwischen den Messing- und Zinneinlagen (Taxe 120.000 bis 180.000 SFR). Bereits aus der Zeit nach der französischen Revolution stammt eine Pendule, die die Geschichte der Psyche in etlichen Emailplaketten thematisiert und deren Aufbau mit feinsten Blütengirlanden aus Goldbronze umsponnen ist. 120.000 Franken sollte dem Käufer diese Zierde jeden Buffets wert sein.
Zwei barocke flämische Kinderfiguren aus carrarischem Marmor spiegeln die Anmut und Beschwingtheit der Bildhauerei der Jahre um 1710 wider. Koller setzt das niedliche Pärchen mit 150.000 Franken an. Anklänge an antike Skulpturen sind bei den beiden Herrscherbüsten des Benedetto Boschetti aus dem 19. Jahrhundert gewollt: Wahrscheinlich sollten „Mark Aurel“ und „Caracalla“ als Souvenirs von wohlhabenden Touristen mit nach Hause genommen werden, wo sie dann jeder unwissende Besucher des Hauses für echte Antiken hielt. Für so einen „Bluff“ zahlt man heute 120.000 bis 200.000 Franken.
Sollte jemand noch eine 5,90 Meter lange und 3,55 Meter hohe Wand zu tapezieren haben, bietet Koller in seiner Versteigerung die Lösung: Wie wäre es mit einer Tapisserie aus Beauvais? Kein Geringerer als François Boucher schuf die Vorlage für das um 1760 gewirkte Stück, das eine Szene aus Tassos Epos über den Ritter Rinaldo zeigt. Die neue Tapete ist für 130.000 bis 200.000 Franken zu erwerben. Wer von dieser Fülle noch nicht erschöpft ist, kann am Abend die Teppichauktion bei Koller besuchen. Allzu lange dürfte sie bei nur 86 Losen nicht dauern. Ihr Highlight ist ein antiker gelbgrundiger Agra, der auf 14.000 Franken geschätzt wird.
Asiatika
Den Schlusspunkt der Auktionswoche bilden die Asiatika, die am Samstag mit über 280 Positionen zum Aufruf gelangen. Dem steigenden Interesse an asiatischer Kunst zollt Koller mit einem eigenen kleinen Katalog Tribut. Ruhe und Gelassenheit strahlt ein „himmlischer Würdenträger“ aus der chinesischen Ming-Dynastie aus. Ist er auch aus feuervergoldeter Bronze, so hat der Künstler dennoch die sitzende Gestalt bewusst verlebendigt, indem er Krone, Bart und Schuhe andersfarbig fasste (Taxe 80.000 bis 100.000 SFR). Beeindruckender und nutzbarer Blickfang eines Raumes können zwei 1,80 Meter hohe mit Elfenbein verkleidete Türme sein. In den bekrönenden Pavillons verrät sich gleich ihre Funktion: Der Kaiser von China spielt mit seinem Beamten Weiqi, ein Brettspiel, was nicht verwundert, denn nimmt man die Aufsätze der Türme ab, kommt jeweils ein Spielbrett zum Vorschein (Taxe 15.000 bis 20.000 SFR). Abschließend sei noch ein bemerkenswertes Keramikkamel genannt, das einen Taxwert von 28.000 bis 35.0000 Franken aufweist. Es stammt aus der Zeit der Tang-Dynastie und spielt auf die über die Seidenstraße in die damalige Hauptstadt Chang’an ziehenden Händlerkarawanen an. Fast meint man, das Trampeltier brüllen zu hören, so realistisch hat es sein Maul aufgerissen.
Bis zum 13. März können Interessenten die Lose bei Koller vorbesichtigen. Geöffnet ist dazu von täglich von 10 bis 19 Uhr. Die Auktionen beginnen über die Woche verteilt vormittags um 10 Uhr, nachmittags um 13:30 oder 14 Uhr.
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