 |  | Jean Besnard, Marabout, um 1931 | |
In sich versunken, beinahe der Welt abhanden gekommen, hockt der Marabu da und scheint mit dem einen sichtbaren Auge mehr in sich hinein als auf den Betrachter zu blicken. Seinen Schnabel hat er an den Körper geschmiegt, der in sich geschlossen zu einen harmonischen Ganzen verschmolzen ist. Nichts Aufgeregtes ist dem Storch zu Eigen. Vollkommene Ruhe strahlt er aus. Dies wollte Jean Besnard wohl auch mit seiner Tonfigur „Marabout“ von 1931 ausdrücken. Steht die Bezeichnung „Marabu“ doch im arabischen Sprachraum für „Asket“, die dem Vogel wegen seines würdigen Aussehens verliehen wurde. Dabei ließ sich der 1889 in Paris geborene Besnard von den Ideen des Kubismus und der Abstraktion inspirieren. Die Gestalt ist auf einfachste Formen des Kreises und des Ovals reduziert, massig und schwer nach kubischen Gesetzen geformt. Auch die raue Oberfläche der 35 Zentimeter hohen Terrakottafigur trägt zu dem einheitlichen Erscheinungsbild bei. Nur leicht dunklere Schattierungen überziehen die cremefarbene Glasur. Mit einer stolzen Taxe 90.000 Euro ist der „Marabout“ das bedeutendste und teuerste Stück im Frühjahrsauftakt bei Quittenbaum.
Den genauen Gegensatz zu Besnards „Marabout“ entwirft in der Auktion des Münchner Hauses Ferdinand Preiss mit seiner „Flammentänzerin“: Die weibliche, kaum bekleidete Gestalt springt in artistischer Pose mit ausgestreckten Armen und Fackeln in den Händen über ein loderndes Feuer. Mit dieser Figur aus bemalter Bronze und Elfenbein auf einem schwarzen Marmorsockel, die 1930 auf der Leipziger Messe dem Publikum vorgestellt wurde, wollte Preiss seine künstlerische Virtuosität demonstrieren. Das kühne Bravourstück überzeugt durch die Eleganz der Bewegung, die Feinheit der Schnitzerei, vor allem in den fliegenden, halblangen Haaren der Tänzerin, und der damit korrespondieren Gestaltung selbst kleiner zügelnder Flammen. Quittenbaum veranschlagt dafür einen Preis von 45.000 Euro. Zurück in den Jugendstil verweist dann Bernhard Hoetgers empfindsame Bronze eines Bettlers. Ein bärtiger Mann mit gebeugtem Kopf und vom Wind aufgeworfener, zerschlissener Kleidung streckt seine Hand aus und bittet um ein Almosen. „Le Mendiant“ entstand 1902 in Paris (Taxe 4.000 EUR).
Die Auktion setzt noch früher ein und macht den Anfang mit dem Historismus, beispielsweise mit der „Büste einer jungen Frau“, die Albert Ernest Carrier-Belleuse um 1865 tief mit dekolletiertem Empirekleid und kess nach Links geworfenem Kopf in Terrakotta schuf. Den Übergang von der freien zur angewandten Kunst markieren die Porzellanfiguren aus Adolph Ambergs „Hochzeitszug“. Waren sie doch als Tischschmuck für die Hochzeit des preußischen Thronfolgers 1905 gedacht. Wegen „Nichtgefallens“ wurden die Entwürfe aber erst ab 1908 von KPM in Berlin ausgeführt. In Ambergs „Hochzeitszug“ reihen die abendländische Mythologie und Geschichte ein, so die „Europa auf dem Stier“ für 2.000 Euro, ein muskulöser Gote mit Hund für 2.200 Euro, zwei Etrusker, die eine Rüstung tragen, für 3.800 Euro. Und mit der Mandoline spielenden Japanerin sollte auch die fernöstliche Welt in Berlin ihre Aufwartung machen (Taxe 1.900 EUR).
Im Bereich des englischen „Arts & Crafts“ überzeugen eine silberne Teekanne aus einem Picknickset, die Christopher Dresser um 1879 schon weit vorausgreifend in den schlichten Formen des Bauhauses entwarf (Taxe 800 EUR), oder ein Terrinenpaar der Manufaktur Royal Doulton aus cremefarbenem Steingut mit einem Kreisdekor in Grün und Schwarz, das mit seinem Entstehungsdatum in den 1920er Jahren nun genau dem Zeitgeist entspricht (Taxe 300 EUR). Eine kleine Abteilung mit Arbeiten aus dem amerikanischen Jugendstil, wie einem Blütenpokal in lüstriertem Gold-, Bronze- und Perlmuttton von Louis Comfort Tiffany (Taxe 2.100 EUR), leitet zu den französischen Glashütten über, die den Katalog reichlich mit ihren Arbeiten bestückt haben. Noch in die 1890er Jahre datieren zwei Vasen der Gebrüder Daum. „Iris ciselé“ von 1893 in hochgezogener Balusterform arbeitet im Hochschnitt Schwertlilien, Schmetterling und Libelle in Tiefviolett auf dem opakem Grund heraus (Taxe 12.000 EUR), während die 48 Zentimeter hohen „Cardères“ um 1897 mit den lothringischen Disteln als Hauptmotiv spielen. Ein Gegenstück befindet sich in der Sammlung der Manufaktur, eine weitere Fassung aus dem Landesmuseum Mainz gehörte 1980 zu den Exponaten der Ausstellung „Nancy 1900“ im Münchner Stadtmuseum (Taxe 6.500 Euro).
Mit der flachen Deckenlampe „Vigne à l’automne“ und den darauf geätzten herbstlichen Weinranken in Gelb und Rotbraun sind Daum Frères dann im 20. Jahrhundert angekommen (Taxe 5.500 EUR), für das sie auch noch ihre Vase „Freesies à inflorescence“ von 1912 in Rennen um die Gunst der Bieter schicken. Auffälligstes Merkmal ist der überlange Hals über dem Korpus in Balusterform. Als Zierrat schlängeln sich ihm blühende Freesien entlang (Taxe 13.500 EUR). Konkurrent Emile Gallé aus Nancy lässt sich da nicht lumpen. Er wartet mit einer Osterei-Deckeldose und dem Motiv des stolzierenden Hahns samt ornamental gestaltetem Spruch „le coq du village“ für 2.200 Euro auf oder mit der Marqueterie parlante „la fleur de neige“. Die Blütenvase mit einem Zweizeiler von Théophile Gautier, dem Lieblingsdichter Emile Gallés, gehörte zu den Exponaten der Pariser Weltausstellung von 1900 (Taxe 19.500 EUR). Als Highlight der Gallé-Offerte führt der Katalog schließlich noch die 45 Zentimeter hohe Vase „Crocus“ von 1897/98 an, auf der sich orange-violette Krokusblüten mit langen Stielen der Sonne entgegenrecken. Quittenbaum hat das Prachtexemplar auf 39.000 Euro geschätzt. Muller Frères aus Lunéville zeichnen dann noch für eine Tischlampe in Pilzform mit vielen Schmetterlingen auf, die um 1920 mit Emailfarbe in Grün, Orange du Blau gestaltet wurden (Taxe 8.000 EUR).
Bei der französischen Keramik tritt dann erstmals die Sammlung des Hamburger Ehepaars Maria und Hans-Jörgen Heuser in Erscheinung, die sich neben Plastiken und Metallarbeiten vor allem auf Keramikvasen aus Franreich konzentrierten und in diesem Spezialgebiet grundlegenden Kataloge veröffentlichten. Dazu gehören eine Vase von Pierre Adrien Dalpayrat mit kristallartig ausblühender Verlaufsglasur in Blau und Beige (Taxe 3.000 EUR). Von Auguste Delaherche stammt eine 36,5 Zentimeter hohe Vase, die sich aus einem Band Grün reliefierter Blätter erhebt (Taxe 7.000 EUR) und von Emile Decœur eine Bodenvase in Balusterform mit einem Band stilisierter Blüten aus dem Jahr 1903 (Taxe 6.000 EUR). Und schließlich bietet die französische Art Nouveau-Sektion noch einen seltenen Gobelin an, der um 1900 nach den „Tête byzantine“ von Alphonse Mucha in Seide gewebt wurde (Taxe 6.000 EUR), oder Möbel aus der Produktion von Louis Majorelle, darunter Stühle und eine Sitzbank aus dem „Salon Clematites“, der 1910 auf der Weltausstellung in Brüssel gezeigt wurde (Taxen zwischen 1.200 und 4.200 EUR).
Beim französischen Art Déco sticht das Tischlampenpaar „Tulipes“ heraus, das sich Albert Cheuret 1925 als Modell für Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes in Paris erdachte. Die naturalistische empfundene Darstellung vereinigt je drei Tulpen aus versilberter und patinierter Bronze mit halboffenen Blütenkelchen aus geschnittenem Alabaster, in denen die Leuchtkörper sitzen (Taxe 19.000 EUR). Bekannter sind da die Glasschöpfungen von René Lalique, beispielsweise sein Vase „Aras“ von 1924, deren Dekor sich aus Papageien und Geäst zusammensetzt (Taxe 8.500 EUR). Für die starkwandige Fußschale von 1923 mit ihrem schildpattähnlichen Glanz und grünen, blauen sowie braunen Schlieren ist François-Emile Décorchemont verantwortlich (Taxe 7.000 EUR), für die Brosche aus zwei sich überschneidenden Rechtecken mit Linien und Wellenornament Inonyx, Elfenbein, Gold und Silber Jean Després (Taxe 10.000 EUR), und Alfred Porteneuve wird ein rechteckiger Tisch zugeschrieben, in dessen Nussholzfurnier rautenförmig weiße Bakelitbänder eingelegt sind (Taxe 1.200 EUR).
Im Katalogteil mit der Ware aus Deutschland bildet eine kleine Kollektion Westerwälder Steinzeug mit Vase und Kannen nach Entwürfen von Richard Riemerschmid, Peter Behrens und Henry van de Velde, letztere ausgeführt von Reinhold Hanke und mit der Marke „Westerwald Art Pottery“ versehen, einen weiteren Höhepunkt der Versteigerung. Die Schätzungen für die meist einfachen Formen mit effektvollen Glasuren reichen von 450 bis 4.500 Euro. Diesen Wert vergibt der Katalog auch für einen Salonschrank aus einem Damenwohnzimmer mit stilisiertem Floralornament von Arthur Schmidt aus dem Jahr 1905. Etwas höher liegt mit 5.800 Euro die Schätzung für das Theaterplakat „Die 11 Scharfrichter“ aus dem Jahr 1901, auf dem Thomas Theodor Heine elf eher lustige Teufelsfratzen neben ein erschreckenden Bildnis der Sängerin Marya Delvard stellt.
Erstes Highlight bei den Künstlerentwürfen aus Österreich und Böhmen ist die große Ziervase des Ungarn István Gádor um 1928. Auf dem annähernd ovoiden Korpus befindet sich ein Menschenpaar mit Kindern und einem Pferd in bewusst naiver Gestaltung. Eingetaucht ist die Deckelvase in eine zitronengelbe Glasur mit Caquelé (Taxe 12.000 EUR). Als eine der kühnsten Schöpfungen Josef Hoffmanns für die Wiener Werkstätte gilt sein Silberbesteck „Flaches Modell“ von 1904. Beinahe skulptural geben sich die auf das Minimalste reduzierten Teile von Krebsgabel und Buttermesser und strahlen dennoch Eleganz aus. Taxiert sind sie auf 22.000 Euro. Michael Powolny ist mit einem seiner charakteristischen Puttenentwürfe vertreten, hier mit dem geflügelten „Hirschkäferreiter“ in bunter Staffage von 1907/08 (Taxe 5.000 EUR).
Im Anschluss daran wird eine Kollektion von Lötz-Vasen aufgerufen. Zu den bedeutendsten Objekten dieser Sektion gehören eine von Franz Hofstötter für die Pariser Weltausstellung von 1900 entworfene Phänomen-Vase mit dreifarbigem Dekor und spindelartig abgesetzter Balusterform (Taxe 6.500 EUR) sowie eine 32 Zentimeter hohe sezessionistische Vase mit schlankem, langem Hals, deren Dekor 1901 von Koloman Moser für Bakalowits entworfen wurde und bisher nur als Verzierung eines Lampenschirmes bekannt war. Er erinnert an die mosaikartigen, glänzenden Ornamente der Bilder Gustav Klimts (Taxe 7.000 EUR).
Nach Ungarn verweisen die Produkte der Manufaktur Zsolnay, die sich meist durch ihre starkfarbigen Eosinglasuren auszeichnen, wie bei den Grüntönen, Orangefarben und Braunanteilen einer Vase mit Blumendekor von 1900 (Taxe 6.000 EUR) oder einem zylindrischen Exemplar, auf dem drei heroische Landschaften durch stilisierte Bäume gegliedert werden (Taxe 2.800 EUR). Nach Dänemark zur Kopenhagener Königlichen Porzellanmanufaktur entführt eine Porzellanvase mit grünlicher Kristallglasur von Valedmar Engelhardt um 1900 (Taxe 450 EUR), nach Schweden in die Orrefors Glasbruk ein Glaspokal mit einem Reigen tanzender, nackter Mädchen (Taxe 2.000 EUR) und nach Leningrad zur Staatlichen Porzellanmanufaktur Lomonossow eine Tasse samt Unterteller von 1929 mit der Malerei einer fantastischen Märchenlandschaft von Aleksej Worobjewski (Taxe 1.700 EUR).
Die Auktion beginnt am 11. April um 14.30 Uhr. Die Vorbesichtigung findet vom 5. April bis um 10. April werktags von 11 bis 18 Uhr, am Wochenende von 13 bis 17 Uhr statt. Der Katalog ist im Internet unter www.quittenbaum.de abrufbar.
|