 |  | Voltashow: Stand von Espacio Minimo, Madrid | |
Einhellig euphorische Resümees ziehen die Macher und Aussteller der gerade zu Ende gegangenen jungen Messen LISTE 05 und VOLTAshow 01 in Basel. Wer auf der großen Art Basel ausstellen darf, blickt vielleicht etwas gnädig vom „Top of the Hill“ auf das Geschehen der nunmehr seit 10 Jahren erfolgreich sich behauptenden Schwestermesse, der experimentelleren LISTE, die sich im Untertitel „The Young Art Fair“ nennt. Sie überzeugte auch in diesem Jahr wieder mit ihrem strengen, klaren Konzept der Zulassung: Lediglich Künstler unter 40 Jahren sollen gezeigt werden, die Galerien dürfen nicht älter als 5 Jahre sein und nur für maximal drei bis vier Jahre an der verkaufsträchtigen LISTE teilnehmen. Das hält die Messe jung, quirlig, spannend und garantiert Neuentdeckungen quasi durch eine permanente Frischzellenkur. Doch für viele Aussteller ist es hart, zumal, wenn sie nach drei Jahren nicht den Sprung auf die große Messe Art Basel, einige Fußminuten entfernt, schaffen und somit vom umsatzstarken Messeort Basel wieder ausgeschlossen sind.
Doch wer dabei ist, darf große, schnelle Verkäufe oft in Top-Sammlungen feiern, Visitenkarten aus Übersee sammeln und sich nach einer oft improvisierten Anreise mit dem eigenen Auto aus Skandinavien oder Österreich eine Woche lang im Gebäude der ehemaligen Warteckbrauerei mit seinen verwinkelten Räumen und engen Treppenhäusern wie zu Hause fühlen. Zum 10jährigen Jubiläum hat man wie beim „Walk of Fame“ in Hollywood rote Plastikelemente auf einem provisorischen Bodenbelag vor dem Gebäude eingearbeitet. Hier liest man die Namen aller auf der LISTE in den letzten 10 Jahren vertretenen Galerien. Manche sind fast in Vergessenheit geraten, andere wie die Berliner Neugerriemschneider oder die Londonerin Maureen Paley gelten heute als mächtige, Trend setzende Blue Chip Galerien, die auf der Art Basel mit spektakulären und ungewöhnlichen Ständen auffallen.
Auch auf der diesjährigen LISTE 05 gab es unter den 48 Ausstellern aus 22 Ländern wieder viele Highlights. Alle Galerien meldeten exzellente Verkäufe und freuten sich über internationales Fachpublikum. Die Londoner Galerie Hotel zeigte ein Bücherregal der New Yorkerin Carol Bove mit dem Titel „Tantra Yoga“. Die sorgfältig ausgewählten Bände zur Selbsterfahrung und Yogapraxis geben geschickt gesetzte Querverweise zur Hippiezeit der späten Sixties und frühen Seventies, die Bove, ausgehend vom biografischen Hintergrund ihrer Kindheit in einem eher alternativen Familienumfeld, durchaus kritisch und mit überzeugenden ästhetischen Mitteln reflektiert. Das Bookshelf „Tantra Yoga“ gab es für 9.500 US-Dollar. Große Resonanz erfuhr die Galerie Galerist aus Istanbul, die den Biennale Venedig-Teilnehmer Hussein Chalayan im Programm hat. Die beiden Fotoporträts der markanten britischen Hauptdarstellerin Tilda Swinton aus seiner Videoarbeit im Türkischen Pavillon verkauften sich sehr gut. Bei einer Edition von sechs Exemplaren kostete das Foto 2.000 Euro.
Die Londoner Galerie Herald St fiel auf mit akribisch ausgeführten, stillen Interieurzeichnungen fantastischer Architekturen von Pablo Bronstein und feinen, mit blauer Tinte gezeichneten, nicht unironischen Papierarbeiten von Cary Kwok: Schwules Leben in seiner ganzen Pracht als schwelgerische Fontäne aus nackten Beaus. Ein Novum in diesem Jahr bei der LISTE war das täglich um 18 Uhr stattfindende Performance-Programm, das die Schweizer Kuratorin Monika Kästli zusammengestellt hatte. Die amüsant persiflierende Show des Frankfurter Performance-Trios „Da Group“ sorgte am Freitagabend für entspanntes 80er-Jahre-Feeling.
Hatte man die drei Etagen der LISTE 05 abgearbeitet, gab es in Basel in diesem Jahr nichts Schöneres als den kostenlosen Bootsshuttle auf dem Rhein zur neu gegründeten VOLTAshow. Wer Glück hatte, durfte in einem kleinen, wendigen Speedboat zur Voltahalle an der Dreirosenbrücke rasen, abwechselnd kam sonst eine schicke, auch nicht viel langsamere Motorfähre, die 12 Personen an Bord nehmen konnte. Die VOLTAshow wurde im letzten Herbst spontan von den drei Galeristen Friedrich Loock von der Berliner Wohnmaschine, Ulrich Voges von Voges + Partner aus Frankfurt und Kavi Gupta der gleichnamigen Galerie aus Chicago initiiert. Schnell fand man mit der Voltahalle, einem ehemaligen Elektrizitätswerk direkt am Rhein, einen geeigneten Messestandort, den man erst einmal für drei Jahre anmietete und vom Berliner Architektenbüro Girod Engelbrecht in eine Licht durchflutete und eher professionell als trashig daherkommende Kojenarchitektur in Rekordzeit umbauen ließ. Eine Investition, die sich vielleicht erst nach drei Jahren rechnet.
Eine für eine Messepremiere beachtlich hohe Besucherzahl von 10.000 überwiegend Fachleuten aus dem Kunstbetrieb, darunter viele VIP-Karten-Besitzer der Art Basel, und sehr gute Verkäufe fast aller Händler ermutigen die Initiatoren, ihr Ziel weiterzuverfolgen und „die VOLTAshow auch in den nächsten Jahren als feste Größe neben der Art Basel und der LISTE zu etablieren“. Auch wenn einige kritische Beobachter die nicht immer durchgängig hohe Qualität der ausgestellten Arbeiten bemängelten, so hat sich doch gezeigt, dass in Basel durchaus Platz für eine dritte Messe ist. Gerade für Jungsammler, die auf der Art und der LISTE gar nicht mehr zu Zuge kommen konnten, weil wichtige Deals in atemberaubender Geschwindigkeit abgewickelt werden, ist die VOLTAshow ein spannender neuer Ort.
Die jüngste Baseler Messe sollte jedoch die Zeit nutzen, in Ruhe Bilanz zu ziehen und ihre Stärken zu betonen. Ein Wachstum und Ausbau der Messe zu einem unüberschaubaren Event birgt die Gefahr, dass die VOLTAshow zu einem Sammelsurium frustrierter, bei anderen Messen abgelehnter Galerien wird. Die zehnjährige Erfolgstory der LISTE, die in diesem Jahr ihre Besucherzahlen um 20 Prozent auf 13.000 steigern konnte, sollte da Antrieb genug sein. Denn auf der LISTE starteten viele fulminante Karrieren von energiegeladenen Junggaleristen und „Emerging Artists“, die heute auf den wichtigsten Biennalen weltweit gefeiert werden. So kommentiert die Berliner Künstlerin Candice Breitz ihre Lieblingsmesse mit den Worten: „Die ein wenig anarchische Energie der LISTE macht sie einmalig, und wegen dieser Energie kommen mir alle anderen Kunstmessen vergleichsweise langweilig vor.“ Happy Birthday.
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