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Italienbilder der Goethezeit in der Neuen Pinakothek

Im grünen Land die Goldorangen blühn



August Wilhelm Ahlborn, Die Bucht von Pozzuoli bei Neapel, 1832

August Wilhelm Ahlborn, Die Bucht von Pozzuoli bei Neapel, 1832

„Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst“, so Johann Wolfgang Goethe in seinen Maximen und Reflexionen der Kunst. Und mit dem Lied der Mignon aus seinem Roman „Wilhelm Meisters theatralische Sendung“ und deren idealisierender Sicht Italiens als „das Land, wo die Zitronen blühn“ ist die Ausstellung zur Kunst der Goethezeit in der Münchner Neuen Pinakothek überschrieben – eine Übersicht, die in vierzehn Kapiteln den unterschiedlichen Orten und Gründen nachgeht, aufgrund derer sich die Maler seit dem 17. Jahrhundert auf die „italienische Reise“ begaben, um ebendiese Landschaft ins Bild zu setzen.



So beginnt der Rundgang konsequenter Weise mit dem Kapitel „Ideallandschaft“. Ausgehend von den klassischen Bildern Claude Lorrains und Nicolas Poussins entstanden konstruierte Bildgefüge eines imaginierten Arkadiens. Diesen waren zahlreiche Einzelstudien vorausgegangen. So werden im ersten Raum Gemälde wie Joseph Anton Kochs „Heroische Landschaft mit Regenbogen“ von 1812 oder Johann Nepomuk Schödlbergers „Ideale Landschaft: Der Abend“ von 1817 präsentiert. Gerade an Schödlbergers Landschaft macht sich die Vorstellung einer zeitlich entrückten Landschaft durch Figurenstaffagen, ein antikisierendes faunisches Portrait und eine Tempelrotunde im linken Bildteil manifest.

Unter der Überschrift „Tivoli“ sind im Folgeraum Interpretationen der örtlichen Landschaft vereint. So handelt es sich bei einem Jacob Wilhelm Mechau zugeschriebenen Bild „Der große Wasserfall von Tivoli“ von 1780/90 um eine komponierte, von der Umgebung Tivolis inspirierte Landschaft. Dominiert die rechte Bildhälfte ein über Felsen herabrinnender Wasserfall, über den sich im vorderen Bildteil ein kleiner Regenbogen spannt, so verdeutlichen winzige Staffagefiguren im linken Bildteil die Erhabenheit des Naturschauspiels. Eine persönlich konstruierte Sicht auf „Die Wasserfälle von Tivoli“ ist auch das Bild von Carl Blechen.

Als Fundus für die ideale Landschaft, wie etwa in Poussins „Venus und Adonis“, dienten auch die Albaner Berge südlich von Rom. Neben der idealen Landschaftsmalerei war dort der Park Chigi bei Ariccia ein Ort, um sich einer neuen Landschaftsauffassung zu widmen. Diesen mit naturwissenschaftlichen Interesse erwachenden, subjektiv emotionalen Studien der Natur widmeten sich Ernst Fries, Johann Wilhelm Schirmer und Friedrich Nerly mit Aquarellen. Auch Goethe selbst zeichnete 1787 „Palast und Park Chigi bei Ariccia“ und bezeichnete in seiner „Italienischen Reise“ den Park als „das größte Bild - wenn es ein rechter Künstler unternähme.“

Der folgende Raum widmet sich Gemälden von Rom und den Sabiner Bergen, etwa in Friedrich Nerlys unvollendeter Ölstudie des „Kastells von Olevano“ aus dem Jahr 1829. In der Mitte sind innerhalb eines weiß-gelb gestreiften Pavillons die vier Tempera-Ansichten Roms von Johann Christian Reinhart vereint, die er von der Villa Malta aus auf die ewige Stadt warf. In einem Nebenraum hängt das unvollendete Aquarell „Acqua Acetosa“ von Carl Rottmann, das auf dessen erster Italienreise 1826/27 entstand. Das Motiv sollte Rottmann im Italienzyklus am Münchner Hofgarten aufnehmen. Zurück im Hauptraum fällt der Blick auf Ernst Willers „Campagnalandschaft mit der ‚Sedia del diavolo’“ von 1841. Willers hat sich vor der Ausführung an Rottmanns Italienzyklus geschult. Das Blau des Hintergrundes hebt das Rot der im Mittelgrund ausgeleuchteten Ruine „Sedia del diavolo“ hervor.

Mit Neapel und den Elementen Feuer und Wasser geht es weiter. Hier faszinierte neben der südlich üppigen Fülle der Vegetation die wunderbare Lage der Stadt an der Bucht. Das tiefe Blau des Wassers und die markante Silhouette des Vesuvs wurden zu den prägenden Wahrzeichen dieser Region. So werden Ansichten des Golfs von Neapel Vesuvausbrüchen gegenübergestellt. Obwohl August Wilhelm Julius Ahlborn seine „Küstenlandschaft am Golf von Neapel“ erst nach seiner Rückkehr aus Italien 1832 malte, handelt es sich dennoch um eine topografisch genaue Wiedergabe der Berglandschaft am Golf von Neapel mit künstlicher Felsformation im Vordergrund und zentriert sich im Wasser spiegelnder Morgensonne. Die Darstellungen der Vesuvausbrüche in Nahansicht von Hackert, Michael Wutky und Dahl zeugen von dem starken naturwissenschaftlichen Interesse der Zeit. Ergänzt wird der Raum durch eine Vedute des Golfs von Neapel mit Blick, ausgehend vom erhöhten Standpunkt, auf den Monte Posillipo des Tischbein-Sohnes Ludwig Philipp Strack. Daneben hängt das „Volksfest bei Pozzuoli“ von Franz Ludwig Catel.

Johan Christian Dahl führte 1820/21 mehrere Freilichtstudien des Golfs von Neapel aus. Durch Catel lernte er die Malweise des Franzosen Pierre-Henri de Valenciennes kennen, ein Motiv zu verschiedenen Tageszeiten auf die Leinwand zu bannen. Bei Reisen nach Capri und Sorrent entdeckte man auch die Blaue Grotte als bildwürdiges Sujet, anhand dessen sich die Erhabenheit, „die von Gott gegebene ungeahnte Schönheit der Natur“ veranschaulichen ließ. Die Lichtwirkung innerhalb der diffus von außen beleuchteten Höhle thematisiert August Kopisch in einem nach 1828 entstandenen Bild. Gelb dringt das Licht durch eine halbkreisförmig angedeutete Öffnung ins Innere der in dunklen Blautönen ausgeführten Höhle.

In Sizilien, der dritten bedeutenden Gegend der Italiensehnsucht, entstand Carl Rottmanns Bild „Palermo mit dem Monte Pellegrino“, das auf Drängen Ludwig I. für den Italienzyklus der Münchner Hofgartenarkaden entstand. Das auf Holz gemalte Ölbild stammt aus der Sammlung des Architekten Leo von Klenze. Friedrich von Gärtner führte 1816 das Aquarell über Bleistift „Der Junotempel in Agrigent“ aus. Als weit verbreitete Lithografie diente die Ansicht nicht zuletzt Caspar David Friedrich als Vorlage. Hier und in den anderen griechischen Stätten machten die Künstler das von Winckelmann angeregte Interesse an der Antike fest, unterstützt durch archäologische Forschungen. So zeichnete Johann Georg von Dillis 1817 das „Kapitell des Jupitertempels in Agrigent“. Ein Hirtenknabe, der oben auf dem Kapitell ruht, verdeutlicht die Monumentalität des antiken Fragments. Der klassizistische Architekt Karl Friedrich Schinkel setzte sich in der Federzeichnung „Das griechische Theater von Taormina“ mit dem Zusammenklang von antiker Architektur mit der umgebenden Landschaft auseinander.

Als Aufenthaltsort von Archimedes, Platon und Pindar wurde der nach Cicero „schönsten aller Griechenstädte“ Syrakus besondere Bedeutung beigemessen. Barbara Stempel weist in ihrem Aufsatz zu Syrakus im Katalog darauf hin, „wie die Erinnerung - in diesem Fall an den berühmten Gelehrten - einen konkreten Ort suchte“. In diesem Zusammenhang ist auch „Das Grab des Archimedes“ von Carl Rottmann zu sehen, das um 1830 entstand. Es handelt sich dabei um ein römisches Felsengrab, dem diese Bedeutung im 19. Jahrhundert grundlos zugeschrieben wurde. In Rottmanns Bild wird ein Geschichtsverständnis manifest, welches die Vergangenheit durch Gegenüberstellung mit der Gegenwart idealisiert. So kontrastiert die monumentale Ruine mit einer kargen ausgedörrten Landschaft, in der sich eine vereinzelte Staffagefigur verloren hat.

Eingebunden ist die Ausstellung in die Bestände der ständigen Sammlung, wie etwa den zwölfteiligen Freskenzyklus „Die Landschaften Griechenlands“ von Carl Rottmann. In diesem auf Grau gefassten Wänden präsentierten Zyklus erreicht Rottmann das Ideal des Erhabenen, von der Goethe in seinen Maximen und Reflexionen über Kunst sagte: „Die Manifestation der Idee als des Schönen ist ebenso flüchtig als die Manifestation des Erhabenen.“

In der Ausstellung „Kennst Du das Land - Italienbilder der Goethezeit“ kann der Besucher den Künstlern der Goethezeit auf ihrer Italienreise noch bis zum 31. Juli folgen. Geöffnet ist täglich außer dienstags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs zusätzlich bis 20 Uhr. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 6 Euro. Begleitend zur Ausstellung erschien ein 424seitiger Katalog zum Preis von 38 Euro im Verlag Pinakothek-DuMont. Er entstand ebenso wie die Ausstellung in Zusammenarbeit zwischen den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und dem Kunsthistorischen Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ergänzend zur der Ausstellung präsentiert die Neue Pinakothek bis zum 11. September die Schau „Rom 1846-1870 – James Anderson und die Malerfotografen“, die mit 140 Fotografien das antike wie zeitgenössische Rom nach kurz der Erfindung des neuen Mediums dokumentiert.

Kontakt:

Neue Pinakothek

Barer Straße 29

DE-80799 München

Telefax:+49 (089) 23 80 52 21

Telefon:+49 (089) 23 80 51 95

E-Mail: info@pinakothek.de

Startseite: www.pinakothek.de



19.07.2005

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Sabine Boehl

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Friedrich Nerly, Olevano von Norden, um 1829
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Jakob Philipp Hackert, Ideale Landschaft mit Tempelchen, 1789

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