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Henri Matisse in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Interieurs der Unbeschwertheit



„Für mich liegt alles in der Konzeption. Man muss von Anfang an eine klare Vorstellung vom Ganzen haben.“ So charakterisiert der französische Maler Henri Matisse (1869-1954) in seinem Buch „Notizen eines Malers“ seine Herangehensweise an ein neues Bild. Seine künstlerische Handschrift ist unverwechselbar: Noch in der kleinsten Zeichnung erkennt man seinen Hang zum Dekorativen, zur geschwungenen, weichen Linie, zur ornamentalen Arabeske, aber auch zum klaren Bildaufbau. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zeigt jetzt rund 90 Gemälde, 60 Zeichnungen, 25 Plastiken und 20 grafische Arbeiten aus allen Schaffensphasen des französischen Ausnahmekünstlers. Als Retrospektive aber versteht sich diese größte Matisse-Ausstellung in Europa seit 1970 nicht. Ihr Hauptaugenmerk richten die Düsseldorfer vielmehr auf die drei zentralen Begriffe Figur, Farbe und Raum, die im Bilderkosmos des Henri Matisse eine große Rolle spielen.



Die Schau, die chronologisch aufgebaut ist, beginnt mit frühen, um 1895 entstandenen häuslichen Interieurs. Sie zeigen weibliche Figuren in üppig und detailreich ausgestatteten Innenräumen, eine Lesende etwa, eine Kranke im Bett oder eine bretonische Serviererin, die Matisse während eines Ausflugs an die See gemalt hat. Hier sieht man, dass der junge Maler, der sich zunächst als Jurist seinen Lebensunterhalt verdient hatte, seinen eigenen Stil noch nicht so recht gefunden hat und in Anlehnung an große Vorbilder wie Vermeer, Rembrandt und Jean Siméon Chardin herumexperimentiert. Während seines Studiums besuchte Matisse immer wieder den Louvre und kopierte insbesondere Chardin. Denn, so schrieb er, er wollte aus der „Kenntnis der Tradition das wohlbegründete und unabhängige Gefühl seiner eigenen Individualität schöpfen“.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfügen seine Bilder bereits über alle Ingredienzien, die einen typischen Matisse ausmachen. Weibliche Figuren, fast immer Akte, die oft in träumerischen Posen verharren und gleichzeitig eine gewisse Leichtigkeit, Jugendlichkeit und Unbeschwertheit ausstrahlen. Der zuvor oft fauvistisch diffuse, in Brauntönen gehaltene Farbauftrag wird ersetzt durch eine klare, oft intensive Farbigkeit. Die Bilder sind immer mehr aus eindeutig organisierten rechteckigen Flächen komponiert. Schmückende Details wie gemusterte Stoffe, Tapeten, Paravents, Obstschalen, Goldfischgläser oder Blumenarrangements gewinnen größere Bedeutung. Die meist sommerlich-mediterrane Außenwelt, Palmenzweige, Ausschnitte aus Küstenlandschaften oder Blicke auf das Meer, dringt durch geöffnete Balkontüren, Spiegel oder angewinkelte Fensterläden ins Bild.

Auf dem Gemälde „La musique“ von 1939 sind zwei dunkelhaarige weibliche Figuren zu sehen, die auf einer südlichen Terrasse in unbeschwerter Heiterkeit musizieren. Die eine lauscht gedankenversunken dem Gitarrenspiel der anderen. Alles auf diesem Gemälde strahlt Harmonie aus. Form und Farbe des Musikinstruments tauchen in den Körperproportionen der zuhörenden Frau wieder auf. Das üppige Blattwerk des Philodendron hinter ihnen korrespondiert mit den schlanken und extrem langgliedrigen Extremitäten der beiden. Natur und Mensch scheinen nahtlos ineinander zu fließen. Henri Matisse bemerkte dazu: „Für mich sind Gegenstand und Hintergrund in einem Bild gleich wichtig, oder um es deutlicher zu sagen, es gibt keinen Hauptgegenstand, nur auf die Anordnung kommt es an.“

Die Beziehung zwischen Maler und Modell gehört zu den großen Mythen der Kunstgeschichte. Gerade bei Matisse, dessen fast ausschließliches Sujet die Darstellung des unbekleideten weiblichen Körpers im Interieur war, drängt sich die Befragung dieses intensiven Dialogs auf. Spannend in diesem Zusammenhang ist ein ganzer Raum mit rund 35 historischen Fotografien, die Matisse bei der Arbeit mit wechselnden Modellen in seinem Atelier zeigen. Fast ein wenig an Sigmund Freud erinnernd, sitzt Matisse in professoralem Habitus mit Hemd, Krawatte, Weste und weißem Kittel im Atelier und studiert und skizziert sein Modell in den unterschiedlichsten Posen: stehend, liegend, sitzend oder mit über den Kopf verschränkten Armen.

„Meine Modelle sind nie bloß Statisten in einem Interieur. Sie sind das Hauptthema meiner Arbeit. Ich bin vollkommen abhängig von meinem Modell, das ich zuerst ungezwungen beobachte. Erst nachher entscheide ich mich für die Pose, die es einnehmen soll“, erläutert Matisse. Hatte er das richtige Modell gefunden - meist Frauen, die ebenso wie er der künstlerischen Boheme angehörten - so blieb er ihm meist jahrelang treu. Gerade in einer Zeit, wo Malerei mit narrativen Elementen wieder en vogue ist, wo junge Maler wie etwa der Leipziger Matthias Weischer das Interieur als Zitatraum auffassen und eine Ästhetik des Unbeschwerten durchaus wieder geschätzt wird, lohnt auch der Blick auf Altmeister wie Henri Matisse.

Die Ausstellung „Henri Matisse - Figur Farbe Raum“ läuft vom 29. Oktober bis zum 19. Februar. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20 hat täglich außer montags von 10 bis 20 Uhr, an jedem ersten Mittwoch im Monat zusätzlich bis 24 Uhr geöffnet. Am 24., 25. und 31. Dezember bleibt das Museum geschlossen. Der Eintritt beträgt 10 Euro, ermäßigt 7,50 Euro. Der 384seitige Katalog ist im Hatje Cantz Verlag und kostet im Museum 25 Euro.

Kontakt:

K20 - Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Grabbeplatz 5

DE-40213 Düsseldorf

Telefon:+49 (0211) 83 81 0

Telefax:+49 (0211) 83 81 201

Startseite: www.kunstsammlung.de



27.10.2005

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Nicole Büsing & Heiko Klaas

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Die Skulpturen von Henri Matisse
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Blick in die Ausstellung „Henri Matisse - Figur Farbe Raum“
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Henri Matisse







Die Skulpturen von Henri Matisse

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Blick in die Ausstellung „Henri Matisse - Figur Farbe Raum“

Blick in die Ausstellung „Henri Matisse - Figur Farbe Raum“




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