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Egon Schiele in der Albertina

War’s wirklich so schlimm?



Egon Schiele, Selbstbildnis mit herabgezogenem Augenlid, 1910

Egon Schiele, Selbstbildnis mit herabgezogenem Augenlid, 1910

Egon Schiele galt zu Lebzeiten als das enfant terrible seiner Generation. „Sagen Sie um Gotteswillen niemandem, dass Sie bei mir gelernt haben!“ Diesen Ausruf eines Lehrers – in diesem Fall Christian Griepenkerl mit Namen, den heute keiner mehr kennt – wird sicher nicht nur der junge Revoluzzer aus der Kleinstadt Tulln zu hören bekommen haben. Die Angst des Akademieprofessors vor dem Neuen, der ihn eines Tages in den Schatten stellen würde, war – wie so oft – nicht unberechtigt: Schiele avancierte zum Star der österreichischen Kunstszene vor und während des Ersten Weltkriegs und galt nach dem Tod Gustav Klimts im Februar 1918 für kurze Zeit als die Nummer eins, bis er plötzlich im Oktober dieses Jahres selbst dahingerafft wurde. Der Ruhm jedoch blieb über den Höhepunkt 1948 hinweg, als in der Albertina eine große Jubiläumsausstellung mit rund 350 Werken stattfand und den verzehrten, kriegsgeplagten Wienern die verzerrten, seelengeplagten Bilder aus dem Beginn der langen Katastrophe des 20. Jahrhunderts gegenüberstellte, und ungebrochen bis heute, wo dasselbe Haus ihn erneut dem Publikum vorlegt, diesmal einer anderen Generation mit anderen Deutungsschwerpunkten.



Der Hausherr Klaus Albrecht Schröder höchstpersönlich kuratiert bei dieser Ausstellung und zeichnet auch als alleiniger Verfasser des Katalogs verantwortlich. Rund 220 Blätter zeigt er in der Albertina, 130 aus deren eigenem und 90 aus fremdem Besitz. Nicht besonders viel, könnte man meinen, wenn man bedenkt, dass damit nicht einmal zehn Prozent des fast 3.000 Werke umfassenden Œuvres von Schiele präsentiert werden. Dieses umfasst beinahe ausschließlich Zeichnungen, enthält einige wenige, in materieller Hinsicht oft von Mangelwirtschaft gekennzeichnete Bilder und noch weniger Plastiken. Vor allem wird anhand der ausgestellten Werke deutlich, worin das Sensationelle der Kunst Schieles liegt und warum er für damalige Zeiten so progressiv erscheint. Sie zeigt aber auch, was den besonderen Wert Schieles ausmacht, der das vermeintlich Pornographische in die Kunst hinüberzieht.

Schiele beginnt wie fast jeder junge Künstler als kleiner Epigone in den Bahnen von älteren Meistern. Renoir und die französischen Impressionisten heißen seine ersten Vorbilder, Klimt folgt, und seinem Vormund, Onkel Leopold Czihaczek, gefällt es, sich von seinem talentierten Neffen portraitieren zu lassen. Als dieser die Bahnen des Gefälligen verlässt, verwirft Czihaczek ihn und versagt ihm seine Unterstützung, um sich seines ehemaligen Mündels erst wieder zu erinnern, als dieser schon berühmt und wenig später tot ist. Nur einige exemplarische Blätter präsentiert die Ausstellung aus dieser ersten Zeit des Suchens. Das Hauptaugenmerk konzentriert sich auf die Jahre ab 1910. Spätestens und schon als Zwanzigjähriger findet Schiele seinen unverwechselbaren Stil und vor allem den Mut zu seinen berühmten, extremen Sujets.

Die Aktbildnisse wirken in der Tat bis heute aufreizend und für den Prüden immer noch obszön. Da ist zum Beispiel der nur mit langen Kniestrümpfen bekleidete liegende weibliche Torso, dessen gespreizte Beine den Anblick der intimsten menschlichen Körperteile nicht vermeiden lassen, ja geradezu herausfordern. Oder die schwangere Frau, deren Unterschenkel und linker Arm fehlen, während die linke Gesichtshälfte durch einen harten Pinselstrich hinweggefegt ist, als habe der Künstler mittendrin das Interesse an dieser Person verloren. Diese exemplarischen Zeichnungen, beide 1910 entstanden, sprechen bei aller Expressivität und Drastik, bei aller unleugbaren erotischen Begier jedoch auch von einer anderen Seite des menschlichen Wesens: In der Unvollständigkeit und eigentlich abstrusen Farbgebung der Körper mit grellen Rot-, Grün- und Gelbtönen weisen sie gefühlvoll auf die menschliche Unvollkommenheit und Verletzlichkeit hin, ja selbst das masturbierende Mädchen mit dem schmachtenden Blick erscheint in ihrem Tun vergeblich, wirkt wie ein Symbol dauerhafter, nicht nur sexueller Unerfülltheit. Und so mischt sich in die Sensationslüsternheit des Betrachters auch ein Gefühl der Trauer angesichts dieses auf andere als die herkömmliche und hinlänglich bekannte Art umgesetzten Themas der Vanitas.

Entsprechend ihrer Anonymität erscheinen die Akte meist vollkommen losgelöst von Raum und Zeit – wie überhaupt kaum ein Künstler derart dezidiert auf die Verarbeitung historischer Stoffe aller Art verzichtet. Sie erscheinen als Geworfensein auf die eigene Existenz. So verhält es sich auch mit einem zweiten Schwerpunkt seiner Arbeiten, die – auch darin unterscheidet er sich von seinen Malerkollegen – neben den zahllosen Aktbildnissen einen großen Raum in seinem Œuvre einnehmen: Die Selbstbildnisse. Schiele scheut sich dabei nicht, sich selbst ebenfalls als Akt zu präsentieren. Doch wiederum kommt es darauf kaum an. Denn nicht seine Nacktheit ist ungewöhnlich, sondern die Form dieser Nacktheit, die eigenwillige Körperhaltung des Dargestellten, die seinen inneren Zustand nach Außen zu tragen scheint.

Mit affenlangem rechtem Arm, zur Seite gehalten und gleichzeitig angestrengt angewinkelt – man versuche, diese Körperhaltung länger als zwei Minuten durchzuhalten – sieht sich sein Gesicht 1910, während es dazu eine abstoßend hässliche Grimasse zieht. Dazu erscheint er in einem dreckigen Braunschwarz, als käme er gerade aus einem Schlammloch; oder auf einem anderen Blatt in einem leuchtenden Rot mit weißer Umrandung, die Arme angewinkelt vor der Brust gehalten. Es kommt kaum darauf an, wie er sich genau darstellt, aber immer entsteht der Eindruck eines melancholischen, zerfahrenen oder wahnsinnigen Menschen, der manchmal wie ein Irrer, manchmal wie James Dean wirkt – nie aber ausgeglichen.

Die Deutung dieser Bildnisse hat sich freilich in der letzten Zeit gewandelt, und auch die Ausstellung versucht, das Bild des unglücklichen, tragischen Künstlers Schiele ein wenig zu relativieren. Im wirklichen Leben ist er dies nämlich keineswegs gewesen, vielmehr wird er von Zeitgenossen als oft fröhlicher, das Leben nicht allzu ernst nehmender Mensch geschildert, dem zudem materielle Sorgen zwar nicht fremd waren, der jedoch nicht unter ihnen gelitten hat. So erscheint vieles als ein Akt der Selbstinszenierung oder – neutraler, wertfreier ausgedrückt – als ein nüchterner Versuch zu erkennen, in welchen Gefühlsregungen der eigene Körper darstellbar ist.

Dennoch ist manches nicht frei von allzu heftigem Pathos. So wirken die Zeugnisse seiner wohl tatsächlich schwersten Zeit, der dreieinhalb Wochen, die er 1912 wegen angeblicher Kindesentführung im Untersuchungsgefängnis verbringen musste, wie die Selbstdarstellung des Schauspielers, der in echter Not auch wirklich geschunden sein will. Der kahl geschorene Maler mummelt sich in seine dürftigen Steppdecken ein, mal mit kindlich-traurigem, mal mit agonisch-verkrampftem Gesicht, und kommentiert das Blatt märtyrerhaft mit den Zeilen: „Ich werde für die Kunst und für meine Geliebten gerne ausharren!“. Er konnte auch dick auftragen.

Auch Schiele hatte eben seine Marotten, salopp gesagt. Dazu gehörten auch obskure Dinge. So wirkt das kleine Mädchen, das Schiele 1910 portraitiert, mit seinen vorgestreckten, gespreizten Händen und den hypnotisch blickenden Augen wie eine frühe Version des Grafen Orlock aus Murnaus „Nosferatu“. Die feurig-roten Haare sind zudem samt den Schultern durch einen weißen Pinselstrich konturiert, als glühe das Kind. Okkultismus und dergleichen Späße übten durchaus ihren Reiz auf Schiele aus, und er war davon überzeugt, dass Menschen die Eigenschaft besäßen, von Innen zu leuchten – aber eben nicht nur mental. Diese Art und Weise, seine Modelle mit einem weißem Kranz zu umgeben, taucht in dieser Zeit häufiger, später mit dem Verlust des Interesses an Zauberei und dunkle Magie allerdings nicht mehr auf.

Die Themen verändern sich im Lauf der Zeit wenig, der Stil dagegen erkennbar. So macht sich 1914 plötzlich der Einfluss Ferdinand Hodlers und der Symbolisten bemerkbar. Ein schimmeliges Blau kennzeichnet nur wenige Stellen des Körpers einer Frau, die Formen sind runder und plastischer als noch ein paar Jahre zuvor, die haptische Stofflichkeit der Kleidungsstücke nimmt zu, und der Ausdruck wird ruhiger und präziser. Im gleichen Jahr treten auch geometrische Muster in immer wiederkehrenden Variationen auf und gliedern die Figuren oder Personengruppen. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges, den Schiele trotz seiner körperlichen Untauglichkeit als Soldat an verschiedenen administrativen Stellen mitmacht, scheint auch er seine Posen nicht mehr zu benötigen: Das Bildnis seiner Selbst mit Frau und kleinem Kind wirkt fast natürlich, Schieles Gesicht ist klar und ernst, die großen Augen blicken den Betrachter mehr als nur sorgenvoll an.

Mittendrin bricht die Ausstellung plötzlich ab. Am 31. Oktober 1918 beendet die spanische Grippe Schieles Leben und Schaffen.

Die Ausstellung „Egon Schiele“ läuft bis zum 19. März. Die Albertina hat täglich von 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt beträgt 9 Euro, ermäßigt 7,50 Euro bzw. 6,50 Euro. Der Katalog kostet in der Albertina 29 Euro.

Kontakt:

Albertina

Albertinaplatz 1

AT-1010 Wien

Telefax:+43 (01) 534 83 199

Telefon:+43 (01) 53 48 30

Startseite: www.albertina.at



13.01.2006

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Johannes Sander

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Egon Schiele, Aktselbstbildnis, 1916

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Egon Schiele, Bildnis Edith Schiele, 1917

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Egon Schiele, Sitzende Frau mit hochgeschobenem Kleid, 1914

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Egon Schiele, Den Künstler hemmen ist ein Verbrechen, es heisst keimendes Leben morden!, 1912

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Egon Schiele, Weibliches Liebespaar, 1915

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Egon Schiele, Mädchenakt mit verschränkten Armen, 1910

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Egon Schiele, Junger Mädchenakt im ockerfarbigen Tuch, 1911

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