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Europäisches Glas und Studioglas bei Fischer

Tschechisches Informel



Stanislav Libensky,  Composition, 1964/65

Stanislav Libensky, Composition, 1964/65

Einen Tag nach dem Verkauf der Sammlung Buchecker startet die Hauptaktion „Europäisches Glas und Studioglas“ bei Fischer in Heilbronn. Dass hier nicht nur für den großen Geldbeutel etwas geboten ist, sondern auch für den Sammler mit kleinerem Budget, zeigt die erste Position. Hierbei handelt es sich um zwei Fläschchen aus dünnwandigem, leicht grünstichigem Glas mit umgeschlagenem Rand und eine quadratische Henkelflasche. Alle drei Bodenfunde haben die Jahrhunderte überdauert. Stammen sie doch aus dem Vorderen Orient des 2./3. Jahrhunderts und werden für ihr Alter zu einem Schätzpreis von nur 330 Euro angeboten. Ein deutsches Stangenglas aus der Zeit um 1600 lässt schon tiefer ins Portemonnaie greifen. Für die hellolivfarbene, eng zylindrische Form mit hochgestochenem Boden und den sechs umlaufenden, gekniffenen Fadenauflagen ist eine Taxe von 5.800 Euro angesetzt. Die günstigere Variante, ein deutsches Bandwurmglas aus dem 17. Jahrhundert, das mit matten Blütenzweigen unterhalb des Lippenrandes aufwartet, kostet 2.800 Euro. Von Georg Schwanhardt d.Ä. stammt der Mitte des 17. Jahrhunderts gefertigte Nürnberger Kugelfußbecher. Mit leicht hochgestochenem Boden steht er auf drei gedrückten Kugelfüßen. Die Wandung ist mit einem von Blattzweigen gerahmten Raubvogel verziert (Taxe 3.400 EUR).



Ein kaiserlicher, österreichischer Pokal datiert aus der Zeit um 1760. Christian Gottfried Schneider hat dieses Stück in feinem, teils geblänktem Schnitt ausführt. In einer Waldlandschaft sitzt unter einem Sonnensegel ein höfisches Paar mit seinem Diener. Seitlich befinden sich Wasserspiele, und auf der Rückseite ein ins bis Detail akkurat ausgeführtes Wappen von Kaiser Franz I., der nach seiner Heirat mit Maria Theresia 1745 zum Mitregenten der Habsburgerin wurde (Taxe 5.500 EUR). Für 4.800 Euro bietet der Heilbronner Versteigerer einen Erotika-Deckelpokal an, den Elias Rosbach um 1740 in Zechlin gefertigt hat. Auf der gebauchten Wandung findet sich ein höfisches Paar in hügeliger, baumbestandener Landschaft mit von Jagdhunden verfolgtem Wild. Die Dame trägt eine Flinte mit dem Daumen der Rechten am Hahn. Die unterhalb des vergoldeten Lippenrandes geblänkte Kugelbordüre trägt die Inschrift „Vivat die Jungfer mit der angenehmen Hand welche den jäger den hanen auf Ziht und spant“.

Ebenso aus Zechlin stammt die große Deckelvase, die mit ihrem zehnpassigen Fuß mit gekerbtem Rand um 1813 entstand. Die urnenförmige Kuppa ist mit äußerst fein ausgeführten, flächenfüllenden Diamantbuckeln verziert, die von einem Deckel bekrönt wird, der eine kreuzschraffierte Bordüre mit senkrechtem und waagrechtem Schliff sowie polierte Oliven aufweist. Für dieses bedeutende Glas hat Fischer einem Schätzpreis von 12.000 Euro angesetzt. Ein von der Rheinischen Glashütten-Actien-Gesellschaft in Köln-Ehrenfeld um 1886 gefertigter „Dogen-Pokal“, der eine freie Nachbildung eines altvenezianischen Glases mit Fadeneinlagen im Museum der Pforte de Hal in Brüssel darstellt, wird mit einer Taxe von 7.700 Euro angeboten.

In farblosem Glas mit eingeschmolzenem Pulver in Opakgelb, Rot, Opakweiß, Kupferrubinrot und Blaugrün kommt die 1903 produzierte Enghalsvase „Vigne, vierge, mouche et araignée“ der Gebrüder Daum aus Nancy daher. Ihr geätzter, glänzend irisierender Dekor zeigt Blattwerk des wilden Weins über zwei Spinnennetzen, der um vier in Hoch- und Tiefgravur zu Insekten modellierten, anpolierten Glasnuppen ergänzt wird (Taxe 5.900 EUR). Vom Konkurrent Emile Gallé stammt die ebenfalls um 1903 gefertigte Vase mit Schwertlilien. Im unteren Teil ihrer Wandung finden sich auf dem braunen Glas Pulver- und Oxideinschmelzungen. Auf der Wandung ist in Weiß unterlegtem, violettem Glas eine große Blüte in Marqueterie-Technik aufgeschmolzen, die von Blüten und Blattwerk der Schwertlilie umgeben wird. Möchte man ein solch ansprechendes, in mehreren Arbeitsgängen reliefiert geätztes Dekor zur Verschönerung seiner Innenarchitektur, sollte die Geldbörse 18.500 Euro bereithalten.

Für die Weltausstellung 1900 in Paris wurde der gut 30 Zentimeter hohe Vasenpokal von Lötz Witwe in Klostermühle geschaffen. Die Kuppa des böhmischen Glases ist dunkelblau unterfangen und in silbergelber, rubinroter Äderung zu Wellendekor verzogen. Der farblose Schaft ist ebenfalls mit rubinrot geädertem Silbergelb umsponnen und sitzt auf einem angeschmolzenen transparenten Tellerfuß (Taxe 7.500 EUR). Die Glasfachschule Haida hat die Vase entworfen, die von Joh. Oertel & Co. um 1929 ausgeführt wurde. Nicht so mondän wie Art Déco-Objekte aus Frankreich wirkt dieses Stück mit seinem kobaltblauen Überfang, seiner Gelbbeize und Poliergoldmalerei eher filigran, was besonders durch die sich sechsfach wiederholende Pflanzenstilisierungen und die geometrischen Ornamente zum Ausdruck kommt (Taxe 4.200 EUR). Knapp zwanzig Jahre später ist die Vase von Otto Pursch im Stil der böhmischen Fachschulgläser mit Unterwasserdekor entstanden, die mit Fischen, Seepferdchen und Unterwasserflora in Schwarz bedeckt ist (Taxe 4.800 EUR).

Für Lobmeyr in Wien gravierte August Bischof um 1925 eine Vase aus dickwandigem, farblosem Glas. Das in feinem, teils geblänktem Hochschnittdekor gearbeitete Objekt zeigt Siegfried, der den Drachen tötet, und die Rückseite wartet mit einer Strophe aus der Nibelungensage auf. „Einen lintwurm slouch des heledes hant“ – wer soviel Pathos braucht, muss 8.500 Euro berappen. Nach der üppigen Auswahl an Vasen kommen aber auch Freunde des Stängelglases auf ihre Kosten. Ein Entwurf von Otto Prutscher wurde um 1906 ausgeführt und fällt durch seinen vierfach facettierten geschliffenen Schaft auf, der die schalenförmige, gelb überfangene und schliffverzierte Kuppa trägt (Taxe 4.500 EUR). Tausend Euro teuerer ist das Stängelglas angesetzt, dem Josef Hoffmann 1912 die Form und Michael Powolny das Dekor gaben. Sein Scheibenfuß mit vielfach geschältem Rand bildet die Basis für den zylindrischen glatten Schaft, der in der Mitte einen facettierten Wulstnodus zum Vorschein bringt. Die schalenförmige Kuppa ist mit drei Hochovalmedaillons versehen, deren laufende, nackte Knaben von polierten Kugelungen eingerahmt sind (Taxe 5.500 EUR).

Bei den Positionen an Murano-Glas sticht insonderheit eine grüne dünnwandige Vase von Carlo Scarpa ins Auge, die es mit ihrer Höhe von 28,5 Zentimetern und der schwachen Irisierung auf einen Schätzpreis von 11.000 Euro bringt. Geschaffen hat Scarpa die etwas gestreckte Kugelform 1936. Auch Pablo Picasso ist hier mit einem Entwurf aus dem Jahre 1966 vertreten. Sein Stier „Fucina degli Angeli“ kommt mit violettem Teilunterfang und opak weißen Aufschmelzungen in dem für den Spanier so typischen verzerrten Gestus daher (Taxe 12.000 EUR).

Den Abschluss des Kataloges macht das überwiegend aus einer Privatsammlung stammende tschechische Design-Glas. Dieses erscheint zwar erst Ende der 1950er Jahre, dann aber um so überzeugender mit abstrakten gemalten, geätzten, geschliffenen, gravierten, sandgeblasenen und anderen Dekoren, die in der Bildenden Kunst vom kommunistischen Regime unterdrückt, bei Künstlerglas aber mehr oder weniger toleriert wurden. Hieraus rekrutiert sich dann auch das Spitzenlos der Auktion. Dieses ist bei Fischer ein Pâte de verre in Graubraun, das aus drei Segmenten zusammengesetzt ist. Das 84 mal 125 Zentimeter große, abstrakte, ans Informel erinnernde Relief „Composition“, geschaffen von Stanislav Libensky in den Jahren 1964/65, bietet der Heilbronner Versteigerer zu einem Schätzpreis von 43.000 Euro an.

Zum Abschluss des Tages kommt ab 18 Uhr noch die Sammlung Gombert Berlin mit ihren rund 230 Objekten zum Aufruf. Hier steht zu Beginn eine knapp 90 Objekte umfassende Auswahl an Gläsern von René Lalique zur Verfügung. Eine Art Déco-Vase von 1926 wurde in einem teils geschliffenen, polierten und blau patinierten Dekor entworfen, das verschiedene Silberreiher kunstvoll stilistisch miteinander verwebt (Taxe 3.300 EUR). Die ein Jahr später entstandene Vase „Bacchantes“ wurde teils durch Schliff und Politur nachveredelt und weist eine braunviolette Patina auf. Die Wandung dieser für das französische Art Déco so typischen Vase wird von einem umlaufenden kräftigen Relief aus zehn Frauenakten in Tanzpose gebildet (Taxe 4.500 EUR). Stellfläche für diese beiden Vasen bietet der Tisch „Cactus“, der 1951 nach einem Entwurf von Marc Lalique gefertigt wurde. Das farblose, polierte und teils matt geätzte Glas der runden Tischplatte ist in einen Metallring eingesetzt, der auf acht langen, spitz zulaufenden und gerippten Kakteenblättern ruht. Auf der runden Sockelplatte befinden sich weitere acht kurze Agaveblätter in strahlenförmiger Anordnung. Soviel Fantasie und Ideenreichtum möchte Fischer mit 17.000 Euro belohnt wissen.

Die Auktion beginnt am 18. März um 10 Uhr. Die Vorbesichtigung ist noch bis zum 16. März täglich von 11 bis 17 Uhr, am 17. März von 9 bis 12 Uhr möglich. Der Katalog ist auch im Internet unter www.auctions-fischer.de einsehbar.

Kontakt:

Dr. Jürgen Fischer Heilbronner Auktionshaus

Elbinger Straße 11

DE-74078 Heilbronn

Telefax:+49 (07131) 15 55 720

Telefon:+49 (07131) 15 55 70

E-Mail: info@auctions-fischer.de

Startseite: www.auctions-fischer.de



14.03.2006

Quelle/Autor:Kunstmarkt.com/Ivo Rüdiger Schott

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