Losnummer: 76
Veräußerer und die Erbengemeinschaft der Eigentümerfamilie Hess haben sich hinsichtlich evtl. bestehender Restitutionsansprüche geeinigt. Seitens der Familie Hess werden keinerlei Ansprüche hinsichtlich dieses Werkes geltend gemacht.
Die Arbeit wurde durch Herrn Dr. Felix Krämer, Leiter der Gemälde- und Skulpturensammlung 19. Jh u. klass. Moderne am Städel Museum Frankfurt, begutachtet und für die Ernst Ludwig Kirchner Retrospektive vom 23. April bis 25. Juli 2010 als Ausstellungsleihgabe angefragt.
Die Erotik des weiblichen Aktes
Im Herbst 1911 verließ Ernst Ludwig Kirchner seine vertraute Umgebung in Dresden; verließ „Dodo“, die „blitzsaubere Katze“, Geliebte, Muse, Modell und zog nach Berlin. Max Pechstein und Otto Mueller lebten und arbeiteten bereits in der neuen, international orientierten Kulturmetropole, die jungen Talenten jene Möglichkeiten bot, die im stilleren Elbflorenz nicht bestanden. Kirchner hatte im April 1911 erste Kontakte geknüpft zu Herwarth Waldens Kunstsalon und zur Zeitschrift „Der Sturm“, in der eine Zeichnung, später Holzschnitte erschienen waren. Dann ging alles ganz schnell. Bald nach dem 1. Oktober fand er im berliner Stadtteil Wilmersdorf, Durlacherstraße 14, eine Wohnung, richtete sein Atelier ein, gründete mit Max Pechstein aus finanziellen Erwägungen ein Privat-Institut „Moderner Unterricht in Malerei (Muim)“, ließ eine Annonce drucken. In ihr warb er für den kommenden Sommer 1912 mit einem besonderen, zugleich typischen Angebot: „Freilichtakt an der See.“ Das ist die erste Spur, die zu dem jetzt wiederentdeckten Gemälde „Akte im Wald“ führt: Fehmarn – Kirchner kannte die Ostsee-Insel seit 1908 – sollte sein Freiluftatelier werden. Dort wollte er gestalten, was im Mittelpunkt seiner Kunstauffassung stand: „Die Erotik des weiblichen Aktes, den er gleichsam zur Metapher seines Lebens-Verständnisses machte.“ (Hermann Gerlinger 1995) In den ersten fünf Monaten des Jahres 1912 häuften sich die Ereignisse. Der mit dem Umzug nach Berlin erhoffte Durchbruch gelang. „Brücke“ agierte auf großer Bühne. Zunächst national mit einer Ausstellung in den renommierten Galerien Fritz Gurlitt (Berlin) und Commeter (Hamburg), dann international auf der Sonderbundausstellung in Köln (eröffnet 25. Mai), als ihre Arbeiten neben denen von van Gogh, Gauguin, Matisse, Picasso, Cezanne, Marc, Kandinsky, Jawlensky, Klee und Munch hingen. Kirchner traf den großen Norweger. Einem Freund schrieb er: „In Cöln lernte ich Munch kennen. Er ist mir sehr sympathisch, eine feine Persönlichkeit.“ Ende Mai 1912 war es dann so weit. Kirchner konnte mit den Vorbereitungen des Fehmarn-Aufenthaltes beginnen. Das Wichtigste: Er brauchte ein Modell – und eine Geliebte. Kurz vor der Abreise traf er zwei Schwestern, Tänzerinnen. Zur älteren fühlte er sich hingezogen. „Ich .. bestellte sie zu mir, um zu sehen, ob sie sich eignete resp. ihr Körper. Sie war .. gut gebaut, nur sehr elend und traurig. Wir hatten Sympathie füreinander, und sie ging mit mir und lebte bis zur Abreise ganz bei mir.“ Diese erste Begegnung blieb ihm im Gedächtnis: „Ich vergesse nie die rührende Hingebung, die in der Bewegung lag, als ich ihr helfen wollte, die Bluse auszuziehen. Es klingt vielleicht lächerlich, aber ich bin ungeheuer abhängig von der Körperform bei einem Menschen“. Ein Glücksfall? Eine Fügung? Es scheint so, denn Kirchner schrieb später: „1912 verbrachte ich mit Erna die Sommermonate auf Fehmarn. Hier lernte ich die letzte Einheit von Mensch und Natur gestalten .. Die Farben wurden milder und reicher, die Formen strenger.“ Das Gemälde „Akte im Wald“ bewahrt diese Erfahrung einer „letzten Einheit von Mensch und Natur.“ In der bildbeherrschenden Vordergrundfigur gestaltet der Künstler das Erlebnis Erna Schilling, der „körperlich schönen Frau in unserer Zeit.“. Was ihn faszinierte, was ihn zu Aquarellen und Zeichnungen inspirierte, war ihr Körper, ihr Typ, weniger ihr Gesicht. „Die Gestaltung des Menschen wurde .. durch eine Berlinerin .. stark beeinflusst.“ Ihr „architektonisch aufgebauter Körper“ traf „mein Schönheitsempfinden“. Gemälde, entstanden in diesen glücklichen Tagen zwischen dem 26. Juni und 16. August, atmen eine eigene Luft, gestalten eine neue Erfahrung. Kirchner hat nie zuvor so frei gearbeitet wie im Sommer 1912 auf Fehmarn. Es waren Wochen völliger Abgeschiedenheit an der Südostecke der Insel. Ein Leuchtturm, das Haus des Leuchtturmwärters Hans Friedrich Lüthmann, ein Giebel-Zimmer, der Strand, der abfallende Küstensaum unter einem mächtigen Himmel und einer leicht gekrümmten Horizontlinie – und Erna. Der ideale „Freilichtakt“, wie er ihn sich gewünscht hatte. Kirchner nutzte die Tage, stand zwischen 5 und 6 Uhr morgens auf, wusch sich kalt am Brunnen und begann zu arbeiten, was ihm den Respekt seines Vermieters eintrug. Es entstand das Gemälde „Ins Meer Schreitende“ (146 x 200cm, Gordon 262, Staatsgalerie Stuttgart). Eine Ikone der modernen Kunst. Es zeigt den Künstler und sein Modell, wie sie in gleicher Körperhaltung über die Kämme der Wellen „ins Meer schreiten“ – Hand in Hand. Kirchner photographierte Erna am Strand und schuf nach dieser Aufnahme das Gemälde „Badende zwischen Steinen“ (Gordon 256, 45,7 x 60,3 cm), etwas kleiner als die nun aufgefundenen „Akte im Wald“ (Gordon 263).
Ein Gemälde – Verbleib unbekannt
Dieses Werk wurde vermutlich nur einmal – im Februar/März 1919 – öffentlich gezeigt. Der Kunsthändler Ludwig Schames, Frankfurt/Main führte es in seinem Katalog – leider ohne Größenangabe und Abbildung – als Nr. 21 auf mit dem Titel: „Nackte Mädchen im Gehölz“. An anderer Stelle findet sich ein weiterer Hinweis aus jener Zeit: Ein Skizzenbucheintrag (Presler Skb 55) um 1918/19 verzeichnet das Werk mit dem Titel: „3 Akte im Gehölz“. Auffällig ist, dass Kirchner von Gehölz spricht, nicht von Wald. Und der Künstler hat Recht. Es handelt sich um das vom steten Wind gezerrte ufernahe Gehölz – bis heute trägt es den Namen „Staberholz“ – nicht weit von der Abbruchkante zum Strand. Kirchner bestätigt diese Charakterisierung der geduckten Vegetation in einem Gemälde, dem er (im Katalog der Galerie Schames 1919 Nr. 28) den Titel gab: „Gehölzweg nach dem Strande.“ Nur hier am Strand der Ostsee nahe dem Leuchtturm, fernab jeder „Zivilisation“, war es möglich, nackt zu baden, zu sonnen, zu spielen, die jungen Lüthmanns-Mädchen zu beobachten, sie zu zeichnen und – wie im Gemälde geschehen – zusammen mit Erna zu malen. Als Donald Gordon 1968 das Werkverzeichnis der Gemälde veröffentlichte, lag ihm offensichtlich nur ein s/w Photo der „Akte im Wald“ vor. Das Original sah er nicht: „Verbleib unbekannt.“ So konnte er keine Angaben machen zur Größe, zur Signatur auf Vorder- und Rückseite, und auch die örtliche Situation sowie die von Kirchner gewählten Titel waren ihm nicht bekannt. Das Gemälde gelangte um 1918/1919 in den Besitz des Erfurter Sammlers Alfred Hess. Den Nachweis führen zwei handschriftliche Notizen von Erna Schilling. Am Heiligen Abend 1918 vermerkte sie, die in Kirchners Abwesenheit – er lebte seit 1917 bei Davos – das Atelier betreute, in einem Skizzenbuch (Presler Skb 35) „Einnahmen 18 Hess B 10500. M“. Nach dem 9. Februar 1919 folgten zwei weitere Skizzenbucheintragungen: „v. Hess an Conto Ernst 3700.- Mark“ und wenige Zeilen später: „Herr Hess f. Schnalle 200.- M“. Die von Alfred Hess aufgewendeten Summen war hoch: 14 400.- Mark. Kirchners Preise für Gemälde lagen damals zwischen 2-3 000.- Mark, größere Werke kosteten 6 000.- Mark. Alfred Hess hat um 1919 offenkundig mehrere Gemälde erworben. „Akte im Wald“, die Kirchner „Nackte Mädchen im Gehölz“ und „3 Akte im Gehölz“ betitelte, wird damals in seine Sammlung gelangt sein.
Das Gemälde als Dokument einer großen Liebe
In einem Rückblick auf den glücklichen Fehmarn-Sommer schrieb Ernst Ludwig Kirchner Ende 1912, genau am 31. Dezember, an den hamburger Landgerichtsdirektor Dr. Gustav Schiefler: „Wie Sie wohl wissen, war ich in diesem Sommer .. in Fehmarn .. ich habe dort Bilder gemalt von absoluter Reife, soweit ich das selbst beurteilen kann. Ocker, blau, grün sind die Farben von Fehmarn.“ Das klingt wie eine Beschwörung des vorliegenden Werkes: Ocker und grün die Färbung der Bäume in vielfacher Brechung, blau der Himmel und das allgegenwärtige Meer. Erna steht im Mittelpunkt des Bildes. Das zeigt nur zu deutlich: Sie ist auch der Mittelpunkt seiner Kunst und seines Lebens. Mit ihr und durch sie erlebte er die Einheit von Mensch und Natur. Sie ermöglicht ihm eine neue gestalterische Ausgewogenheit, dämpfte sein heftiges, leicht erregbares, schnell überhitztes Temperament. Kirchner – ein auf sich selbst und sein Tun festgelegter Egozentriker – denkt nun nicht mehr ausschließlich an sich, bemüht sich vielmehr um Erna, will sie erobern, feiert ihre Körperlichkeit. In dem Gemälde „Brauner Akt am Fenster“ (Gordon 260, 125x90 cm) steht sie am Fenster des kleinen Zimmers im Haus des Leuchtturmwärters und schaut auf den Weg, der sich durch das „Gehölz zum Strande“ schlängelt. Hier und in den „Akten im Wald“ wird jene Stille erfahrbar, die dem Paradiese eigen ist. Seine Gestaltung erlangt eine tiefe, innere Harmonie. Kirchner bewältigt die Temperatur, die in der Begegnung von Mann und Frau aufbricht, formt sie um. Er kann die Umarmung, die aufbrechende Liebe hinüberführen und verwandeln in ein reifes Miteinander aus Linien und Flächen. Leben und Kunst klingen zusammen. Kirchner fand für diesen rätselhaften Vorgang, in dem Gemälde, Zeichnungen, Skizzen gelebtes Leben verdichten, das Wort „Ekstase“.
Resümee
Das jetzt nach mehr als 90 Jahren wieder aufgetauchte Gemälde Kirchners, das den Titel „Akte im Wald“ und die Werknummer 263 trägt, stammt aus einer Zeit, in welcher der Künstler, wie er selbst sagt, zu „absoluter Reife“ fand. Es ist die kraftvolle, zugleich verhaltene Sprache der Linien und Farben, die ihn schon bald zu seinen berühmten berliner „Straßenszenen“ führte. Möglich wurde das Miteinander von ekstatischer Anspannung und innerer Gelassenheit durch die Begegnung mit einer Frau, die als Modell und Geliebte seine Rastlosigkeit, sein Getriebensein dämpfte. Von ihr und der Unberührtheit, der Weite Fehmarns ging jene Stille und Konzentration aus, die Kirchner in diesen Wochen des Sommers 1912 zu Werken befähigte, die er selbst hoch einschätzte. So ist das lange verschollene, jetzt wieder aufgefundene, glanzvolle Gemälde ein glücklicher Fund, vor allem aber auch das Zeugnis einer wertvollen Begegnung – und einer großen Liebe.
Prof. Dr. Dr. Gerd Presler
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