Vom erhöhten Standpunkt
Christian Wilhelm Ernst Dietrich, gen. Dietricy
1712 Weimar – Dresden 1774
Feder in Braun, braun laviert, über Graphit auf Papier mit Wasserzeichen: Lilienkrone; unten rechts signiert: „C. W. E. Dietrich f. 1761“; Sammlerstempel B. Jolles; 22,3 x 28,8 cm
Maße:22,3 x 28,8 cm
Kunstsparte:: Zeichnung Material/Medium/Technik:: Feder auf Papier
Weitere Details:
Mit zwölf Jahren wurde Christian Wilhelm Ernst Dietrich von seinem Vater, einem Weimarer Hofmaler, zu dem berühmten Landschaftsmaler Johann Alexander Thiele in Dresden in die Lehre gegeben, der ihn zum Malerradierer ausbildete. Nach seiner Wiederkehr von längeren Reisen, die ihn vermutlich auch nach Holland führten, wurde Dietrich 1741 zum Hofmaler ernannt. 1743 reiste er auf königliche Kosten nach Italien. Am sächsischen Hof genoss er die Stellung eines der angesehensten Künstler. So war unter dem Kurfürsten Friedrich August II. eine Sammlung von 60 Gemälden im Geschmack Salvador Rosas, Adrian van Ostades, Rembrandts, Antoine Watteaus und anderer Vorbilder von Dietrichs Hand zusammengestellt worden. Das Interesse an den älteren Landschaftern niederländischer Schule übernahm Dietrich von Thiele. Er trug dazu bei, dass die Landschaft sich zur Hauptgattung im Schaffen der Malerradierer in Sachsen und darüber hinaus entwickelte. Dabei hat er die spätbarocke und zugleich stimmungsbetonte Landschaftsauffassung Thieles der Generation seiner Schüler vermittelt und gelegentlich schon bestimmte Elemente der romantischen Landschaft vorweggenommen. Die vorliegende Zeichnung erinnert mit ihrem Blick vom erhöhten Standpunkt zu einer Ortschaft, mit der nüchternen Beobachtung des Gutshofes, der Kirche vor dem niedrigen Horizont sowie den Dächern der Bauernhäuser zwischen den Baumkronen an Adrian Zingg und dessen Schule. Da sie jedoch zwei Jahre vor Zinggs Eintreffen in Dresden datiert ist, erweist sich Dietrich mit diesem Blatt als ein Vorgänger jenes sachlich konstatierenden Blicks auf die sächsische Landschaft, für den Zingg berühmt werden sollte. Dietrich umreißt die Konturen mit der Feder, um sie anschließend zu lavieren. Doch ist sein Lineament noch nicht in dem Maße schematisch wie bei Zingg. Das Wiesenstück rechts vorn, aber auch die Baumkronen in Mittelgrund sind mit lockeren Kürzeln und Schraffuren bezeichnet, so dass die Darstellung bei aller Nüchternheit lebendig wirkt. Sie ist das Zeugnis eines Künstlers, der für die stilistische Vielfalt seiner unterschiedlichen Handschriften berühmt gewesen ist. Zugleich zeigt sie, dass die Kenntnis der verschiedensten älteren Meister und deren künstlerischer Eigenarten ihm nicht den Blick für die reale Umgebung verstellt hatten. Mit diesem Blatt erweist sich Dietrich als ein Vorläufer der realistischen Landschaftsdarstellung bis in das 19. Jahrhundert hinein.