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Das Stadtzentrum von Tel Aviv zählt seit Juli 2003 zum UNESCO Weltkulturerbe. Die israelische Stadt am Mittelmeer, die dieses Jahr ihr 100. Gründungsjubiläum feiert, verfügt über ein einzigartiges Ensemble von mehr als 4.000 Häusern im Stil des „Neuen Bauens“, die teilweise erst in den letzten Jahren restauriert wurden. Nach Stationen in Lausanne, Le Havre, Montreal und Rom zeigt das Deutsche Architekturmuseum, Frankfurt am Main die von der Stadt Tel Aviv organisierte dokumentarische Ausstellung „Die ‚Weisse Stadt’. Tel Avivs Moderne“ vom 26. Juni bis 13. September 2009 im ersten Obergeschoss seines Hauses.
1925 wurde der schottische Stadtplaner Sir Patrick Geddes beauftragt, die noch junge Siedlung Tel Aviv durch einen Master-Stadtplan zu strukturieren. Er projektierte eine Gartenstadt mit streng hierarchischem Straßennetz und einer organischen Anordnung, die mit rund 60 öffentlichen Gärten durchsetzt sein sollte. Im Verlauf seiner Realisierung musste das Projekt stark verdichtet werden — schon aufgrund der Flut von Immigranten, die Tel Aviv zwischen 1930 und 1935 von 50.000 auf 120.000 Einwohner anwachsen ließ. Und doch lässt sich auch heute die ursprüngliche Planung von Geddes vielerorts noch erkennen.
Zahlreiche der in Tel Aviv lebenden Architekten orientierten sich in ihren Entwürfen an der Formensprache von Le Corbusier, Mies van der Rohe, Walter Gropius und Erich Mendelsohn, die ihnen als Vorbilder dienten. Die immigrierten Architekten aus Europa, die in den 1930er und frühen 1940er Jahren vor der wirtschaftlichen und politischen Krise nach Palästina flüchteten, aber auch vom „Neuen Bauen“ inspirierte, eingesessene lokale Architekten sorgten dafür, dass Tel Aviv in einem außerordentlichen Maßstab zu einem Experimentierfeld für die Grundsätze der modernen Architektur wurde. Natürlich musste die in Europa erlernte Architektursprache den klimatisch gänzlich anderen Bedingungen angepasst werden: Besonders auffällig ist in diesem Zusammenhang das Fehlen großer Glasflächen bzw. der verstärkte Einsatz von Balkonen mit Mauerbrüstungen — beides sollte dafür sorgen, dass die Hitze nicht ungehindert in die Häuser eindringen konnte.
Tel Aviv ist weltweit die einzige Stadt, deren Zentrum fast komplett im Stil des „Neuen Bauens“ errichtet wurde. Heute besteht jedoch bei vielen der Häuser akuter Sanierungsbedarf. Die Kuratorin der Ausstellung Prof. Arch. Nitza Szmuk, jahrelange Leiterin des „Conservation Department“ in der Stadtverwaltung, engagiert sich seit Jahren für den Erhalt dieser wertvollen Bausubstanz.
Die Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum vermittelt in historischen und aktuellen Fotografien einen Einblick in die Architektursprache der Zeit und veranschaulicht den Einfluss, den das europäische Erbe auf das lokale Bauen genommen hat. Der Master-Stadtplan des schottischen Stadtplaners Sir Patrick Geddes wird in Plänen und Modellen präsentiert, eine Auswahl von historischen Filmen gibt ein lebendiges Bild der Stadtentwicklung zwischen 1920 und 1958 wieder. Die Vielfalt der in Oberflächenbeschaffenheit und Farbe unterschiedlichen Verputze wird dabei ebenso gezeigt wie genaue Analysen von Detailplanungen (z.B. die verschiedenen Balkonarten). Grafische 3D-Animationen sowie nahezu 80 Lebensläufe der Architekten vertiefen das Verständnis für die Architektur der „Weißen Stadt“.
Tel Avivs Moderne — die lokale Architektursprache
Der Reichtum der modernen Bauten Tel Avivs steht auf augenfällige Weise mit der Ausbildung ihrer Architekten in Zusammenhang. Sie waren vor allem von dem französischen Architekten Le Corbusier, den expressiven Bauten Erich Mendelsohns, der deutschen Bauhaus-Schule und den Architekturinstituten in Gent und Brüssel beeinflusst. Die Architektursprache Tel Avivs stellt sich als Mischung dieser verschiedenen Quellen mit Elementen aus der für den Mittleren Osten charakteristischen Kultur des Maurerhandwerks sowie schlichter Lösungen klimatischer Probleme dar.
Die großzügigen Glasoberflächen der europäischen Moderne, die keine Regulierung von starkem Licht und drückender Hitze zulassen, haben nicht den Weg nach Tel Aviv gefunden und ihre Spur höchstens in Form von vertikalen Fensterbändern in Stiegenhäusern hinterlassen. Die Gebäude in Tel Aviv zeichnen sich dagegen dadurch aus, dass sie in mehrere vor- und zurückspringende Blöcke gegliedert sind, um auf diese Art dem Wind stärker ausgesetzt zu sein. Die Fensterbänder wurden durch lange, zurücktretende Balkone ersetzt, die mit Sonnenschutzvorrichtungen wie auskragenden Betonvordächern, mit Betoneinfassungen, Lüftungsschlitzen usw. ausgestattet wurden. Die Architekten arbeiteten dabei auch mit Elementen der Bautradition des Mittleren Ostens und des Mittelmeerraums wie etwa mit Patios, runden oder rechteckigen Lüftungsöffnungen, Arkaden und sogenannten Mashrabiyas (= vergitterte Wandteile oder Balustraden, welche die Räume dahinter mit Luft versorgen, den Blick nach draußen freigeben und dennoch Privatheit garantieren). Die herausragendsten Bauten weisen akribisch proportionierte Fassaden auf, deren minimalistische Schönheit sich oft aus einem präzisen Gleichgewicht zwischen Horizontalen und Vertikalen bzw. Öffnungen und geschlossenen Wandflächen ergibt.
Die Gebäude der Stadt nehmen in verschiedenster Weise auf die Straße Bezug: Sie treten zurück, wodurch großzügige Gärten zur Straße hin entstehen, welche die öffentlichen Grünflächen ergänzen. Sie sind an Straßenecken abgerundet, um Kreuzungen zu vergrößern und das Blickfeld zu erweitern. Es ist ein typisch moderner Zug, wenn sie in ihren Horizontalen betont werden, um so die einzelnen Bauwerke miteinander zu verbinden und einen Dialog entlang der Straße entstehen zu lassen. All diese Aspekte verwandeln eine Gebäudereihe in ein puzzleartiges Ensemble unabhängiger Elemente, das dennoch ein homogenes Gefüge bildet.
Die Anpassung des modernen europäischen Architekturvokabulars an die klimatischen Bedingungen des Orts und die regionale Bautradition des Maurerhandwerks haben eine reiche eigene Sprache hervorgebracht, die sich ebenso in einem ausgeprägten Aufbrechen der Volumina durch vor- und rückspringende Elemente niederschlägt wie in dem spielerisch, in mannigfaltigen Formen ausgeprägten Dialog zwischen Balkonen. Die ausgesprochene Dreidimensionalität, die expressiven Eigenschaften von Rundungen und der Fluss horizontaler Linien erzeugen ein kraftvolles Wechselspiel von Licht und Schatten, das eines der wichtigsten Hauptmerkmale der Architektur Tel Avivs darstellt. Die Weiße Stadt steht für eine von überflüssigen Ornamenten freie, reine, klare Architektur — ein Eindruck, der durch die überwiegende Verwendung von glattem hellem Verputz unterstrichen wird, der die Schönheit der Baukörper im strahlenden Licht der Mittelmeersonne hervortreten lässt.
Tel Avivs Moderne — Nominierung zum Weltkulturerebe
Am 3. Juli 2003 wurde im Rahmen der 27. Tagung der UNESCO in Paris die „Weiße Stadt Tel Aviv“ zum Weltkulturerbe erklärt. Den Ausschlag gaben folgende Kriterien:
Die Weiße Stadt weist neben modernen Gebäuden der Nachkriegszeit (1948—1960) die größte Konzentration an Bauwerken im frühen Internationalen Stil (1931—1948) auf.
Die Bandbreite und stilistische Homogenität des Ensembles.
Die Lage der Weißen Stadt inmitten einer Metropole, die im Vergleich zu den meist an der Peripherie liegenden, nur beschränkt zugänglichen und deshalb wenig frequentierten modernen Stadtteilen anderer Länder maximale Frequenz garantiert, was Öffentlichkeit und Besucher betrifft.
In den Bauwerken der Stadt haben die Vorstellungen verschiedener Gruppierungen der Moderne ihren Niederschlag gefunden haben. Die nach Eretz Israel eingewanderten Architekten studierten an unterschiedlichen europäischen Schulen der Avantgarde. Manche machten ihre Lehre in Büros führender Architekten, die für die Moderne Bahnbrechendes geleistet haben. Eine Neueinschätzung der übernommenen Kenntnisse, Grundsätze und Ideen in Abstimmung auf das lokale Klima und die Kultur der Region hat eine Synthese neuer Formen hervorgebracht. Diese Synthese ließ wiederum eine reiche und mannigfaltige Architektursprache entstehen, vergleichbar mit keinem anderen Stadtzentrum auf der ganzen Welt.
Aus der historischen Perspektive des 20. Jahrhunderts betrachtet, unterstreicht die zufällige Überschneidung von Geddes’ Stadtplan für Tel Aviv mit der modernen Architektur der Stadt deren Charakter und ihre Einheitlichkeit. |