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Ernst Barlach, Der Zweifler, 1930/31

Ernst Barlach, Der Zweifler, 1930/31

Bronzeplastik. Höhe 51,5 cm. Breite 28 cm. Tiefe 20,2 cm. Am rechten hinteren Gewandsaum signiert 'E. Barlach' und mit der eingeschlagenen Nummerierung versehen sowie hinten links mit dem Gießerstempel "H NOACK BERLIN FRIEDENAU". Exemplar 4/10. Lebzeitenguss. - Mit goldbrauner, ins Olivfarbene spielender Patina. An der Kalotte mit dem typischen, durch den Gusskanal entstehungsbedingten kleinen Quadrat. Innen mit Resten des für die alten Barlach-Güsse typischen anthrazitfarbenen Schamott und mit zwei Aufklebern der Galerien Alfred Flechtheim, Berlin, Düsseldorf versehen.

Laur 470; Schult 385

Provenienz

Galerien Alfred Flechtheim, Berlin und Düsseldorf (Nr. 13758); Hildegard und Kurt Kirchbach, Dresden; Berthold von Bohlen und Halbach, Essen (wohl von Kirchbach vor 1960 erworben); Christie's London 24.6.2009, Impressionist/Modern Day Sale, Lot 297; Privatsammlung Rheinland

Ausstellungen

u.a. Berlin 1931/1932 (Galerie Alfred Flechtheim), Weihnachten 1931 - Wilhelm Lehmbruck, Ernst Barlach, Rudolf Belling, Renée Sintenis, Kat. Nr. 18 (Der kniende Mann) mit Abb. S. 5 (mit inwändigen gedruckten Galerie-Etiketten, darauf maschinen- und handschriftlich mit Künstler, Titel "Der Zweifler" und Maßen versehen); New York 1938 (Galerie Buchholz); Berlin 1948 (Galerie Franz), Kat. Nr. 25, S. 22, mit Abb. S. 17; Hamburg 1948 (Galerie Hoffmann), Ernst Barlach Gedächtnisausstellung zum 10. jährigen Todestag, Kat. Nr. 18; Düsseldorf 1951 (Galerie Alex Vömel), Ernst Barlach, Kat. Nr. 20; Kassel 1955 (Documenta I), Kat. Nr. 23; Lincoln/Nebraska 1955 (University of Nebraska, Art Galleries), Kat. Nr. 21 (The Doubter); Bremen 1959 (Kunsthalle), Ernst Barlach, Kat. Nr. 38; Bergen/Güstrow 2000 (Kunstmuseum/Ernst Barlach Stiftung), Ernst Barlach. Ein Graphiker und Bildhauer des deutschen Expressionismus, Kat. Nr. 95; Kyoto 2006 (National Museum of Modern Art Kyoto), Ernst Barlach Retrospektive, Kat. Nr. 146

Losnummer: 318


Literatur

Carl Dietrich Carls, Ernst Barlach. Das plastische, graphische und dichterische Werk, Berlin 1931, S. 67; Omnibus Almanach 1932, S. 42; Anita Beloubek-Hammer, Ernst Barlach. Plastische Meisterwerke, Leipzig 1996, S. 119, 22 f.; A. Bardon, Barlach und die Melancholie, in: Ausst. Rostock 1998, S. 308; Ottfried Dascher, "Es ist was Wahnsinniges mit der Kunst". Alfred Flechtheim. Sammler, Kunsthändler, Verleger, Wädenswil 2011, S. 470, CD S. 237

Provenienz dieser Bronze ist die Galerie Alfred Flechtheim, wo sie unter dem Titel „Der kniende Mann“ in der Weihnachtsausstellung 1931/32 in Berlin am Lützowufer 13 ausgestellt war. Sie ist damit - dies wurde von der Gießerei Noack bestätigt - ein sehr schöner Lebzeitenguss. Flechtheim stellte Barlachs Skulpturen und Graphiken seit der Gründung seiner Düsseldorfer Galerie im Jahre 1913 immer wieder aus. 1926, nach dem Tod von Barlachs Kunsthändler Paul Cassirer, übernahm Flechtheim die kunsthändlerische Vertretung seines Werkes komplett. So bekräftigte er Barlach 1930 zwanzig seiner Gipsmodelle, die seit 1907 entstanden waren, in einer Auflage von 10 bis 20 Exemplaren in Bronze gießen zu lassen. Einerseits witterte er hier trotz der Weltwirtschaftskrise ein gutes Geschäft, andererseits hatte er dem Künstler finanzielle Hilfe bei dem Bau seines neuen Ateliers in Güstrow zugesagt. Im November und Dezember des Jahres 1930 wurden 20 Bronzen Barlachs in der Galerie Flechtheim vorgestellt. 1931 plante Flechtheim eine Erweiterung des Gussprogramms durch 5 Einzelbronzen; darunter war auch „Der Zweifler“, betitelt als „Kniender Mann“ (vgl. Ausst. Kat. Galerie Nierendorf, Ernst Barlach. Einundfünfzig Bronzen, Berlin 1981, S. 6). Da die öffentliche Meinung umschlug, konnten die beiden von Flechtheim initiierten Gussreihen nicht in geplantem Umfang realisiert werden. Das Vorhaben scheiterte schließlich an der Liquidierung der Galerie sowie Flechtheims Emigration 1933 nach London. Barlach wurde zudem durch die Nationalsozialisten als „entarteter Künstler“ diffamiert. Die Etiketten im Inneren wie auch die von Noack für die Flechtheim-Güsse typische angebrachte Nummerierung mit Bruchstrich kennzeichnen die Skulptur als frühen Guss. Er stellt damit eine Besonderheit dar.

Die Bronze zeigt die für Barlach so typische klare und erdverbundene Formensprache. Die leicht nach vorne gebeugte, fast schwankende Haltung des Zweiflers, dessen Hände vor dem Schoß geschlossen sind, drückt auf eindringliche Weise den Moment existentieller Verinnerlichung aus. Das Motiv des im Umriss x-förmigen Knienden finden wir in Barlachs zeichnerischem Werk seit 1912 ("Kniender", Probst 1146; "Gefesselter", Probst 1147), wie auch in der Lithographie „Der Blinde“ von 1918 wieder (Laur, Druckgraphik 52, s. Vergleichsabbildung).


Veranstaltungshinweise:

Am 27.11.2015 Auktion 1059: Moderne Kunst


Schätzpreis: 90.000 - 110.000  EURO

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