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Zukunft von Gestern. Visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram

Archigram, Walking City (Project 064), 1964 \\ © Deutsches Architekturmuseum

Die Ausstellung „Zukunft von Gestern“ stellt außergewöhnliche Utopien der Architektengruppen Future Systems und Archigram vor. Im Fokus stehen dabei detaillierte technische Zeichnungen, farbig opulente Collagen und filigrane Originalmodelle. Die Werke des 1968 nach London emigrierten, tschechischen Architekten und Gründers von Future Systems Jan Kaplický aus den 1980er und 1990er Jahren werden konfrontiert mit den zwanzig Jahre früher entstandenen Entwürfen der Londoner Architektengruppe Archigram um Peter Cook, Ron Herron, Dennis Crompton, Warren Chalk, Michael Webb und David Greene aus der Sammlung des Deutschen Architekturmuseums. Während Archigram organische Architekturen für das Überleben in unbehaglichen Sphären entwarfen, nehmen die technoiden Konstruktionen von Future Systems ihren Raum an freundlicheren Orten in menschenleerer Natur oder in hoch verdichteten Städten ein. Das Gros dieser Utopien blieb auf dem Papier und war als Anregung für das (Über-)leben in gesellschaftlichen Umbruchphasen erdacht. Die Weltraumarchitektur von Archigram entstand in der von Aufbruch geprägten Zeit der Mondlandung. Future Systems dagegen entwarfen ihre autarken, maschinenartigen Wohnkapseln für eine düstere Welt in der Hochphase des Kalten Krieges.

Die Ausstellung präsentiert 44 Werke von Future Systems aus dem Kaplicky Centre Prag und 43 Exponate von Archigram aus der Sammlung des DAM. Insgesamt werden damit 40 Architekturprojekte gezeigt.

Zitat Peter Feldmann, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main

„Ich freue mich, dass das Deutsche Architekturmuseum Entwürfe des berühmten Architekten Jan Kaplický aus unserer Partnerstadt Prag bis September 2016 zeigt. Besonders die Unterstützung von Frau Kaplický Fuchsova, die Vorsitzende des Prager Kulturausschusses, ist für uns eine große Ehre und ich heiße sie anlässlich der Ausstellungseröffnung in Frankfurt herzlich willkommen. Wir hatten uns auf der Immobilienmesse in Cannes getroffen und sie hat mir begeistert von der geplanten Ausstellung in Frankfurt erzählt. Mit den vielen experimentellen Entwürfen lädt die Ausstellung "Zukunft von gestern" insbesondere auch Schülerinnen und Schüler ein, sich spielerisch mit den Visionen der Architektengruppen Future Systems und Archigram auseinanderzusetzen."‎

Jan Kaplický und Future Systems

Jan Kaplický (1937-2009) wächst in einem intellektuell und künstlerisch geprägten Elternhaus im Prag der 1950er Jahre auf. Er studiert an der dortigen Hochschule für Kunstgewerbe und bearbeitet erste kleine Architekturprojekte. Besonderes Interesse hegt er für den technischen Aspekt der Architektur, wobei ihn einerseits die Architektur des tschechischen Funktionalismus und andererseits der amerikanische Flugzeugbau prägen. Nachdem im August 1968 die politische und gesellschaftliche Liberalisierung unter Alexander Dubček – der Prager Frühling – durch sowjetische Militärs abrupt beendet wird, verlässt Kaplický, wie viele andere, das Land.

Der Emigrant Kaplický kommt im Herbst 1968 in Swinging London an und arbeitet dort bis 1983 als freier Architekt sowie für verschiedene Architekturbüros. So ist er z. B. an der Planung von Piano + Rogers‘ Centre Pompidou (1971–77) und von Foster Associates‘ Hong Kong & Shanghai Bank (1979–86) beteiligt.

1979 gründet Kaplický gemeinsam mit dem Architekten David Nixon das Büro Future Systems. Viele ihrer Entwürfe ähneln Konstruktionen aus der Weltraumtechnologie und sollen ihren Platz auf unbewohnten Flecken der Erde finden. Sowohl die Fachpresse als auch Peter Cook (Archigram) werden auf Future Systems aufmerksam, sodass in den 1980er Jahren Ausstellungen in London, Paris, Chicago und Frankfurt am Main stattfinden.

Mit dem Einstieg von Amanda Levete erfährt Future Systems 1989 eine Neuausrichtung. David Nixon hatte das Büro zwei Jahre zuvor verlassen. Die neue Devise lautet nun: mehr Bauaufträge und weniger Theorie. Große Wettbewerbe folgen; die Bibliothèque nationale de France in Paris und das neue Akropolis Museum in Athen werden aber nicht gewonnen. In Frankfurt beteilgte sich Future Systems in dieser Zeit an einem Wettbewerb für einen Kindergarten in Sossenheim.

Das Kaufhaus Selfridges ist wohl das bekannteste Gebäude von Future Systems. Es prägt seit 2003 Birminghams Innenstadt. Eines von Kaplickýs letzten Projekten ist 2007 der Neubau der Tschechischen Nationalbibliothek. Nach dem gewonnenen Wettbewerb wird sein amorpher Blob-Entwurf Objekt einer erbitterten Diskussion in der tschechischen Gesellschaft. Die Bibliothek bleibt auf dem Papier und über der Moldau eine Brache …

Archigram

1961, das Jahr, in dem Juri Gagarin als erster Mensch ins Weltall fliegt und in Berlin die Mauer gebaut wird, ist auch das Gründungsjahr der Gruppe Archigram. In einem gesellschaftlichen Klima zwischen Fortschrittsoptimismus und der Angst vor einem Atomkrieg treten die jungen Architekten Peter Cook, Warren Chalk, Ron Herron, Dennis Crompton, Michael Webb und David Greene auf den Plan und mischen die englische Architekturszene gründlich auf. Sie hatten sich in der Londoner Baufirma Taylor Woodrow Construction kennengelernt.

Bei Archigram steht von Anfang an neben dem Entwerfen auch das Publizieren im Fokus. Der Titel ihrer 1961 gegründeten Zeitschrift Archigram ist eine Wortschöpfung aus architecture und telegram. Das Magazin wird von Ausgabe zu Ausgabe umfangreicher und entwickelt sich zu einem wichtigen Sprachrohr für die Architektur der 1960er-Jahre.

Archigram nutzen die Musik, die Kunst und die Mode ihrer Zeit nicht nur zur Inspiration, sondern auch als Materialpool für ihre utopisch urbanen Architekturcollagen. Die Prinzipien der Pop-Art dienen dabei der Verbreitung ihrer Utopien. Die Architektur ist bestimmt vom gemeinsamen Interesse an neuen Technologien, gesellschaftlichen Veränderungen und spektakulären Formen. Ihre Stadtprojekte, wie City Interchange oder Plug-in City, zeigen klare Bezüge zu den Megastrukturen von Yona Friedman und den Turmstädten der japanischen Metabolisten. 1974 löst sich Archigram auf. Die Mitglieder gehen getrennte Wege, bleiben jedoch weiterhin eng verbunden.

In den 1980er-Jahren wird auch Frankfurt durch Archigram und Peter Cook geprägt. Cook wird 1984 Professor für Architektur an der Städelschule; 1992 baut er deren neue Mensa. Bereits in den Gründungsjahren des DAM kauft Direktor Heinrich Klotz Arbeiten von Archigram für die Architektursammlung an. 1986 werden in der großen Ausstellung Vision der Moderne im DAM neben den Werken von Coop Himmelb(l)au, OMA und Future Systems vor allem die Zeichnungen und Collagen von Archigram präsentiert.

Veranstaltungen zum Bericht:
Zukunft von Gestern. Visionäre Entwürfe von Future Systems und Archigram

Quelle: © Deutsches Architektur - Museum Frankfurt

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