Losnummer: 8227
Schweres wird er verkünden müssen: Dunkelgraue, fast schwarze Gewitterwolken mit violettem Schimmer ballen sich über der Wüste. Ein zorniger Himmel ist es, an den sich der Prophet wendet. Mit suchender, fragender, bittender Geste streckt er die übergroße linke Hand weit nach oben und fasst zugleich mit der Rechten ratlos an seinen Bart. In eine dunkle Kutte gehüllt und körperlich sehr präsent, kauert er in gewundener, verdrehter Körperhaltung auf einem Stein und hat wie im Zorn den Fuß auf das am Boden liegende Buch oder Schriftheft gestellt. Mit weichen Pinselschwüngen, runden Konturen und pastosem Farbauftrag modelliert Meidner die dichte Komposition. Es ist ein widerspenstiger, ein verzweifelter, wütender Prophet, der hier so inbrünstig betet und die einsame Weite der menschenleeren, nur von ein paar wenigen Pflanzen belebten Landschaft mit seiner leidenschaftlichen Versunkenheit und visionären Aura erfüllt. Meidner reduziert seine Palette auf dunkle Tonwerte, die das Bild eines "dies irae" des Jüngsten Gerichtes heraufbeschwören.
Bereits kurz vor dem Ersten Weltkrieg entdeckten die Expressionisten religiöse Themen für sich, während bei Meidner erst nach dem Krieg Glaubensfragen künstlerisch zum Tragen kamen. Mitte der 1920er Jahre dann führte Meidners religiöse Sinnsuche zu seiner Rückkehr zum Judentum. Auch in seiner Kunst beschäftigte er sich fortan intensiv mit der Bibel und der jüdischen Tradition. Das Gebet, das Zwiegespräch mit Gott, nahm dabei eine Schlüsselrolle ein. In seinen Bildern ging es nun immer wieder um diese individuelle, innere Begegnung mit dem Schöpfer. Die nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wachsende existentielle Bedrohung, der Zustand der Entwurzelung und Isolation intensivierte Meidners Auseinandersetzung mit religiösen Inhalten. "In der Gestalt des von Gott inspirierten Propheten, zumal der des Jeremias, aus dessen Klageliedern er einzelne Verse kalligraphisch abschrieb und damit die Wände seines Zimmers schmückte, hatte Meidner eine für ihn zentrale Leitfigur gefunden. (...) Die in den Prophetenbüchern immer wieder vorgetragenen Prophezeihungen von Strafgerichten, Zerstörung, Heimatlosigkeit und Exil sah Meidner nicht zuletzt als Entsprechungen zu seinen eigenen Untergangsvisionen." (Remate Ulmer, in: G. Breuer/I. Wagemann, Ludwig Meidner. Zeichner, Maler, Literat, Stuttgart 1991, Band 1, S. 112f.). In Anbetracht der Entstehungszeit des Gemäldes um 1935 ist die Darstellung von beeindruckender Prophetie hinsichtlich der heraufziehenden Finsternisse.
Ausstellung: Würzburger Kunstverein 1988
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