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Sammlung Faußner

Oberrheinischer Meister, Der Tod Mariens, 1. Viertel 16. Jahrhundert

Die marktfrische süddeutsche Privatsammlung von Hans Constantin Faußner ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Kunstbegeisterung, die über drei Generationen in seiner Familie gepflegt wurde. Der 1925 geborene Rechtsanwalt wuchs in Rosenheim auf. Sein Vater, der Zahnarzt Dr. Hans Faußner (1890-1985), engagierte sich in den 1920er Jahren intensiv im dortigen Kunstverein und wurde nach dem Krieg Kulturreferent. Der Großvater Johann Nepomuk Faußner (1864-1944) war Studiendirektor und ebenfalls sehr kunstaffin. Er freundete sich 1916 mit Constantin Gerhardinger an, der gemeinsam mit anderen in der Tradition der Münchner Schule stehenden Künstlern aus dem Kreis der so genannten „Chiemsee-Maler“ über Jahrzehnte zum engen familiären Umfeld gehörte.

Die Sammlung

Das Portfolio der Auktion ist weit gespannt. Es umfasst neben rund 30 zum Teil hochkarätigen Skulpturen und etwa 15 Altmeistergemälden insbesondere Kunstwerke, die in München und im ländlichen Oberbayern, vor allem am Chiemsee, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Ein großer Teil wurde vor 1933 geschaffen. Mehrere Künstler, deren Werke die Familie Faußner in ihre Sammlung aufnahm, haben gemeinsam, dass sie im bayerischen Voralpenland bzw. der Region rund um dem Chiemsee lebten und arbeiteten. Sie verbindet auch, dass sie die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland erlebten. Einige von ihnen, wie Constantin Gerhardinger, Thomas Baumgartner und Paul Mathias Padua, beteiligten sich mit ihren Arbeiten rege am nationalsozialistischen Kunstbetrieb, gehörten vor allem finanziell zu den Nutznießern und konnten nach dem Zweiten Weltkrieg ihre künstlerische Karriere fortsetzen. Für andere in der Sammlung vertretene Maler wie Karl Caspar oder Arnold Balwé, stellte die Machtübernahme der Nationalsozialisten eine existentielle Bedrohung dar. Ihre Werke wurden als „entartet“ diffamiert, aus Museen entfernt und teilweise vernichtet. Die Rezeption der in der NS-Zeit besonders geschätzten Künstler ist bis heute zwiespältig, die Kunstgeschichtsforschung beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren mit der Thematik wie die ästhetischen Qualitäten sowie ihr historischer Kontext kritisch beleuchtet und eingeordnet werden können.

Skulpturen

Das Top-Los der Auktion ist ein um 1490 in Franken entstandenes Holzrelief, das Maria auf dem Sterbebett zeigt (LOT 10, Schätzpreis € 80.000-120.000). In der äußerst differenzierten Mimik und Gestik der einzelnen Apostel hat der Künstler unterschiedliche Empfindungen der Trauer zum Ausdruck gebracht. Die herrliche Schnitzarbeit war ehemals im Besitz der Grafen Schönborn auf Schloss Hallburg. Ein Relief fast gleicher Komposition aus dem Hochaltar von St. Vitus in Gerolzhofen befindet sich im Würzburger Museum für Franken. Die ebenfalls zur Gruppe der qualitätvollen Skulpturen gehörende „Heilige Barbara“ (LOT 6, Schätzpreis € 15.000-18.000) gleicht in der Komposition, dem markanten Kopftypus und der weichen Gewandbildung einer „Mondsichelmadonna“ im Londoner Victoria & Albert Museum. Vielleicht haben die beiden nach Salzburg zu lokalisieren Figuren einst zusammengehört. Auch die „Heilige Katharina“ (LOT 3, Schätzpreis € 15.000-18.000) entstand im Salzburger Raum, vermutlich um 1440. Nach der Legende sollte die Märtyrerin „gerädert“ werden, als das Rad zerbrach wurde sie enthauptet. Als Attribut trägt sie das Schwert in ihrer rechten Hand, mit der Linken hielt sie wohl das Rad.

Altmeistergemälde

Etwa 15 Gemälde der Sammlung Faußner sind der Kategorie Alte Meister aus der Zeit der Spätgotik bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zuzurechnen. Zu den reizvollsten Werken zählt der „Tod Mariens“ eines oberrheinischen Meisters aus dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts (LOT 43, Schätzpreis € 20.000-25.000). Die von Rot- und Grüntönen beherrschte Komposition geht auf einen um 1473/74 datierten Kupferstich von Martin Schongauer zurück, einer der innovativsten Künstler seiner Zeit. Fast zeitgleich und ebenfalls im oberrheinischen Gebiet entstand die farbenprächtige Darstellung von zwei stehenden männlichen Heiligen in einem Kircheninterieur: Links der heilige Wolfgang, erkennbar am Bischofsstab und dem Kirchenmodell in seinen Händen, rechts Jacobus d. Ä. mit Pilgerstab und der charakteristischen Muschel am Hut (LOT 44, Schätzpreis € 15.000-18.000). Die entzückende „Geburt Christi mit einem Engelskonzert“ schuf wohl ein Antwerpener Meister im 16. Jahrhundert in (LOT 47, Schätzpreis € 12.000-15.000). Während die Engel rechts und links der Krippe andächtig auf das neugeborene Kind schauen, haben sich am oberen Bildrand acht schwebende Engel mit großen Notenblättern zu einem kleinen Chor zusammengefunden.

Christoph Schwarz spielte im 16. Jahrhundert als Maler am Münchner Hof eine sehr bedeutende Rolle. Sein Hauptwerk ist der 1587 im Auftrag Herzog Wilhelms V. entstandene Hochaltar der Jesuitenkirche St. Michael. Bei den beiden interessanten Porträts von seiner Hand aus der Sammlung Faußner handelt es sich um Fragmente eines Familienbildnisses, das durch eine Kopie in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen überliefert ist. Ob das Herren- und das Damenporträt (LOT 54, Schätzpreis € 6.000-7.000) den Künstler und seine Frau darstellen, wie es die Messingetiketten auf den Rückseiten der Rahmen angeben, ist nicht geklärt.

Durch eine äußerst raffinierte Lichtführung zeichnet sich die „Dornenkrönung Christi“ (LOT 152, Schätzpreis € 8.000-12.000) aus der Werkstatt von Giovanni Battista Tiepolo aus. Die Komposition wiederholt ein Gemälde des Künstlers, das sich heute in der Hamburger Kunsthalle befindet und zu einem Zyklus zur Leidensgeschichte Christi gehört, der vermutlich von Giacomo Concolo in Venedig in Auftrag gegeben wurde.

Moderne

Über 100 der mehr als 270 Gemälde der Sammlung Faußner stammen von drei Künstlern: Paul Mathias Padua, Thomas Baumgartner und Constantin Gerhardinger. Letzterer ist in der Auktion unter anderem mit einem großartigen Hauptwerk „Meine Modelle“ (LOT 146, Schätzpreis € 10.000 – 12.000) aus dem Jahr 1926 vertreten, einer Atelierszene mit geradezu intimem Charakter. Die junge Frau rechts im Bild ist dabei, sich zu entkleiden, ihr nackter Oberkörper hebt sich hell vor dem dunklen Hintergrund ab. Sie scheint sich mit dem Modell links zu unterhalten, das sich auf einem mit leuchtenden Seidenstoffen dekorierten Lager ausgestreckt hat. Die Inszenierung der überlebensgroßen Figuren vermittelt dem Betrachter den Eindruck unmittelbar neben dem Maler im Atelier zu stehen und dem künstlerischen Prozess beizuwohnen. Außerdem werden von Gerhardinger verschiedene Stillleben, Straßenszenen aus München und Landschaften angeboten. Darunter die „Stiefmütterchen mit Glas“ (LOT 143, Schätzpreis € 2.000-2.500) und „Rosen“ (LOT 139, Schätzpreis € 800 – 1.000) sowie die „Straßenzeile in Giesing (?)“ (LOT 145, Schätzpreis € 1.000 – 1.500) und die schöne Arbeit „Auf der Fraueninsel“ (LOT 137, Schätzpreis € 1.500-1.800). Constantin Gerhardinger gehörte zu den Großverdienern der „Großen Deutschen Kunstausstellungen“ in München. Hitler und Goebbels erwarben mehrere seiner Gemälde, doch der Künstler bezog weder für noch gegen das System eine klare Haltung. 1939 zum Professor an der Münchner Akademie ernannt, fiel er 1943 in Ungnade, weil er sich aus Furcht vor Luftangriffen weigerte, im Haus der Kunst auszustellen. Er wurde fortan als Defätist attackiert und mit Berufsverbot belegt, deswegen konnte er vermutlich nach dem Krieg rasch wieder als Künstler Fuß fassen.

Ein weiteres großes Konvolut der Sammlung Faußner bilden die rund 50 Werke von Paul Mathias Padua, von denen die meisten noch nie im Handel waren, da sie weitgehend aus dem unmittelbaren Umkreis der Familie des Künstlers erworben wurden. Rund die Hälfte der Bilder entstand vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933. Zu den faszinierendsten Werken Paduas zählen seine Porträts, in denen er auf raffinierte Weise mit den Sehgewohnheiten der Betrachter spielt. Reizvolle Beispiele sind die Genrebildnisse aus dem bäuerlichen Milieu, wie das „Junge Bauernpaar mit Krug“ (LOT 187, Schätzpreis € 6.000-7.000), das „Ältere Bauernpaar“ (LOT 200, Schätzpreis € 6.000-7.000) sowie der alte Herr mit junger Begleiterin (LOT 184, Schätzpreis € 6.000-8.000). Das herrliche Porträt einer eleganten und nachdenklich in sich gekehrten „Dame im Pelz mit Totenschädel“ (LOT 175, Schätzpreis € 2.500-3.000) belegt Paduas Auseinandersetzung mit dem Renaissance-Künstler Hans Holbein dem Jüngeren. Paul Mathias Padua avancierte in der NS-Zeit zu einem der angesehensten Maler und schuf zwischen 1933 und 1943 einige der bekanntesten Bilder der deutschen NS-Propagandakunst. Handelte es sich auch nur um wenige Stücke, so werfen diese dennoch einen Schatten auf das Vermächtnis des Künstlers.

Der aus einer Bauernfamilie stammende Thomas Baumgartner erzielte mit seinen Porträts bereits in frühen Jahren große Erfolge. 1913 betrat er in Pittsburgh die internationale Bühne: Im Carnegie Institute war unter anderem sein Bildnis einer Dame mit Leopardenmantel zu sehen, das jetzt bei NEUMEISTER versteigert wird (LOT 114, Schätzpreis € 1.200-1.500). 1914 entstand das Gemälde „Flüchtlingselend“( LOT 97, Schätzpreis € 3.000 – 5.000), das eine französische Familie zeigt, die aus dem Kampfgebiet zwischen deutschen und französischen Truppen evakuiert wurde und ihre gesamte Habe als Fluchtgepäck in einen zusammen geknoteten rot-weiß gestreiften Betttuch mit sich führt. Dieses großformatige Werk wurde durch einen Auftrag der Akademie der Bildenden Künste in München initiiert und erzählt eindrucksvoll vom Elend geflüchteter Familien – ein bedrückend aktuelles Thema.

Bayerns König Ludwig III. bedachte Baumgartner mit Aufträgen und verschiedene seiner Künstlerkollegen ließen sich von ihm malen. Dass er gesellschaftlich „angekommen“ war wird in seinem „Selbstporträt“ von 1932 (Lot 114, Schätzpreis € 2.500-3.000) deutlich: Selbstbewusst und lässig an eine Staffelei gelehnt präsentiert er sich im hellblauen Malerkittel, unter dem er ein weißes Hemd, Krawatte und einen dunklen Anzug trägt. Baumgartners Arbeiten wurden auch von den NS-Machthabern geschätzt, unter anderem war er 1941 bei der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ präsent. Anders als Padua war er zwar ein Nutznießer der NS-Zeit, doch vermittelt keines seiner Werke propagandistische Inhalte nationalsozialistischer Ideologie. Stattdessen blieb er seinem Repertoire treu mit den gleichen Themen und Motiven, die er schon in den 1920er Jahren im Münchner Glaspalast ausgestellt hatte.

Zu den in der NS-Zeit verfemten Künstlern zählte Karl Caspar, einer der Mitbegründer der „Münchener Neue Secession“ (1913), in der sich vor allem expressionistische Künstler zusammenfanden. Seine emotional geschilderte „Rückkehr des verlorenen Sohnes“ (LOT 242, Schätzpreis € 8.000-10.000) wird durch starke Farben dominiert. 1922 erhielt Caspar eine Professur an der Münchner Kunstakademie, doch 1937 wurden seine Werke in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt, aus deutschen Museen entfernt, teilweise vernichtet und er selbst zwangspensioniert. Wilhelm Trübners „Bildnis der Mrs. Crawley“ (LOT 69, Schätzpreis € 3.000-4.000) befand sich einst im Besitz des jüdischen Industriellen Max Meirowsky in Köln, der 1938 gezwungen war, es mit seiner Kunstsammlung in der so genannten „Judenauktion“ bei H.W. Lange in Berlin zu versteigern, um seine Auswanderung zu finanzieren. Der heutige Einlieferer des Gemäldes und die Erben von Max Meirowsky haben wegen des NS-verfolgungsbedingten Verlustes des Gemäldes eine faire und gerechte Restitutionsvereinbarung getroffen, die es nun ermöglicht, das Gemälde in der Auktion anzubieten.

Deutlich vor der NS-Zeit entstand die „Mühle am Bach“ (LOT 64, Schätzpreis € 7.000-9.000) von Josef Wenglein, der als einer der letzten bedeutenden Landschaftsmaler der Münchner Schule des 19. Jahrhunderts gilt. Zu seinen Motiven zählte die Isar-Gegend und die weite Landschaft im Dachauer Moos, deren Stimmung zu unterschiedlichen Tages- und Jahreszeiten er in seinen Bildern perfekt einfing. Willi Geiger schuf den „Heiligen Sebastian“ (LOT 243, Schätzpreis € 6.000-8000) 1914 wohl noch in seiner Berliner Zeit, in der er unter anderem mit Max Beckmann befreundet war und bereits vor allem als Grafiker und Illustrator Erfolg hatte. Das Angebot aus der Sammlung Faußner umfasst außerdem einzelne Werke bekannter Künstler wie Heinrich von Zügel (Weidendes Schaf, LOT 66, Schätzpreis € 4.000-5.000), Albert von Keller (Weiblicher Halbakt, LOT 75, Schätzpreis € 3.000-4.000), Fritz von Uhde (Interieur mit sitzender junger Frau, LOT 70, Schätzpreis € 4.000-5.000) und anderen.

Einziges Möbel in der Auktion ist ein singulärer barocker Aufsatzschreibschrank, dessen bewegte Front mehrfach geschweift, gestuft und geschwungen ist (LOT 39, Schätzpreis € 20.000-30.000). Das repräsentative Stück mit Marketerie in Ahorn, Palisander, Perlmutter und Elfenbein, das wohl um 1745 im Umkreis der Werkstatt von Carl Maximilian Mattern gefertigt wurde, ist aufgeführt und abgebildet in dem bis heute immer noch maßgeblichen Standardwerk zur „Kunst des deutschen Möbels“ von Heinrich Kreisel und Georg Himmelheber (Bd. 2. Spätbarock und Rokoko. München 1970, S. 276 u. Abb. 890).


Auktionstermin
Mittwoch, 8. Mai 2024, 14 Uhr
Gemälde 16. – 20. Jahrhundert, Skulpturen, Möbel

Besichtigung
2. bis 6. Mai 2024
Donnerstag, Freitag, Montag 10 – 17 Uhr, Samstag/Sonntag 10 – 15 Uhr

Online-Katalog
www.neumeister.com

Veranstaltungen zum Bericht:
Sonderauktion 933: Sammlung Faußner

Quelle: © Neumeister Münchener Kunstauktionshaus

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