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Romanische gravierte Bronzeschale, Deutsch (Sachsen?), 12. Jh.

Romanische gravierte Bronzeschale, Deutsch (Sachsen?), 12. Jh.

Kupferlegierung, mit lüstrierender dunkelbrauner Patina und wenig Grünspan. Im Zentrum abgedrehte, getriebene und ziselierte flache Schale mit konkav hochgezogener Fahne, umgebogenem und geknicktem Rand. Der Spiegel komplett mit Gravuren gefüllt. Zentral eine Halbfigur mit nach rechts gewandtem Kopf mit der Bezeichnung "SVPERBIA", gerahmt von vier stilisierten Kordelkränzen. Radial darum gruppiert drei Büsten mit gravierten Inschriften: "IDOL(A)TRIA" (Vergötterung), "INVIDIA" (Neid), "IRA" (Zorn) und "(L)UXURIA" (Genusssucht), viele Buchstaben betont durch Doppelstriche. Im Bereich der Fahne drei weitere große Blattornamente mit unleserlichen Inschriften. Auf dem Boden angelötete Aufhängeöse. H 6, Durchmesser 32,7 cm.

Losnummer: 809


Diese Schale gehört zur Gruppe der früher sogenannten Hansaschüsseln. Dabei handelt es sich um Bronze- oder Kupfergefäße gemeinhin aus dem 12. und 13. Jahrhundert, die, überliefert durch mittelalterliche Handschriften, mit den Hansestädten in Verbindung gebracht werden. Sie stammen überwiegend aus der Region, die sich vom Baltischen Meer über den Niederrhein bis nach England erstreckte und die vom Handel der freien Städte dominiert wurde. Die Bezeichnung der Hansaschüsseln ist obsolet seit der Publikation der legendären Kunsthistorikerin Weitzmann-Fiedler, die 1981 nachwies, dass diese Objekte in keinem belegbaren Zusammenhang mit Hanse-Städten stehen.

Ganz klar aber ist diese Schale der Gruppe der Laster-Schalen zugehörig, wenn auch die hier betont formulierte "idolatria" nicht in den Kanon der sieben christlichen Hauptlaster einzuordnen ist. Ulrich Müller beschreibt diesen Typus als "Schalen mit falscher Ikonographie oder gar fehlerhaften Inschriften". Er vermutet, dass die wohl für Handwaschungen genutzten Geräte nicht nur Sozialprestige demonstrierten, sondern auch religiöses Basiswissen vermittelten. "Der Themenbereich durch Gut und Böse war durch alltägliche Predigtpraxis präsent. Die Handwaschung scheint (...) die Möglichkeit geboten zu haben, diese Inhalte beim Mahl, vielleicht auch bei Begrüßung oder Abschied einzuführen und seitens der Benutzer zu demonstrieren." (ibd. S. 42)

Provenienz

Bodenfund aus der Umgebung von Bautzen, Oberlausitz, um 1947, seit damals im Besitz der Familie.

Literaturhinweise

Der Typus bei Müller, Gravierte romanische Bronzeschalen und Schachfiguren des 11./12. Jahrhunderts, in: Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit 9.1998, S. 39 ff., Abb. des Typus S. 41.
S.a. Weitzmann-Fiedler, Romanische gravierte Bronzeschalen, Berlin 1981.
S.a. Müller, Zwischen Gebrauch und Bedeutung: Studien zur Funktion von Sachkultur am Beispiel mittelalterlichen Handwaschgeschirrs, Bonn 2006.
Zwei weitere, gleich gearbeitete weibliche Lasterschalen in der Sammlung The Metropolitan Museum of Art New York, Inv. Nr. 65.89. und im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (bei Mende, Die mittelalterlichen Bronzen, Nürnberg 2013, Nr. 100).


Veranstaltungshinweise:

Am 15.05.2024 Auktion 1244: Kunstgewerbe


Schätzpreis: 40.000 - 60.000  EURO

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