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Raritäten von Roentgen bis Rie

David Roentgen, Seltener Verwandlungstisch, Neuwied um 1775/80

Ein einzigartiger Verwandlungstisch von David Roentgen, gewobene Sagenwelten, Meisterwerke der Silberschmiedekunst und die Sammlung des Mörser-Papstes

Die Frühjahrsauktionen von Kunstgewerbe am 20. Mai in Köln begeistern auf vielen Gebieten: Ein Verwandlungstisch von David Roentgen beherbergt eine ganze Welt aus Spiel- und Arbeitsmöglichkeiten. Von Mythen und Sagen erzählen flämische Tapisserien aus dem 15. bis 17. Jahrhundert, bedeutende Sammlungen widmen sich Silber, Porzellan und Keramik verschiedener Epochen sowie Mörsern als kulturhistorischen Objekten.

Mit der Auktion am 20. Mai präsentiert Lempertz museale Objekte in bedeutenden Sammlungen wie auch als herausragende Solitäre. Ein Höhepunkt der Kunsttischlerei ist ein seltener Verwandlungstisch von David Roentgen, der technische Raffinesse eindrucksvoll mit perfekter Ausführung und höchstem künstlerischem Anspruch verbindet.

Dieses Möbel entstand um 1775 bis 1780 und zählt zu den eindrucksvollsten Zeugnissen der Roentgen-Werkstatt. Rosenholz, Tulpenholz, Buchsbaum, Obsthölzer und Ahorn verbinden sich mit vergoldeter Bronze und fein abgestimmter Marketerie zu einem Objekt, das mehr als ein repräsentatives Schaustück ist: Die mehrfach umklappbare Platte eröffnet unterschiedliche Nutzungen vom Spieltisch über Schach und Dame bis hin zum Schreibmöbel mit verborgenem Lesepult und ausfahrbarem Trictracfeld. Der Schätzpreis beträgt 120.000 bis 180.000 Euro.

Ebenfalls aus der Werkstatt David Roentgens stammt eine bedeutende mechanische Schatulle, auch sie um 1775 in Neuwied gefertigt. Das kleine, aber hochkomplexe Stück fasziniert durch seine elegante Form, die feine Furnierarbeit und die raffinierten mechanischen Funktionen. Ein per Schlüsseldrehung hochfahrbares Jalousiefach, ein verborgener Schub in der Basis sowie die aufwendig gestalteten Sichtseiten machen das Objekt zu einem eindrucksvollen Beispiel frühneuzeitlicher Ingenieurskunst im Miniaturformat. Die Erwartung für die Schatulle liegt im Bereich von 25.000 bis 35.000 Euro.

Zu den herausragenden Silberarbeiten der Auktion zählt eine bedeutende Rosenwasserschüssel für die Grafen von Preysing aus München, geschaffen vom Augsburger Meister Johann Erhard II Heuglin zwischen 1724 und 1728. Die große vergoldete Schale überzeugt durch ihren reichen Régencedekor, die gravierten und reliefierten Medaillons sowie das plastisch gearbeitete Zentrum mit Neptun und Amphitrite. Der Schätzpreis liegt bei 60.000 bis 70.000 Euro.

Zudem wartet das moderne Silber mit dem zweiten Teil der Seawolf-Collection auf. Unter diesen Preziosen der Arts & Crafts finden sich etwa eine silberne Deckeldose mit Email und Türkis von Liberty & Co. aus dem Jahr 1899, deren Entwurf Oliver Baker zugeschrieben wird (Taxe 1800 bis 2400 Euro), ein 1900 für die Guild of Handicraft entstandener Pfefferstreuer von Charles Robert Ashbee oder auch ein zweireihiges Girlanden-Collier mit Amethysten von Archibald Knox, Schätzpreis 1200 bis 1500 Euro.

Auch die Textilkunst ist mit außergewöhnlichen Werken aus norddeutschem Familienbesitz vertreten, die den Krieg in einem Wiener Banktresor überstanden haben. Die Brüsseler Tapisserie „Das Urteil des Paris“, in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts datiert, besticht durch ihren narrativen Aufbau und ihre vollständige und farbfrische Erhaltung. Ein bedeutendes spätgotisches Tapisseriefragment mit dem Motiv einer höfischen Szene im Thronsaal, lohnt ebenfalls einen Besuch in Köln. Beide Werke werden mit 15.000 bis 20.000 Euro geschätzt.

Ein weiterer Höhepunkt ist die über Jahrzehnte gewachsene Sammlung europäischer Bronzemörser von „Mörserpapst“ Ralf Jena, die in Teilen erstmals zur Auktion kommt. Unter den ausgewählten Stücken befindet sich ein sächsischer Mörser für Woldemar Freiherr von Löwendal, kursächsischer Hofmarschall und Minister, aus der Werkstatt Michael Weinholds, datiert 1718, mit einem Schätzpreis von 8.000 bis 12.000 Euro.

Im modernen Kunstgewerbe werden zwei Keramikobjekte von Dame Lucie Rie angeboten. Sie stammen aus dem ehemaligen Besitz von Henry Rothschild. Die aus Wien stammende Keramikerin musste nach ihrer Flucht 1938 in London unter schwierigen Bedingungen neu beginnen. Als Österreicherin zunächst als „enemy alien“ eingestuft, sicherte sie ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung keramischer Knöpfe. Zugleich formte sie ihre eigene künstlerische Sprache weiter, die sie bald zu einer der bedeutendsten Figuren der britischen Studiokeramik werden ließ. Zu ihren frühen Förderern zählte Henry Rothschild. Die nun bei Lempertz angebotene Vase und Schale von Lucie Rie überzeugen durch die für ihr Werk typische Spannung von Form, Oberfläche und Glasur. Zugleich verweisen sie auf die herausragende Provenienz und auf die enge Verbindung zwischen Künstlerin und Sammler. Beide Arbeiten waren bereits 1981 in der Ausstellung „Englische Keramiken und Holzarbeiten“ auf der Veste Coburg zu sehen und konnten dort vom heutigen Eigentümer aus dem Besitz Henry Rothschilds erworben werden.

Eine spannende Geschichte bringt auch die aus Argentinien zurückgekehrte Porzellansammlung des 1871 in Heidelberg geborenen Edwin Reis mit, deren Restitution 1950 gerichtlich anerkannt wurde. Dem Textilfabrikanten gelang mehrfach die Flucht vor den Nazis, 1941 fand im Auftrag des Deutschen Reichs eine Auktion seiner beschlagnahmten Porzellan-Sammlung statt. Immer wieder wurde Edwin Reis gefasst, aber er überlebte und kehrte 1946 nach Heidelberg zurück. Der Schwerpunkt der angebotenen Porzellane liegt auf seltenen Figuren der Frankenthaler Manufaktur, darunter ein barfüßiger junger Kavalier und die entsprechende barfüßige junge Dame, Schätzpreis jeweils 2.000 bis 3.000 Euro.

Veranstaltungen zum Bericht:
Auktion 1287: Kunstgewerbe

Quelle: © Kunsthaus Lempertz

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