Losnummer: 26
"Skulptur, wie jede Kunst, ist der höchste Ausdruck der Zeit." Wilhelm Lehmbruck
Wilhelm Lehmbruck gilt heute als der wichtigste deutsche Bildhauer des frühen 20. Jahrhunderts. Seine zum Aufruf kommende „Frauenbüste (Büste L.)“ ist in vieler Hinsicht ein herausragendes Kunstwerk. Die nach dem Modell von Lehmbrucks Frau Anita (1879-1961) geschaffene Büste ist eine der äußerst seltenen und von Lehmbruck selbst ausgeführten Skulpturen aus weißem Marmor in Privatbesitz. Abgesehen von der brillanten und von Dietrich Schubert, dem Autor des Werkverzeichnisses, bestätigten Ausführung in Marmor, hat sie eine ausgezeichnete Provenienz. Sie stammt aus der Sammlung des renommierten Kölner Industriellen und Kunstmäzens Hermann Hertz (1856-1925), der die „Frauenbüste (Büste L.)“ im Jahr 1912 aus der für die Moderne zentralen Sonderbundausstellung in Köln erwarb. Das Kunstwerk blieb 114 Jahre im Besitz der Familie, so dass es die Nachfahren von Hertz in 4. Generation sind, die es dem Kunsthaus Lempertz anvertrauen.
Der künstlerische und persönliche Neuanfang Lehmbrucks 1910 in Paris
Die „Frauenbüste (Büste L.)“ gehört zu den wichtigen bildhauerischen Arbeiten Lehmbrucks aus der Zeit um 1910. Im April des Jahres war der Bildhauer mit seiner Familie von Düsseldorf nach Paris gezogen, um sich von einer der akademischen Tradition des 19. Jahrhunderts verhafteten Bildhauerei zu lösen und neue künstlerische Impulse zu finden. In diesem Sinne knüpfte er in Paris schnell den Kontakt zu Alexander Archipenko, lernte die Frauenakte Aristide Maillols kennen und setzte sich mit der plastischen Figurenauffassung Auguste Rodins auseinander. Kurz nach der Ankunft in Paris schuf Lehmbruck die bekannte „Große Stehende“ (WVZ 51), die ihm im Pariser Salon sofort große Anerkennung einbrachte.
Ebenfalls um 1910 schuf er mehrere Torsi, darunter auch die „Frauenbüste (Büste L.)“, die er in Bronze und in Zement gebundenem Kunststein gießen ließ. Mit leichter, aber feiner Veränderung der Kopfneigung und Blickrichtung fertigte Lehmbruck in derselben Zeit die „Frauenbüste (Büste L.)“ in dem von ihm nur selten verwendeten, glänzend-weißem Marmor an. Im Unterschied zu den vor 1910 entstandenen Frauenskulpturen konzipierte er den Torso mit unterschiedlich langen Armstümpfen und einem betont geneigten Kopf. Seine zart-zurückhaltende Bewegtheit wird vom polierten, leicht schimmernden Marmor zusätzlich unterstrichen. Wie Nina Schallenberg über die im Steinguss ausgeführte Fassung in der Nationalgalerie Berlin schreibt, war es Lehmbruck „gelungen, die Figur als Protagonistin einer Geschichte von unbestimmtem und doch berührendem Inhalt erscheinen zu lassen.“ (https://smb.museum-digital.de/object/273964)
Die Sonderbundausstellung 1912 in Köln
Wilhelm Lehmbruck war mit fünf seiner jüngst entstandenen Skulpturen und zwei Gemälden auf der Sonderbundausstellung vertreten. Abgesehen von der „Frauenbüste (Büste L.)“ hatte er die 1911 datierte „Große Kniende“, den „Weiblichen Torso“, den in Bronze gegossenen „Lebensgroßen Torso“ und das aus Steinguss gefertigte „Junge Weib“ ausgewählt, die in den Sälen 5, 10 und 21 in der Ausstellung zu sehen waren (1912. Mission Moderne. Die Jahrhundertschau des Sonderbundes, Ausst. Kat. Wallraf Richartz Museum & Fondation Corboud, Köln 2012, S. 612). Die Bedeutung der Ausstellung in den Kunsträumen am Aachener Tor mit 650 Kunstwerken von für die damalige Zeit hochmodernen, internationalen 153 Künstlern, darunter Vincent van Gogh (125 Werke), Paul Gauguin (25 Werke), Edvard Munch (32 Werke), Pablo Picasso (16 Werke) und Wassily Kandinsky (2 Werke), war Lehmbruck bewusst, so dass er im Juli 1912 von Paris nach Köln fuhr. Abgesehen von einem nachgewiesenen Treffen mit Erich Heckel und Ernst Ludwig Kirchner (Foto), könnte er in der Ausstellung auch Hermann Hertz begegnet sein.
Hermann Hertz – Mitbegründer der Sonderbundausstellung, Mäzen und Sammler
Hermann Hertz und seine Familie gehörten zur gebildeten, jüdischen Bourgoisie in Köln. 1856 in Hildesheim geboren und aufgewachsen, zog er 1878/79 nach Köln und gründete 1882 gemeinsam mit Max Rosenberg eine Fabrik und Handelsgesellschaft für Korsettwaren, die mit 600 Angestellten und einem Export nach Frankreich, England und in die Schweiz höchst erfolgreich war. Schon früh interessierte er sich für moderne Kunst und engagierte sich zunächst in der Vereinigung „Die Gilde“, dem „Westdeutschen Bund für angewandte Kunst", der als Zusammenschluss von Mäzenen verstanden wurde. Als Kunstmäzen war Hertz auch einer der Gründer und Förderer der Sonderbundausstellung, bestimmte ihr Konzept und wurde zum Schatzmeister ernannt. Als es zur Diskussion über die Teilnahme der damals zeitgenössischen Künstler ging, vertrat er gemeinsam mit dem Direktor des Wallraf-Richartz-Museums Alfred Hagelstange, mit Richard Reiche aus Wuppertal und Alfred Flechtheim das ‚fortschrittliche‘ Lager. Die im Saal 21 unter der Nummer 600 ausgestellte, marmorne „Frauenbüste (Büste L.)“ erwarb Hertz aus der Präsentation heraus von Lehmbruck.
Der Erwerb der Büste war kein Einzelfall. Mit der Zeit hatte Hertz eine umfangreiche Sammlung aufgebaut, in der sich Werke von Eugène Boudin, Paula Modersohn-Becker, George Minne, Ernst Barlach, George Grosz, Max Slevogt, Max Liebermann, Ernst Ludwig Kirchner und Maurice de Vlaminck befanden. Wie Hermann von Wedderkop in der Zeitschrift „Querschnitt“ schrieb, war „sein Heim zugleich ein Museum […]. Die Kunstvereinigungen, deren Mitglied er war, bedeuteten eine willkommene Ergänzung. Hermann Hertz war ein gesellschaftlich veranlagter Mensch […] und wurde zur männlichen Brücke zwischen dem alten Köln und Hagelstange.“ (Comprehensive Research Dossier, S. 8)
Als Hertz 1925 verstarb, erbte sein Sohn Walter Hertz (1895-1986) die Marmorbüste. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten floh die Familie Hertz – Walter mit seiner Frau Dorothea und der Tochter Ursula – 1936 in die Niederlande und 1940 nach Brüssel. Obwohl auch Belgien von den Nationalsozialisten besetzt war, gelang es der Familie im Verborgenen zu überleben und die marmorne „Frauenbüste (Büste L.)“ trotz widriger Umstände zu retten. 1986 war sie erstmals im Kunsthaus Lempertz, um für das in Vorbereitung befindliche Werkverzeichnis bearbeitet zu werden. Der Experte und Autor Dietrich Schubert konnte sie damals erstmals begutachten und nahm sie unter der Nummer 50C ins Verzeichnis auf.
Die „Frauenbüste (Büste L.)“ ist nach Lehmbrucks künstlerischem Neubeginn die erste Plastik, bei der er sich vor allem von Maillol hatte inspirieren lassen. Durch den leicht geneigten Kopf mit nach innen gerichtetem Blick ist sie eine der ersten für ihn so charakteristischen Plastiken der Verinnerlichung. Mit einer Ausführung in Marmor und einer Provenienz aus der Sammlung Hermann Hertz stellt sie einen Höhepunkt der deutschen Bildhauerei im 20. Jahrhundert dar.
Werkverzeichnis
Schubert 50 C
Zertifikat
Wir danken Dietrich Schubert, Heidelberg, und Christoph Brockhaus, Mülheim an der Ruhr, für die Beratung.
Provenienz
Sammlung Hermann Hertz, Köln (seit 1912); seitdem in Familienbesitz Deutschland/Niederlande/Belgien in direkter Abstammung
Literaturhinweise
Kunst und Künstler 1913, S. 194, mit Abb.; Dietrich Schubert, Die Kunst Lehmbrucks, Dresden/Worms 1990, S. 149-150; Susanne Schiller/Roland Dorn, Stiftung und Sammlung Sally Falk, Mannheim 1994, S. 80; Barbara Schaefer (Hg.), 1912. Mission Moderne. Die Jahrhundertschau des Sonderbundes, Ausst. Kat. Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Köln 2012, S. 612, Nr. 601A, mit Abb.; Marion Bornscheuer, Wilhelm Lehmbruck als Marmorbildhauer?, Norderstedt 2012, S. 19, mit Abb.
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